Zum Inhalt springen

Header

Audio
Menstruationstabu am Arbeitsplatz – ein feministisches Dilemma
Aus Kontext vom 07.01.2022.
abspielen. Laufzeit 26:17 Minuten.
Inhalt

Periode und Beruf Braucht es den Menstruationsurlaub?

Viele Frauen verschweigen ihre Menstruationsbeschwerden im Berufsleben. Wie kann die Arbeitswelt Rücksicht nehmen – ohne zu diskriminieren?

«Ich habe jeden Monat starke Krämpfe und kann dann fast nicht arbeiten», erzählt eine junge Operationsassistentin bei einer anonymen Strassenumfrage. «Dann nehme ich Medikamente und bringe meinen Körper zum Funktionieren. Es wäre schön, wenn die Arbeitswelt offener für Menstruationsbeschwerden wäre.»

«Ein zweischneidiges Schwert»

Dafür sei die Gesellschaft noch nicht bereit, glaubt eine ältere Passantin: «Ich habe meine Schmerzen bei der Arbeit immer versteckt, denn ich gehöre zu einer Generation von Frauen, die noch für ihre Rechte einstehen mussten.»

Die Sorge, ein offener Umgang mit zyklischen Beschwerden im Berufsleben könnte die Errungenschaften der Gleichstellung gefährden, äussern auch andere Frauen bei der Umfrage: «Es gibt ja ohnehin schon Vorurteile, dass Frauen launisch und einmal im Monat nicht zu gebrauchen seien – das ist ein zweischneidiges Schwert.»

Ein feministisches Dilemma: Mehrere befragte Frauen wünschen sich zwar mehr Rücksicht auf Menstruationsbeschwerden im Berufsleben, gleichzeitig möchten sie nicht als weniger belastbar als ihre Kollegen gelten.

Petition für eine Menstruationsdispens

Jeden Monat still vor sich hin leiden – davon hatte Ornella Romito genug. Die 28-jährige Luxemburgerin forderte in einer Online-Petition in ihrer Heimat eine zweitägige Menstruationsdispens oder andere Erleichterungen für Frauen mit starken Beschwerden.

«Wenn Männer menstruieren würden, gäbe es das schon längst», davon ist Ornella Romito überzeugt. Sie hatte keine politische Erfahrung, als sie ihre Petition lancierte und staunte über das grosse Echo für ihr Anliegen.

Video
Die Menstruation ist ein Tabu
Aus Kulturplatz vom 04.03.2020.
abspielen

«Periode ist keine Krankheit»

Im Oktober 2021 wurde sie ins luxemburgische Parlament eingeladen und diskutierte anderthalb Stunden lang mit den Abgeordneten, zum Beispiel über den Unterschied zwischen einem Menstruationsdispens und einer klassischen Krankmeldung. Ornella Romitos Standpunkt: «Die Periode ist keine Krankheit und sollte von Arbeitgebern auch nicht so gesehen werden.»

Sie fordert grundsätzlich mehr Rücksicht auf die spezifischen Bedürfnisse von Frauen während der Menstruation. Ein Dispens müsste aus ihrer Sicht nicht unbedingt einen kompletten Ausfall bedeuten. Oft würde es genügen, von zu Hause aus zu arbeiten oder die Stundenzahl zu reduzieren.

Diskriminierung oder Erleichterung?

In manchen Ländern gibt es bereits einen Menstruationsdispens, sagt Ornella Romito mit Verweis auf Indonesien, Taiwan, Südkorea, Sambia oder Japan. Allerdings gibt es kaum Daten dazu, ob Frauen diese Möglichkeit tatsächlich in Anspruch nehmen.

In Japan etwa scheint das nur selten der Fall zu sein. Eingeführt wurde der Dispens dort 1947, um Fabrikarbeiterinnen zu schonen und ihre Fruchtbarkeit zu erhalten. Auffallend ist, dass jene Länder, die einen Menstruationsdispens kennen, bei wichtigen Gleichstellungsindikatoren nicht besonders gut dastehen. In Südkorea zum Beispiel beträgt der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern rund ein Drittel, in Japan etwa ein Viertel.

Video
Schluss mit Perioden-Scham!
Aus Reporter vom 26.05.2021.
abspielen

Die Aufmerksamkeit ist ein Anfang

In Europa gibt es bisher in keinem Land einen Menstruationsdispens. In Italien wurde ein Vorschlag 2017 diskutiert, kam aber nicht bis ins Parlament. Zu gross war die Befürchtung, dass dies zu Diskriminierung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt führen könnte.

Auch in Luxemburg lehnten die Abgeordneten die Petition am Ende ab. Doch die politische Diskussion und die öffentliche Aufmerksamkeit für das Anliegen waren für Ornella Romito eine gute Erfahrung, denn sie zeigten, dass sie mit ihrem Anliegen nicht alleine ist: «Ich habe laut ausgesprochen, was andere nur leise sagen.»

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 7.1.2022, 09:03 Uhr

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

20 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Aktuell sind keine Kommentare unter diesem Artikel mehr möglich.

  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Ja, es gibt den Mens-Schmerz, sehr verbreitet sogar. Mit krankhafter Schmerz, z.B. Endometriose, kann Frau ein Arztzeugnis holen, aber dann, weil ja Einzelfall und Schwäche, hat sie schnell das "betriebliche Gesundheitsmanagement" am Hals mit seiner Massnahmenplanung. Eine körperschaftliche Wahrnehmung wäre wünschenswert. Die Idee der (teilweise) Suspension je nach Schmerzintensität finde ich gut. Zudem können viele Frauen keine Tampons benutzen, so wird es am Arbeitsplatz schnell ungemütlich.
  • Kommentar von Joël Portmann  (Du)
    Das halte ich für eine gute Idee. Die Befragten sorgen sich zu unrecht: Das oder etwas derartiges kann ich unterstützen, denn zumindest bei grossen Firmen fallen "Ausfälle" nicht so ins Gewicht, da immer jemand dort ist.
    Vorschlagsweise könnten diese Freistellungen eingeführt werden mit "für menstruationsfähige Personen oder MFP" als Beispiel, anstatt "für Frauen", da es auch Männer gibt, welche menstruieren.
    So könnte abgelenkt und stückweise rationalisiert werden, stelle ich mir vor.
  • Kommentar von Dominique Dörflinger  (SentioErgoSum)
    Würde es zur Volksabstimmung kommen, gäbe es von mir ein klares Ja. Das Thema Gleichstellung/ Gleichberechtigung kann man hier einfach Mal ausblenden bitte.
    Als Mann, der im Umkreis verschiedenste Beispiele (kaum bis horrende Schmerzen) erlebt hat, bin ich der Ansicht, dass wir dies unseren Frauen/ Töchtern/ Schwestern aus Liebe ermöglichen sollen.
    Wir sind bereit für dieses Thema und es sollte auf diese Realität würdevoll eingegangen werden.