Neue Technologien für alte Menschen: Lebensqualität oder Last?

Ein Hörgerät schützt vor sozialer Isolation. Ein Rollator verhilft zu Mobilität. Das Smartphone macht den Chat mit den Enkeln möglich. Und ohne Treppenlift wäre ein Umzug unvermeidlich. Gerotechnik erhöht die Lebensqualität von alten Menschen. Aber sie hat auch Schattenseiten.

Eine alte Frau schaut mir fröhlichem Gesicht ein kleines Ufo an, das zwei leuchtende blaue Augen hat.

Bildlegende: Science-Fiction von 1987: In «Batteries Not Included» helfen Mini-Ufos einer alten Frau. Heute sind «carebots» Realität. Imago/United Archives

Hans Werner Wahl ist Professor für Alterspsychologie. Er hat eine Antenne für technische Erneuerungen. Ihn interessiert, was die Gerotechnologie den alten Menschen wirklich bringt. Und er erforscht, wo Technik nur den Erfindergeist von jungen Ingenieuren und Informatikerinnen beflügelt oder einfach eine vielversprechenden Markt bedient.

An der nationalen Tagung der Schweizer Gesellschaft für Gerontologie hat der Heidelberger Experte 6 ethische Regeln für die Entwicklung und Anwendung von Gerotechnik skizziert, die wegweisend sein könnten:

1. Achtung: Menschlichkeit vor Maschinen

Die Gerotechnik kann alte Menschen, ihre Angehörigen oder auch Pflegefachpersonen unterstützen. Ersetzen kann sie sie niemals. Wenn Gerotechnik in Alters- und Pflegeheimen eingesetzt wird, um Personalkosten zu sparen, ist Altersfeindlichkeit statt Altersfreundlichkeit am Werk.

2. Achtung: Die Zweiklassengesellschaft

Der Umgang mit den nützlichen Apps braucht Köpfchen. Aber auch nur schon für die korrekte Handhabung des Rollators oder der Alarmuhr am Handgelenk ist Savoir-faire gefragt. Was ist aber mit den geistig eingeschränkten Alten? Wenn die Technologie immer nur für die fitten Betagten gemacht wird, entsteht Diskriminierung.

3. Achtung: Art pour Art

Es muss darauf geachtet werden, dass die Technologieentwicklung nicht an den Alten vorbeizielt und eine «Art pour Art» wird. Das passiert, wenn Ingenieure und Altersforscherinnen nicht zusammenspannen. Bisher ist das kaum geschehen – obwohl es dringend nötig wäre. Sonst kommt wird die Gerotechnologie von der einen über- und von der anderen Seite unterschätzt.

4. Achtung: Unnötige Hilfe

Technische Hilfsmittel dürfen den alten Menschen nicht zu sehr verwöhnen oder gar invalidisieren. Eine agile 90-Jährige, die sich noch gut bücken kann, braucht keine Greifzange. Noch nicht. Zum Glück.

5. Achtung: Ressourcenwaage

Aufwand und Ertrag müssen in Balance sein. Wenn das Training mit dem Smartphone und den dazugehörigen Apps für den alten Mann Wochen dauert, muss der Gewinn an Autonomie und Lebensqualität danach schon beträchtlich sein. Entpuppt sich der Mann nach dem Training als Technikmuffel, war die Ressourcenwaage in arger Schieflage.

6. Achtung: Big Data

Wenn alte Menschen mit einer Senioren-Smartwatchunterwegs sind, liefern sie eine riesige Datenmenge. Ihr Blutdruck, ihr Puls, ihre Schrittzahl und mehr wird dokumentiert. Es ist jederzeit einsehbar, wo sie gerade sind und wie lange sie sich dort aufhalten. Sie sind kontrolliert, und wissen meist nichts von ihrer «Gläsernheit». Faire Aufklärung und Information sind deshalb ein Muss.

Gerontechnologie

Unter Gerontechnologie oder Gerotechnik vertsteht man die Anpassung von Technikprodukten für alte Menschen. Darunter fallen zum Beispiel Designlösungen zur leichten Handhabung von Alltagsgeräten oder Werkzeugen oder die Entwicklung von Hightech-Produkten bei typischen Altersleidern wie der Hörschwäche oder Sehbehinderungen.

Sendung zu diesem Artikel