Paris kehrt zur Normalität zurück

«Je suis Charlie» war nach den Attentaten auf den Strassen von Paris und in den sozialen Netzwerken überall zu lesen. Vier Tage danach zog eine Kundgebung mit anderthalb Millionen Menschen durch die Stadt. Nun kehrt die Metropole zum Alltag zurück – wie fühlt sich der an?

Auf einer Fassade steht in grossen roten Buchstaben "Nous sommes tous Charlie", neben arabischen Schriftzeichen.

Bildlegende: «Wir alle sind Charlie», nicht nur auf Französisch, sondern auch auf Arabisch: am Pariser «Institut du Monde Arabe». Reuters

Gut zwei Wochen sind nach den Attentaten von Paris vergangen. Das Gedenken bleibt sichtbar in der Stadt, etwa an der Place de la République: Das Monument der Republik in der Platzmitte mit der allegorischen Figur der Marianne – der Symbolfigur der Freiheit – ist übersät mit Blumensträussen, Kerzenlichter stehen da, Plakate und Flugblätter. Toute la république ist «Charlie».

Schweigeminute und Gefangenenchor

Auch die Fassade des «Institut du Monde Arabe» ziert der Schriftzug «Nous sommes tous Charlie», in französischen und in arabischen Lettern. Der Präsident des Instituts und frühere Kulturminister, Jack Lang, hat sich als einer der ersten dezidiert gegen die Barbarei der Terrorakte gestellt. Das ist bedeutsam, hat das Institut doch Scharnierfunktion zwischen Frankreich und der arabischen Welt.

Viele Theater legten eine Schweigeminute ein vor Vorstellungsbeginn. In der Oper hat das gesamte Ensemble vor einer «Don-Giovanni»-Aufführung den berühmten Chor aus Giuseppe Verdis «Nabucco» gesungen: «Va, pensiero…» – ein musikalisches Freiheits-Symbol.

Eine blutrote Träne hinter einem Schleier ist zuviel

Vielerorts in Frankreich gibt es spontane Ausstellungen, etwa im Musée Tomi Ungerer in Strassburg. Aber auch in Paris im Centre Pompidou: Direktor Didier Schulmann hat hier kurzerhand eine Bibliotheksausstellung zu den Anfängen von «Charlie Hebdo» eingerichtet, als es noch die Monatszeitschrift «Charlie Mensuel» war. Es fällt auf, wie wenig sich die Ästhetik des Blatts in den 40 Jahren seines Bestehens verändert hat. Das Museum archiviert die Zeitschrift wie andere und konnte diese Ausstellung sehr schnell organisieren.

Eher die Ausnahme ist, dass ein Stück abgesetzt wurde: «Lapidée», zu Deutsch «Gesteinigt», des Lausanner Theologen und Dramaturgen Jean Chollet in einem Pariser Kellertheater. Die Steinigung gilt einer europäischen Ärztin, die einen Jemeniten heiratet, in den Jemen zieht, Mutter wird und daraufhin wieder ihren Beruf ausüben möchte. Anstoss erregt hat vor allem das Plakat der Aufführung: zwei Augen, die aus einem Schleier schauen und aus denen eine blutrote Träne quillt – so etwas geht zu weit in der aktuellen Situation.

Enorme Verunsicherung

Beim Stadtbummel zeigt sich Paris vordergründig wie immer. Man sieht erstaunlich wenig Militär und Gendarmerie, ausser an neuralgischen Punkten; da freilich schwer bewaffnet. Die Stadt lebt ihren «train de vie». Die Cafés sind besetzt, in der Métro gibt es wie immer keinen Sitzplatz, in den Geschäften locken die «soldes», der Ausverkauf.

Paradoxerweise macht Paris eher einen freundlicheren Eindruck als üblich: Die Passanten sind ruhiger, freundlicher, die kleinen Aggressionen des Alltags wie unwichtig geworden. Man lässt sich den Vortritt, man bietet einen Sitzplatz an. Wie um sich zu beweisen, dass die Errungenschaften der Zivilgesellschaft ihre Bedeutung haben.

Unterschiedlicher Einfluss auf die drei grossen Werte

Dennoch zeigen sich viele Franzosen im Gespräch enorm verunsichert. Gerade auch viele jüdische Franzosen sind stark betroffen und leiden darunter, dass das Attentat auf den Koscher-Supermarkt in den Medien gegenüber «Charlie Hebdo» in den Hintergrund gerückt ist. Ohne gleichwohl Terror gegen Terror aufzurechnen – eine schwierige Situation.

Um im Bild der drei grossen republikanischen Werte von Frankreich zu bleiben: Die «liberté» ist angegriffen, die «égalité» ist das grosse Problem, und die «fraternité» erstarkt eher in Zeiten der Krise.

Sendung zu diesem Artikel