Papst Johannes XXIII. – der konservative Reformer

Papst Johannes XXIII. war eine bedeutende Kirchenfigur: Er prägte ein neues menschliches Papstbild und ebnete der Kirche den Weg in die Moderne. Und doch blieb der Reformer seinen konservativen Ansichten immer treu. Am 27. April 2014 wird er heiliggesprochen.

Past Johannes XXIII. bei einer Predigt.

Bildlegende: Vom Bauernsohn zum Heiligen: Papst Johannes XXIII. Keystone

«Wenn ihr heute nach Hause zurückkehrt, werdet ihr dort eure Kinder vorfinden: Umarmt sie und sagt ihnen: ‹Das ist eine Liebkosung vom Papst.›» Diese Worte von Johannes XXIII. berührten das Kirchenvolk. Er sprach als einer der ersten nicht mehr zu den Massen, sondern wusste seine Reden so zu formulieren, dass sich die Zuhörer als Individuen angesprochen fühlten. Diese Volksnähe brachte dem 1881 geborenen Angelo Giuseppe Roncalli den Übernamen «il Papa buono», der gute Papst, ein.

Der mutige Übergangspapst

Der Bauernsohn aus Bergamo zieht für sein Theologie-Studium nach Rom. 1904 wird er zum Priester geweiht. Daraufhin folgt eine steile Karriere: 1953 ernennt ihn Papst Pius XII. zum Kardinal und Patriarchen von Venedig. Fünf Jahre später wird er Papst. Doch aufgrund seines fortgeschrittenen Alters und seiner konservativen Frömmigkeit bezeichnet ihn die Presse als Kompromisslösung und Übergangspapst.

Johannes XXIII. ist nur kurz im Amt. Aber in diesen fünf Jahren beweist er Mut zur Veränderung: 1962 eröffnet er das Zweite Vatikanische Konzil, das neben der Religionsfreiheit einen verstärkten Dialog mit Anders- oder Nichtgläubigen forderte. So ebnet er den Weg der römisch-katholischen Kirche in die Moderne.

Fromm in Zeiten der Modernisierung

Überhaupt war der Papst mit dem stattlichen Leibesumfang und dem gütigen Lächeln an vielen Ecken aktiv: Er unterhielt erste Kontakte zu den Ostblockstaaten, vermittelte in der Kubakrise zwischen John F. Kennedy und Nikita Chruschtoschow und sprach sich in seiner Enzyklopädie «Pacem in terris» gegen den Atomkrieg und für ein katholisches Friedensengagement aus.

Während er die Kirche aufforderte, einen Sprung nach vorne zu wagen, hielt er stets an seiner konservativen Grundeinstellung fest. Kardinal Silvio Oddi (1910-2001) nannte ihn gar «den stursten Konservativen, den Gott auf Erden erschaffen hat.» Unter Johannes XXIII. durften Frauen den Altarraum nicht betreten. Der Reformer verbot Klerikern die Fahrt im Auto mit einer Frau, sogar wenn es sich dabei um die eigene Schwester oder Mutter handelte. Und er war ein zäher Verteidiger des Zölibats.

Während seine konservativen Ansichten vor allem in Frauenfragen gerne vergessen werden, stehen heute seine politischen, sozialen und theologischen Reformtaten im Vordergrund. «Il Papa buono», zu dessen prägendster Eigenschaft die Kraft des Herzens zählte, war ein konservativer Reformer.