Normen für Jugendliche - witzig und einfach erklärt

Wir stehlen nicht, wir gehen angemessen gekleidet aus dem Haus, wir hören auf Politiker und wir bezahlen Steuern. Weshalb? Weil unsere Gesellschaft das beschlossen hat. Der Journalist Nikolaus Nützel erklärt in seinem Sachbuch für Jugendliche «Ihr schafft mich!», wie Normen zustande kommen.

Zwei Jugendliche sitzen auf einer Treppe, in den Händen einen Kebap.

Bildlegende: Verhalten im öffentlichen Raum: Jugendliche haben zahlreiche Normen einzuhalten - oder eben nicht. Keystone

Das ist schon ein Ding: Da sagt einer, was man tun und lassen soll – und alle halten sich dran. Bloss weil er eine Krone auf hat und in einem Schloss wohnt. Warum eigentlich? Weil wir Menschen ein Interesse daran haben, als Gemeinschaft zu funktionieren – und dazu innerhalb dieser Gemeinschaft Verabredungen zum Zusammenleben getroffen haben.

Zu diesem Schluss kommt Autor und Journalist Nikolaus Nützel in seinem Jugendsachbuch «Ihr schafft mich!». Zu den Verabredungen gehöre auch, dass sich jemand nebst der Ausarbeitung auch um die Einhaltung dieser Verabredungen kümmere – deswegen gäbe es den König oder ein Parlament, je nach politischem System.

Die Frage nach dem Warum

Die Frage «Warum eigentlich?» ist eine Art Leitmotiv des Buches. In Anekdoten erzählt Autor Nikolaus Nützel von Begebenheiten und schildert Beobachtungen, um dann die Frage nach dem Warum anzubringen. Das Ganze fasst er in eine launische Sprache, die durchaus auch in einen Dialog mit den Lesenden münden kann. Dieser Schreibstil ist eine der Stärken des Buchs.

Das ganze Leben besteht aus Verabredungen. Auf dieser Grundlage erklärt Nützel unser Gesellschaftssystem. Dabei beschränkt er sich nicht auf Politik, Staat und Wirtschaft, sondern thematisiert auch Normen aus unserem Alltag. Warum wir gewisse Menschen siezen und weswegen wir in Kleidung aus dem Haus gehen wird im Buch ebenso beantwortet wie die Frage, warum wir dem Klassenkollegen das begehrte Handy nicht klauen.

Stark vereinfacht

Nikolaus Nützel, der als Journalist vor allem in den Themenbereichen Wirtschaft- und Sozialpolitik tätig ist, hat sich eine grosse Aufgabe gestellt: Die Freiheit des Individuums behandelt er ebenso wie das Zustandekommen unserer Wirtschaft. Sigmund Freuds Kerntheorie vom «Ich», «Es» und «Über-Ich» handelt er auf einigen wenigen Seiten ab.

Wer so verkürzen muss, läuft Gefahr, zu simplifizieren. Nützel ist sich dessen bewusst. Immer wieder schlägt er den Lesenden deshalb vor, bei tieferem Interesse dazu im Internet zu recherchieren. Damit spricht er gezielt das Medienverhalten der Jugendlichen an.

Reizthema Kopftuch

Bei manchen Themen funktioniert die Verkürzung wunderbar. Welche Schwierigkeiten jedoch entstehen können, zeigt das Reizthema Kopftuch anschaulich: Um aufzuzeigen, wie ambivalent unsere Reaktionen ausfallen, benutzt er das Bild einer Deutschen, die das Kopftuch zu Verkleidungszwecken trägt im Gegensatz zu einer Muslimin, bei der das Kopftuch Teil ihrer Religion ist. Der Autor fasst das zu Thema eng und vergibt damit die Chance, die jugendliche Leserschaft auch für andere Religionsgemeinschaften zu sensibilisieren – im Judentum spielt das Kopftuch zum Beispiel ebenfalls eine wichtige Rolle.

Braucht es Noten?

Nikolaus Nützel hat allerdings keineswegs die Absicht, objektiv über Normen zu berichten. Immer wieder macht er seine eigene Position klar und spart nicht an bissigen Kommentaren: Gesellschaftlicher Aufstieg sei meist einem wohlhabenden Elternhaus zu verdanken, soziale Gerechtigkeit gebe es keine.

Über das Bewertungssystem in Schulen schreibt er: «Noten sind nicht dazu da, dass Schüler mehr lernen. Sie sind dazu da, in unserer Leistungsgesellschaft festzustellen, wer oben und wer unten landen soll.» Als elftes, wichtigstes Gebot unserer Gesellschaft bezeichnet Nützel die Wettbewerbsfähigkeit. Dabei betont er immer wieder, man solle diese Normen, die wir internalisiert, also verinnerlicht haben, wach und kritisch hinterfragen. Das also ist sein Kernanliegen.

Witzig illustriert

Die Lektüre von «Ihr schafft mich!» regt zum Denken an. Den Jugendlichen hilft bestimmt Nützels witzige Sprache, welche die teils schwierige Thematik locker aufbricht. Den gleichen Dienst erfüllen die Illustrationen von Rattelschneck – so nennen sich die deutsche Cartoonisten Marcus Weimer und Olav Westphalen, welche auch schon in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» oder der «Zeit» veröffentlicht haben. Ihre Zeichnungen sind ein weiterer, meist bissiger Kommentar zu Normen.

Buchhinweis

Nikolaus Nützel: «Ihr schafft mich! Wie andere dein Leben bestimmen. Und wie du dein Leben selbst bestimmen kannst». cbj, 2013.

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