Nach dem Tod von Hugo Chávez – was bleibt?

Nach dem Tod des venezolanischen Präsidenten steht das Land unter Schock. Für seine Anhänger war Hugo Chávez mehr als ein Politiker, er galt ihnen als Heilsbringer. Aber was wird von dieser Heldenverehrung bleiben?

Eine Venezolanerin hält ein Plakat vom verstorbenen Präsidenten Hugo Chavez in der Hand.

Bildlegende: Trauer in Venezuela: Hunderttausende zogen am Mittwoch in Caracas auf die Strasse, um Chávez das letzte Geleit zu geben. Keystone

Nach dem Tod von Hugo Chávez versinken die Menschen in Venezuela in Trauer. Binnen kürzester Zeit wurde das Spital in Caracas, in dem Venezuelas Präsident starb, zum Wallfahrtsort für seine Anhänger. Hunderte Menschen versammeln sich am Dienstag nach der Nachricht vom Tod des Staatschefs vor der Klinik, Hunderttausende erteilten dem «Commandante» die letzte Ehre, als der Sarg am Mittwoch durch die Strassen der Hauptstadt Caracas getragen wurde.

Obwohl Chávez' Krebserkrankung seit längerem bekannt war, steht die Bevölkerung unter Schock. Diese Schockstarre sei immer noch spürbar, vor allem in den Strassen von Caracas, sagt Thomas Meister, der an der Universität von Caracas zu den kulturellen Unterschieden zwischen Venezuela und der Schweiz geforscht hat und seit fünf Jahren in Venezuela lebt.

Eine Ikone des lateinamerikanischen Sozialismus

Caracas aus der Vogelperspektive - die Strassen sind voll mit Menschen.

Bildlegende: Während des Trauerzugs waren die Strassen in Caracas voll, ansonsten herrscht eine gespenstische Ruhe. Keystone

Zwar strömten die Massen in die Innenstadt, um Chávez' Sarg das letzte Geleit zu geben, aber ansonsten ist es in Caracas ruhig. Vor allem in den ärmeren Vierteln, wo die «Chávistas», die Anhänger von Hugo Chávez leben. «Gespenstig ruhig», wie Meister im SRF-Interview beschreibt.

Chávez' Tod traf gerade die ärmeren Schichten ganz unmittelbar, was vor allem mit dem Personenkult rund um Hugo Chávez zu tun habe, so Meister: «Dieser Personenkult ist sehr ausgeprägt, viele Venezolaner sehen ihn als Teil ihrer eigenen Familie.»

Dass diese Ikone des lateinamerikanischen Sozialismus tatsächlich an einer «gewöhnlichen» Krebserkrankung, also einer ganz alltäglichen Todesursache sterben würde, passt nicht zu einem Revolutionsführer, zum «Commandante», zu Hugo Chávez.

So habe die Regierung in Caracas in den letzten Monaten und Wochen deshalb eine gewaltige Propagandamaschinerie in Gang gesetzt, sagt Meister. Die Niederlage von Hugo Chávez gegen den Krebs musste als letzter Kampf inszeniert werden.

Chávez wurde zum Märtyrer

Sein Tod war wird also nicht als ein normaler Tod aus gesundheitlichen Gründen dargestellt: «Die letzten Monate waren von Chávez' Krankheit geprägt, aber noch mehr von seinem Kampf. Dieses Wort wurde ganz bewusst benutzt, um den Heldentod inszenieren zu können. Chávez ist also kämpfend gestorben – für die Revolution. Das ist wichtig, um Chávez auch in Zukunft als Führer der bolivarischen Revolution zu inszenieren. Er ist ein Märtyrer.»

Die Propaganda der Regierung hatte also Erfolg. Die grosse Masse der Leute werde auch noch in zehn Jahren von Hugo Chávez als dem grossen Befreier, dem Revolutionsführer sprechen, so Meister: «Mit der Zeit wird es auch eine Verklärung geben, und die Probleme der Politik von Chávez werden verdrängt.»

Denn Chávez hinterlässt ein gespaltenes Land: Vor allem bei der ärmeren Bevölkerung kam seine Umverteilungspolitik an, Kritiker warfen dem linkspopulistischen Staatschef autokratische Züge vor. Trotzdem wird von Chávez das «Positive nachklingen, während das Negative verschwindet», sagt Thomas Meister. So wird der Name Hugo Chávez auch noch in zehn oder zwanzig Jahren in einem Atemzug mit dem grossen südamerikanischen Revolutionsführer Simon Bolivar genannt werden, so wie sich es Chávez immer erträumt hatte.