Peter Singer: Der umstrittene Weltverbesserer

Der australische Philosoph Peter Singer hält es für unsere oberste Pflicht, das Leiden auf der Welt zu mindern. Doch seine Thesen zum Umgang mit schwerstbehinderten Neugeborenen erhitzen die Gemüter – immer wieder neu.

Peter Singer, vor einem Büchergestell stehend, gerade in die Kamera blickend.

Bildlegende: Seine Thesen sind nicht neu, aber sie sorgen auch 2015 für heftige Kontroversen: Peter Singer in London, Juni 2015. Reuters

Ende Mai dieses Jahres hat Michael Schmidt-Salomon, der Präsident der Giordano-Bruno-Stiftung, seine Lobrede auf Peter Singer anlässlich einer Preisverleihung in Berlin kurzfristig abgesagt. Der Grund war ein Interview in der «NZZ am Sonntag» vom 24. Mai 2015, in dem Peter Singer unter anderem sagt, schwerbehinderte Neugeborene dürfe man töten und ein Frühgeborenes im Alter von 23 Wochen habe «keinen anderen moralischen Status als ein Kind mit 25 Wochen in der Gebärmutter».

Raunen in den Philosophenreihen

Die Geburt markiert nach Singer also «keine scharfe Grenze», wenn es darum geht, das Lebensrecht eines Menschen zu verteidigen. Solche Behauptungen stehen nach Schmidt-Salomon jedoch «nicht nur im Widerspruch zu einem humanistisch-emanzipatorischen Politikverständnis», sondern auch im Widerspruch zu Singers früheren Standpunkten. Deshalb habe er sich von der Laudatio zurückgezogen, liess Schmidt-Salomon verlauten.

Die Absage sorgte für einiges Raunen in den Kreisen vieler Philosophen. Denn Peter Singer zählt zu den einflussreichsten Philosophen der Gegenwart. Dass er aufgrund seines konsequenten Utilitarismus radikale Positionen vertritt, ist nichts Neues und hat bereits in den 1980er-Jahren für Demonstrationen und Ausladungen im deutschsprachigen Raum geführt.

Radikale Positionen

Peter Singer hat diese für ihn unverständlichen Ereignisse selber in seiner «Praktischen Ethik» in einem Schlusskapitel mit dem Titel «Wie man in Deutschland mundtot gemacht wird» zusammengefasst. Michael Schmidt-Salomons Absage kommt ausserdem umso überraschender, als sich die Giordano-Bruno-Stiftung vehement für Meinungs- und Redefreiheit einsetzt.

Freilich: Singers Positionen sind radikal. Wenn es um die moralische Beurteilung einer Handlung geht, zählen für ihn allein die Konsequenzen. Darum sieht er auch keinen bedeutenden Unterschied zwischen aktivem Töten und passivem Sterbenlassen. Die Konsequenzen seien schliesslich dieselben.

Als Vertreter des Utilitarismus hält Singer eine Handlung dann für richtig, wenn sie möglichst viele Interessen befriedigt und insgesamt die besten Folgen zeitigt. Auch Töten, Foltern und Stehlen sind unter bestimmten Umständen erlaubt, ja sogar geboten; nämlich dann, wenn damit eine bessere Welt geschaffen werden kann.

Philosophiefestival lädt Singer wieder aus

Das Interview in der NZZ zog nach der Absage Schmidt-Salomons weitere Kreise. Das Kölner Philosophiefestival «phil.Cologne» gab am 27. Mai 2015 bekannt, dass die geplante Veranstaltung mit Peter Singer abgesagt werden müsse. Singer habe im Interview mit der «NZZ am Sonntag» Standpunkte geäussert, die «im Widerspruch zu dem humanistisch-emanzipatorischen Selbstverständnis» des Festivals stünden.

Diese Ausladung schlug in den Feuilletons und der akademischen Welt noch höhere Wellen. Zahlreiche Professorinnen und Professoren protestierten in einem Schreiben gegen die Ausladung Singers und warfen den Veranstaltern Opportunismus und einen Verstoss gegen die Redefreiheit vor.

Jürgen Wiebicke, Moderator der Sendung «Das Philosophische Radio» auf WDR 5 und Teil der Programmleitung der phil.Cologne, verteidigte die Ausladung des australischen Philosophen Peter Singer damit, dass es im Vorfeld «ernstzunehmende Hinweise auf massive Störungen» gegeben hätte. Nach Wiebicke war man vor ein Dilemma gestellt: «entweder eine absurde Diskussion unter Polizeischutz oder eine Absage».

Professoren fordern Entschuldigung

Thomas Grundmann, Philosophieprofessor in Köln und Unterzeichner des Protestschreibens gegen die Ausladung Singers, meinte daraufhin im «Kölner Stadt-Anzeiger», wenn wirklich die Angst vor Unruhen und Protesten der Grund der Ausladung war, hätte man das auch von Beginn an so kommunizieren sollen. Stattdessen hätten die Veranstalter die wahren Ursachen durch die Begründung verschleiert, die Ansichten Singers stünden «im Widerspruch zu dem humanistisch-emanzipatorischen Selbstverständnis» des Philosophiefestivals.

Damit hätten sie sich aus weltanschaulichen Gründen gegen die philosophische Redefreiheit gerichtet. Das gehe gar nicht. Grundmann forderte daher «eine öffentliche Entschuldigung an Peter Singer samt einer ehrlichen Aufarbeitung der Hintergründe seiner Ausladung». Bisher geschah weder das eine noch das andere.

In der philosophischen Fachwelt geht die Debatte derweil weiter und hat mittlerweile den englischsprachigen Blog «Cogito» erreicht, der eine neue Welle der philosophischen Zensur wittert, indem Ausladungen von unliebsamen Rednern gerade wieder salonfähig würden.

Buchhinweise

Peter Singer: «Leben retten. Wie sich die Armut abschaffen lässt – und warum wir es nicht tun», Arche Verlag, 2010.

Peter Singer: «Praktische Ethik». Reclam, 3. revidierte und erweiterte Auflage 2013.

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