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«Atlas der Umweltmigration» Nichts wie weg – die Umwelt zwingt Menschen zur Flucht

Steigende Meeresspiegel und extreme Dürren: In Zukunft werden immer mehr Menschen flüchten müssen, weil Umweltkatastrophen sie dazu zwingen. Ein Atlas liefert Argumente für eine andere Migrationspolitik.

Ein Mann läuft über ein ausgetrocknetes Gebiet
Legende: Extreme Dürre macht in China diesem Bauern das Überleben schwer. KEYSTONE
  • Bis zu 200 Millionen Menschen werden in den nächsten Jahren aufgrund von Umwelteinflüssen zu Umweltmigranten.
  • Im «Atlas der Umweltmigration» sind Fakten, Beispiele und Grafiken gesammelt und übersichtlich dargestellt.
  • Das Buch ist für Laien und Fachleute interessant.

Für die Bewohner von Vanuatu wirds allmählich eng. Der Meeresspiegel steigt – zwischen 0,3 und 1 Meter bis zum Ende dieses Jahrhunderts. Das schätzt der Weltklimarat IPCC in seinem neusten Bericht.

Das wäre das Ende von Vanuatu und vielen weiteren Inseln im Südpazifik, die sich oft nur wenige Meter aus dem Meer erheben. Vanuatu ist nur ein Brennpunkt unter vielen: Eine Weltkarte im «Atlas der Umweltmigration» zeigt, dass auch New Orleans betroffen sein wird. Und erst recht Bangladesch.

Schutz kostet Geld

Wer ist ein Umweltmigrant und wer nicht? Darüber wird momentan heftig debattiert. Mit gutem Grund: Nur Migranten, die als solche definiert sind, fallen unter Gesetze. Dabei handelt es sich zum Grossteil um Schutzgesetze. Schutz aber kostet Geld, und wo Geld im Spiel ist, wird gefeilscht.

Umweltmigration ist ein Wort, das erst seit 15 Jahren auf der Agenda der internationalen Politik steht. Seither gibt es eine Studie nach der anderen. Und damit verbunden auch Streit über deren jeweilige Gültigkeit.

Verantwortung übernehmen

Unterm Strich weisen die Prognosen in eine eindeutige Richtung: In den nächsten Jahren werden bis zu 200 Millionen Menschen aufgrund von Umwelteinflüssen auf der Flucht sein. Sei es wegen Naturkatastrophen, Klimaveränderungen oder Landgrabbing, also Landraub.

Die meisten Umweltveränderungen sind menschengemacht. Aber erst allmählich setzt sich die Erkenntnis durch: Wir stehen in der Pflicht. Wie aber umgehen mit diesen Massen, die sich in den kommenden Jahrzehnten in Bewegung setzen werden?

Überflutetes Gebiet in Bangladesch
Legende: Gefährdetes Bangladesch: Überflutungen in der Nähe von Dhaka im August 2017. IMAGO/Xinhua

Auf diese Frage gibt auch der «Atlas der Umweltmigration» keine klare Antwort. Gleichzeitig macht er klar, dass es eine eindeutige Antwort nicht geben kann. Was ein Atlas aber zu leisten vermag, ist die Faktenlage zu präsentieren.

Unterstützt von zahlreichen Grafiken werden Themenfelder und Fallbeispiele durchdekliniert. Dabei fällt auf, wie die Autorinnen Projekte und Massnahmen beleuchten, die Migration als Herausforderung tatsächlich ernst nehmen.

Mit den migrierenden Menschen

Deutlich wird auch, dass sich in immer mehr Institutionen und politischen Gremien ein Paradigmenwechsel ankündigt. Neu heisst es: Mit den migrierenden Menschen und nicht nur gegen sie. Eine anspruchsvolle Strategie – schliesst sie doch mit ein, dass die Migrationsströme ganz neu analysiert und bewertet werden müssen.

Der neu geschaffene Begriff der Umweltmigration ist eine erste Voraussetzung für diese Neubewertung. Es ist notwendig, diesen Begriff nun zu schärfen. Entsprechend akribisch haben die Autorinnen Fakten gesichtet, gesammelt und diese in Kapitel aufgearbeitet – überschaubar und übersichtlich.

Klimapolitik ist Migrationspolitik

Fakten verdichten sich so zu Argumenten. Damit dürfte der Atlas der Umweltmigration sowohl für den interessierten Laien als auch für engagierte PolitikerInnen zu einem hilfreichen Wegweiser werden.

Dies umso mehr, da in Zukunft die menschliche Mobilität zunehmend Eingang in die Klimapolitik finden wird. Und umgekehrt «Umweltthemen in die politische Debatte über Migration mit einfliessen», wie es die Autorinnen formulieren.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kontext: Das Sachbuchquartett, 31.08.2017, 09:02 Uhr

Die Autorinnen

Dina Ionesco und Daria Mokhnacheva arbeiten bei der Internationalen Organisation für Migration IOM im Bereich Migration, Umwelt und Klimawandel.

Der Migrationsforscher François Gemenne arbeitet am Institut für politische Studien Paris. Er ist spezialisiert auf Umwelt-Geopolitik.

Buchhinweis

Dina Ionesco, Daria Mokhnacheva, François Gemenne: «Atlas der Umweltmigration». Oekom Verlag, 2017.

7 Kommentare

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  • Kommentar von Paul Bossert (Klimamanifest_2007)
    Wenn hier von SRF-Journalisten behauptet wird: "Unterm Strich weisen die Prognosen in eine eindeutige Richtung: In den nächsten Jahren werden bis zu 200 Millionen Menschen aufgrund von Umwelteinflüssen auf der Flucht sein." so ist Behauptung UNWAHR und FALSCH! Denn es gibt KEINE solchen PROGNOSEN. In Wahrheit sind es mit Computern erstellte szenarienbedingte Projektionen, die unter politisch-gewollten Annahmen Zukunftsvisionen erstellen. Das sind KEINE Prognosen, sondern Computer-Spiele.
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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    Es ist kaum zu glauben, man redet und gipfelt seit Jz über die Folgen der Klimaerwärmung, werweist über deren Bekämpfung, welche eine rein symptomatische ist. Wieso werden Ursachen und Zusammenhänge nicht deutlich u.verständlich vor Augen gehalten, wieso darf man das hier nicht erwähnen? Stopp+Wiederaufforstung der Urwälder zB, von denen nur noch 25% übrig sind, der Vermüllung und Überfischung der Meere, der Überbevölkerung uvam. Das jedenfalls würde Verursacher und Betroffene eher wachrütteln.
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  • Kommentar von Peter Brenner (Brenner)
    "Der Weltklimarat schätzt..." Für einen relevanten Anstieg des Meeresspiegel bei Vanuatu - und auch für andere "dem Untergang geweihte" Pazifikinseln - geben die offiziellen Pegelmessungen der australischen Regierung (http://www.bom.gov.au/ntc/IDO70059/IDO70059SLI.shtml) keinerlei Anhaltspunkte, sie sind stabil seit Messbeginn 1994. Trotz mehrerer Anfragen an Klimawissenschaftler und Medien konnte mir bis jetzt niemand den offensichtlichen Widerspruch erklären.
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    1. Antwort von SRF Kultur
      Es müssen verschiedene Aspekte berücksichtigt werden. Eine einzelne Pegelmessstation erlaubt nur ein eingeschränktes Bild. Das Meer steigt nicht an allen Stellen gleichmässig an. Das hat z.B. mit Strömungsverhältnissen zu tun. Im vorletzten Bericht des Weltklimarats ist eine Grafik abgebildet, die das zeigt (https://www.ipcc.ch/publications_and_data/ar4/wg1/en/figure-10-32.html). Dort ist zu sehen, dass der bisherige Anstieg im südlichen Pazifik tatsächlich schwächer war, als an anderen Orten. Dies muss aber nicht so bleiben. Dazu kommen andere Faktoren, z.B. Stürme. Sie könnten mit der Klima-Erwärmung stärker werden und damit die Bewohner an den Küsten zusätzlich bedrohen.
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    2. Antwort von Peter Brenner (Brenner)
      @SRF Kultur: Es handelt sich nicht um eine einzelne, sondern um praktisch alle Messstationen der besagten Südseeinseln. Dass Stürme vermehrt und stärker auftreten, ist ein Computer-Szenario, das in den historischen Beobachtungen keine belastbare Stütze findet -sogar laut ICCP (2013). Und Hand aufs Herz: Wenn Ihr Statement korrekt ist, rechtfertigt dieses den medialen Alarmismus, der suggeriert, dass der Untergang der Inseln aufgrund steigenden Meeresspiegels bereits stattfindet?
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