Perus Koka-Kultur bringt den Himmel ein Stück näher

Natur und Spiritualität haben Menschen schon immer in den Bann gezogen. Die Welt erscheint so erhaben, bei ihrer Erschaffung müssen höhere Mächte am Werk gewesen sein. Um dem Himmel ein Stück näher zu kommen, gehört in den Hochgebirgszonen der Anden ein altes Ritual zum Alltag: das Koka-Kauen.

Das Urubamba-Tal in den peruanischen Hochanden: Cusco und Machu Picchu, die touristischen Highlights aller Peru-Reisen, sind nur eine Autostunde weit weg – und wirken doch Lichtjahre entfernt. Oberhalb der Schotterpiste beginnt die Welt der eisigen Fünf- und Sechstausender. Bergriesen, die den Himmel zu berühren scheinen.

Koka-Kauen soll Mensch und Natur verbinden

Es ist eine kahle Bergwelt, nur mit kleinen, weiss blühenden Huaraco-Kakteen übersät. Lamas und Alpakas mit dickem Fell weiden zwischen den Felsen. Im Grund des Hochtals liegt die Siedlung Chillca: zwei Dutzend Häuser aus Lehmziegeln und Strohdächern, alles ein bisschen windschief. Es ist frühmorgens, ein paar Männer begleitet eine kleine Wandergruppe mit ihren Lamas.

Noch immer ist der monotone Gesang des «Coca Quintu» in vielen Andendörfern zu hören. Ein Ritus, der die Tradition des Koka-Kauens mit der religiösen Verehrung der Natur verbindet: «Du nimmst dir drei hübsche Blätter aus Deiner Coca-Tüte und hältst sie wie ein Kleeblatt zusammen. Das nennt sich Quintu. Du bläst über die Blätter, zuerst für den wichtigsten Apu, den Ausangate.» Apu bedeutet gottgleich, und der Ausangate mit seinen 6384 Metern ist der mächtigste Berg weit und breit. «Und dann fange ich an, die Kokablätter zu essen», erzählt Bergführer Diego Nishiyama.

Aufputschmittel und Appetitzügler

Vor einem Bergmassiv steht ein Hirte mit einer Gruppe Lamas und Alpakas.

Bildlegende: Lamas und Alpakas gehören zum Bild der Anden. Mit ihrem dichten Fell sind sie gegen den scharfen Wind gut geschützt. M. Marek/S. Weniger

Der drahtige, schwarzhaarige Endzwanziger aus Cusco Diego ist weder den Drogen verfallen noch dem Geisterglauben. Doch hier oben, in Höhen, in denen die Lungen doppelt soviel arbeiten müssen, um den nötigen Sauerstoff zum Überleben aus der Luft zu saugen, wird die eigene Schwäche bei jedem Schritt bewusst. Die Ehrfurcht vor der Allmacht der Natur kommt ganz von allein. «Die Berge haben für uns eine grosse sprituelle Bedeutung, vor allem die Gletscher, da sie die Quelle reinen Wassers sind. Ohne Wasser haben wir nichts, keine Pflanzen, Tiere, kein Leben.»

Hinzu komme, dass die Kokablätter eine grosse spirituelle Bedeutung für die Bevölkerung haben, erklärt der Bergführer. Kokablätter vertrieben mit ihrem hohen Anteil an Calcium, Eisen und Koffein nicht nur Hunger und Müdigkeit in den Höhen der Anden, sie seien auch Teil eines heiligen Herrschaftsritus: «Während der Inka-Zeit gab es nur eines, was die Herrscher und das Volk gemeinsam hatten: das Koka-Kauen. Nur dabei durfte sich auch der einfache Indio seinen gottgleichen Söhnen der Sonne nahe fühlen.»

Wer dem Himmel so nah kommt, für den verschieben sich die Perspektiven. Nicht mehr der Mensch ist Herr seiner Umwelt, die Natur bestimmt hier im Andenhochland das Leben. Das schaffe Respekt, erklärt Diego und spuckt ausgekaute Cocablätter nicht einfach aus. Er gibt sie der Pachamama, der Mutter Erde zurück und legt sie nach Gebrauch «respektvoll», wie er sagt, unter einen Stein.

Koka ist nicht gleich Kokain

Leider sei das Koka durch Drogenhandel und Kokain verteufelt worden, sagt Diego Nishiyama. «Dabei muss man bedenken, dass zur Herstellung von Kokain etwa 20 verschiedene Chemikalien nötig sind. Und die sind das eigentlich Schädliche. Für uns hingegen hat Koka auch eine psychosoziale Bedeutung. Die Völker der Anden glauben, dass es dich mit dem Herzen sprechen und zuhören lässt.»

Rechtlich gesehen ist Koka, Synonym für die Blätter des Cocastrauchs, in Peru und anderen Ländern der Region keine Droge. Es darf an Andenhängen zwischen 800 und 2000 Metern Meereshöhe angebaut werden. Die Blätter werden bis zu sechsmal im Jahr per Hand geerntet und der Tradition entsprechend verwendet: Gekaut und als Beigabe im Tee entfalten die Blätter ihren typischen bitteren Geschmack.

Der Staat versucht, den Drogenanbau zu kontrollieren

Koka wird in der Kultur der Andenvölker auch als Medizin verwendet. Seine Wirkung kann dämpfend bis schmerzstillend sein. Allerdings wird der Koka-Anbau staatlich überwacht, um die Herstellung von Kokain zu unterbinden.

Die Lamatreiber in ihren bunten Trachten und perlenbestickten Mützen stechen farbige Bänder durch die Ohren der beiden Führungslamas. Dann setzt sich der Treck in Bewegung. Die Wandergruppe steigt bergauf. Den Apu Ausangate stets im Blick, nähert sie sich dem Göttlichen in Zeitlupe, Schritt für Schritt, Meter für Meter – und kommt ihm, dem Entrückten, doch kaum näher. Willkommen an der Grenze zwischen Himmel und Erde.

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