Mütter fühlen sich nach der Spitalgeburt oft im Stich gelassen

Schweizer Geburtskliniken sind gut. Die Säuglingssterblichkeit entsprechend tief, der Tod im Kindbett selten. Dennoch fühlen sich viele Frauen nicht optimal aufgehoben: Sie vermissen die emotionale Unterstützung. Frisch gebackene Mütter fallen nach der Geburt oft in ein Gefühlstief.

Ein Mann hält ein frischgeborenes Kind im Arm.

Bildlegende: Eine gute Betreuung nach der Geburt ist entscheidend – trotzdem wurde in diesem Bereich immer mehr gespart. Keystone

Immer sicherer, immer schneller: Die Abläufe in den Geburtsabteilungen hiesiger Spitäler sind geprägt von Risikoabsicherung und Beschleunigung. Zeit und Zuwendung, damit sich Mutter und Kind in Ruhe aufeinander einstellen können, werden da oft vernachlässigt. Eine Studie der Hochschule Luzern zeigt nun: Frauen, die im Geburtshaus oder zu Hause geboren haben, fühlen sich emotional deutlich besser betreut.

Eine Geburt, drei Tage Spital, wochenlang Stress

Viele Wöchnerinnen erleben die erste Zeit mit ihrem Baby als stressreiche und überfordernde Aufgabe. Das trifft vor allem auf jene Frauen zu, die ihr Kind im Spital auf die Welt bringen. Sie werden heute in der Regel drei Tage nach der Geburt nach Hause entlassen. So will es die Fallpauschale, also die Vergütung von medizinischen Leistungen pro Behandlungsfall. In den 1970er-Jahren blieben Mütter im Schnitt noch zehn Tage im Spital, in der 1990er-Jahren eine Woche.


Der emotionale Taucher nach der Geburt

4:09 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 22.10.2014

Doch Frauen fühlen sich nach einer Spitalgeburt vom Fachpersonal oft im Stich gelassen. Das, obschon die Spitäler in den letzten Jahren stärker versuchen, auf die Wünsche der Gebärenden einzugehen und von der Wassergeburt bis zum Gebärstuhl vieles anbieten. Was die Frauen vermissten, sei nicht die Vielfalt, sondern die Beständigkeit, sagt Claudia Meier Magistretti, Gesundheitsforscherin und Autorin der Studie: «Viele Frauen leiden unter dem ständigen Wechsel des Personals und den damit verbundenen Beziehungsabbrüchen.» Zudem spürten sie, welchem Zeitdruck die Ärztinnen, Hebammen und Pflegenden ausgesetzt sind und behielten deshalb ihre Anliegen eher für sich.

Der Wunsch nach mehr Hebammen und Ärzten

Die Hand eines Erwachsenen hält die Hand eines Neugeborenen.

Bildlegende: Auch wenn sie nicht alleine sind, fühlen sich Wöchnerinnen kurz nach der Geburt oft alleine gelassen. Flickr/Bridget Colla

Alle 1000 Frauen, die an der Studie der Hochschule Luzern teilnahmen, wünschten sich eine Hebamme oder eine Bezugsärztin, die sie durch den ganzen Prozess begleitet. Aber das rational und ökonomisch geprägte Gesundheitswesen von heute lasse diese Kontinuität gar nicht zu, kritisiert Gesundheitsforscherin Meier Magistretti.

Obwohl viele Studien den Nutzen einer emotionalen Begleitung nach der Geburt stützten: «Die Mutter-Kind-Beziehung, die Partnerschaft und die Gesundheit der ganzen Familie sind besser. Längerfristig zeigen die Kinder weniger psychische Auffälligkeiten und es kommt in den Familien seltener zu Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung.»

Emotionales Loch und Versorgungslücke

In der Schweiz haben Mütter zwar Anrecht auf eine kurze Betreuung durch eine Hebamme nach der Geburt. Die Krankenkassen müssen bis zum zehnten Tag nach der Geburt für die Kosten aufkommen. Doch wissen das viele Frauen nicht. Viele frisch gebackenen Mütter fallen deshalb nach der Geburt nicht nur in ein emotionales Loch, sondern auch in eine Versorgungslücke.

In den beiden Basel haben sich deshalb vor rund zwei Jahren freiberufliche Hebammen im Netzwerk «FamilyStart» zusammengetan. Dies, um in Zusammenarbeit mit dem Universitätsspital und einer privaten Geburtsklinik jeder Frau zumindest in den ersten Tagen nach der Geburt eine individuelle Unterstützung zu Hause zu ermöglichen.

Betreuung rechnet sich auch ökonomisch

Die Auswertung des ersten Betriebsjahres von «FamilyStart» zeigt: Investitionen in die Nachbetreuung rechnen sich auch ökonomisch. Die Arzt-Kosten der Babys betreuter Mütter waren im ersten Lebensmonat sehr viel tiefer als jene von Babys, deren Mütter nicht intensiv nachbetreut wurden.

Elisabeth Kurth, Public-Health-Expertin der Universität Basel und Geschäftsführerin von «FamilyStart», beurteilt die gegenwärtige Entwicklung gerade angesichts solcher Zahlen als paradox: «Man weiss zwar immer besser, wie wichtig eine gute Betreuung des Säuglings und der Mutter ist, aber in den letzten Jahrzehnten wurde gerade in diesem Bereich immer mehr gespart.» Kurth plädiert daher auch aus wissenschaftlicher Sicht dafür, dass wieder mehr in die frühe Phase nach der Geburt investiert wird.