Zum Inhalt springen

Nachruf auf Cyberpionier John Perry Barlow, Kämpfer für Netzneutralität, ist tot

1996 schrieb John Perry Barlow die «Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace» – eine erstaunlich frühe Kritik an der staatlichen Kontrolle im Netz. Nun ist er 70-jährig verstorben.

Porträt eines Manne mit Bart.
Legende: «Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Lasst uns in Ruhe!», schrieb John Perry Barlow 1996. Getty Images

Früher schrieb John Perry Barlow Songtexte für The Grateful Dead, nahm LSD und züchtete Rinder in Wyoming. Dann kam das Internet.

Barlow nutzte das Internet bereits zu einer Zeit, als die meisten noch Briefe schrieben und den Brockhaus als Informationsquelle benutzten, nämlich Mitte der 1980er-Jahre. Er wurde zum Pionier, der sich früh mit Netzthemen auseinandersetzte. Das Internet stand für ihn für die Freiheit, von der er immer geträumt hatte.

Barlow witterte Gefahr

Barlow rief zusammen mit einem Softwaremillionär die «Electronic Frontier Foundation» ins Leben, die noch heute für freie Netze und gegen Überwachung kämpft. Und er ist Mitbegründer der «Freedom of the Press Foundation», zu der auch Edward Snowden und Laura Poitras gehören.

Seine «Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace» schrieb John Perry Barlow 1996 – als Reaktion auf ein neues Gesetz. Der sogenannte Telecommunications Act sollte den Telekommunikationssektor kommerzialisieren und die Redefreiheit zum Zweck des Jugendschutzes einschränken. Barlow witterte Gefahr für die Freiheit des Netzes. Und begann zu schreiben.

«Lasst uns in Ruhe!»

«Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Lasst uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen ...»

In diesem feierlichen Ton geht Barlows «Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace» weiter. Sinngemäss schrieb er, die Regierungen sollen die Finger vom Cyberspace lassen. Das Netz sei demokratisch und es herrsche Redefreiheit.

Ausserdem, so Barlow, sei der Cyberspace körperlos. Man würde selber eine eigene Ethik entwickeln – und im Netz sei alles gratis.

Fünf Männer stehen im Kreis und diskutieren.
Legende: Im Kreis der Mächtigen: John Perry Barlow (Mitte) 1991 am PC Forum in Tuscon, an dem auch Bill Gates (rechts) teilnahm. Getty Images

Vorbild für den «Chaos Computer Club»

Es ist erstaunlich, wie viele Themen Barlow bereits vor über 20 Jahren angesprochen hat. Noch heute bezieht sich der Hackerverein Chaos Computer Club (CCC) auf einige Stellen seines Manifestes. Denn auch der CCC kämpft für freien Zugang zu Information sowie sichere Datenübermittlung im Netz und wehrt sich gegen staatliche Überwachung und Internetzensur.

Hernani Marques, Aktivist und Pressesprecher vom Schweizer Ableger des CCC, erwähnte in einem Gespräch 2016 aber auch Punkte in Barlows Manifest, die inzwischen anders aussehen: Die Unterscheidung von realem Leben und Cyberspace liesse sich heute nicht mehr so deutlich machen – man denke nur an die Smartphones, mit denen das Internet heute allgegenwärtig sei.

Barlow habe auch nicht vorausgesehen, wie stark das Internet automatisiert werden sollte. So würden User heute oftmals automatisch kategorisiert, eingeteilt und aussortiert, etwa von Bank- oder Zensursystemen, bei denen der Mensch keinen Einfluss mehr habe.

Viele richtige Voraussagen

In den meisten Punkten aber hätte Barlow vieles richtig eingeschätzt, sagte Marques vor 2 Jahren: «Er hat richtig analysiert, dass es Versuche geben wird, die Herrschenden – seien es die Staaten oder die Privatwirtschaft – versuchen, mit Zensur und Überwachung das Internet zu kontrollieren. Spätestens seit Snowden ist allen klar geworden, dass die Situation masslos ausgeartet ist.»

Allerdings, so Marques, sei die Situation mittlerweile bedenklicher geworden als es Barlow befürchtet hatte. Bezüglich der Freiheit im Netz stünden wir an einem Wendepunkt: «Wenn wir nicht politisch und technisch dafür sorgen, dass die Leute die Freiheit im Internet wahren können, verliert das Netz die Befreiungskomponente, die es ursprünglich hatte.»

In manchen Punkten utopisch

Aus heutiger Sicht ist das Manifest also vielleicht in manchen Punkten utopisch. Und doch: Die «Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace» gilt bis heute als einer der am häufigsten kopierten Texte in der Geschichte des Internets. Die Hinterlassenschaft des Internetpioniers John Perry Barlow, der am Mittwochmorgen im Alter von 70 Jahren verstorben ist.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kulturnachrichten, 8.2.2018, 16.30 Uhr

2 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Bruno Janthiang, Banglamung
    Eines konnte John Perry Barlow aber auch nicht vorhersehen. Nämlich der Hass und Krieg im Internet unter den Usern. Die Welt ist sehr unfreundlich im Umgang miteinander geworden, darum braucht es die Überwachung/Zensur. Schauen wir doch nur mal wie es bei den Medien-Kommentaren in Facebook zu und her geht. Schauen wir doch, wie es bei den Gruppen auf Facebook, zum Beispiel bei den Stars, zu und her geht. Da zeigen sich die Abgründe derAnonymität und darum braucht es eine Überwachung.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von M.Schmid, Bern
      Die Leute können alle auf die weisse oder schwarze Liste setzen, die sie wollen. Es braucht keine vorsorgliche Überwachung oder staatliche Zensur, um das Problem nicht netter Menschen zu lösen In Extremfällen sollte allenfalls auf richterliche Anordnung untersucht / überwacht werden, mit allen bürokratisch überwachten Einschränkungen und Transparenz im Nachhinein.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen