Papst auf USA-Besuch: Missbrauchsopfer sind enttäuscht

Der südamerikanische Papst verzaubert die Nordamerikaner – jedoch längst nicht alle: Die zahlreichen Opfer, die als Kind von Priestern missbraucht wurden, sind enttäuscht von ihm – wie Barbara, Chuck und Kevin. Für sie sind die päpstlichen Worte leere Versprechungen. Sie wollen Taten sehen.

Zwischen dunklen Menschensihouetten sitzt der Papst auf einem Sessel.

Bildlegende: Die Stimmen der Missbrauchsopfer gehen im Jubel unter: Der Papst am «Festival of Families» in Philadelphia. Reuters

Am Ende seines Besuch in Philadelphia kam es dann doch noch dazu: Der Papst traf Opfer, die als Kind von Kirchenmännern sexuell missbraucht worden waren. Er trage deren Leid im Herzen, sagte er vor Bischöfen aus aller Welt, die am Weltfamilientreffen in Philadelphia teilnahmen. Dazu äusserte Franziskus «tiefe Scham, dass Personen, denen diese Kleinen anvertraut waren, ihnen Gewalt antaten». Gott weine angesichts dieser Verbrechen, «es tut mir zutiefst leid», sagte Franziskus und betonte: «Die Verbrechen des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen dürfen nicht länger geheim gehalten werden. Ich verspreche, dass alle Verantwortlichen dafür Rechenschaft ablegen werden.»

«Es sind wieder nur Versprechungen»

Nun, was sagen die Opfer des Missbrauchs zu den päpstlichen Worten? Barbara, Chuck und Kevin – drei Betroffene – gehören zu einer kleinen Gruppe von Demonstranten, die in Washington mit Flugblättern auf der Strasse stehen und sich beim Papst Gehör verschaffen wollen. «Es sind wieder nur Worte, Versprechungen», sagt Barbara und fügt an: «eine nette PR-Aktion, die nur das eine Ziel hat: Sie soll den Katholiken gut tun, sie können sich nun besser fühlen, der Papst will sich ja nun darum kümmern.»

Aber das verspreche der Pontifex schon seit zwei Jahren – und nichts sei bisher passiert. «Die Kinder dieser Welt sind immer noch nicht sicher vor den Übergriffen der Kleriker», sagt die Aktivistin. Der Papst habe bis jetzt nicht einen der Schuldigen zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenteil: Jene Bischöfe, die fehlbare Priester deckten und einfach wegsähen, lasse er still und heimlich pensionieren.

Der Papst in weisser Kutte.

Bildlegende: Jubel beim Ankunft in Philadelphia – doch manche fragen sich: Macht der Papst zu wenig für Missbrauchsopfer? Reuters

Falsche Schuhe als Beweis für Bösartigkeit

Barbara war gerade sechs Jahre alt, als sie in ihren braunen Lieblingsschuhen statt in den vorgeschriebenen schwarzen Lackschuhen in die Kirche ging. Der Priester sah die falschen Schuhe als Beweis für ihre Bösartigkeit und sagte ihr, Gott habe ihn geschickt, um ihre Seele zu retten. Er vergewaltigte das Mädchen, immer wieder, sieben Jahre lang.

Chuck wurde als 9-Jähriger über drei Jahre lang von einem Priester und dessen Freunden vergewaltigt. Dann kamen die Übergriffe dem Vorgesetzten des Priesters zu Ohren. «Du Brut des Satans, wie konntest du diesen heiligen Mann verführen» – das war alles, was der alte Kirchenmann zum inzwischen 12-jährigen Buben sagte.

Kevin war 14 Jahre alt, als ihn ein Pater in sein Büro führte, die Vorhänge zuzog und ihn missbrauchte.

Mehrere Bischöfe verdächtigt, Missbrauch vertuscht zu haben

«Dieser Papst hat für uns bis jetzt nichts getan», sagt Barbara. Sie und ihre Leidensgenossen haben gehofft, dass sich Papst Franziskus in den USA auch für die Missbrauchsopfer einsetzen würde – so aktiv, wie er das bei Themen wie Armut, Krieg und Klimawandel tut. Zwar hat er das Missbrauchsthema nicht nur in Philadelphia, sondern auch in Washington D.C. kurz angesprochen, in einer Kirche. Da jedoch waren seine Worte nicht an die Opfer gerichtet, sondern an die dort versammelten Bischöfe der USA. Franziskus betonte den Mut, den diese in der Missbrauchskrise gezeigt hätten.

Chuck und Barbara waren am Boden zerstört: «Wie kann dieser Papst die Bischöfe mit so vielen warmen Worten eindecken, und uns hat er nichts zu sagen?» Für die Opfer sind gerade führende Kirchenmänner mitverantwortlich für ihr Leid.

Mehrere Bischöfe werden verdächtigt, dass Missbrauchsfälle vertuscht und fehlbare Priester gedeckt zu haben, etwa Kardinal Roger Mahony von der Erzdiözese Los Angeles. Ein Verfahren von über 500 Klägern endete mit einem Vergleich, den die Kirche über 600 Millionen Dollar kostete. Beim Papstbesuch sass Kardinal Mahony in der besagten Kirche in der ersten Reihe.

Opfer wollen Taten sehen

Die katholische Kirche mit ihren 70 Millionen Gläubigen in den USA begegnet den Missbrauchsskandalen unter anderem mit Richtlinien und auch einer Kommission, die vorschlägt, einen Gerichtshof einzurichten. Dieser soll untersuchen, ob Kirchenmänner einfach wegsehen, wenn Priester Kinder missbrauchen. Das könnte ein Fortschritt bei der Aufarbeitung sein, aber für die Opfer sind es leere Worte. Sie wollen Taten sehen und verlangen, dass die gesetzliche Verjährung aufgehoben wird – damit alle Missbräuche ans Licht kommen und sich alle Vergewaltiger in der US-Kirche vor Gericht verantworten müssen.

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