Picknick auf dem Massengrab: Hitlers Helferinnen im Holocaust

Die US-amerikanische Historikerin Wendy Lower weist in einem neuen Buch nach, wie stark deutsche Frauen an der nationalsozialistischen Kolonialisierung in Osteuropa beteiligt waren. Damit rückt sie 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg die Mittäterschaft von Frauen am Holocaust in ein neues Licht.

Zwei Porträtfotos einer Frau, einmal frontal, einmal von der Seite.

Bildlegende: Liesel Willhaus, Frau eines SS-Kommandanten, schoss nach Augenzeugenbericht «einfach nur zum Spass» auf Häftlinge. US National Archives and Records Administration

Eine halbe Million Frauen liessen sich im Zweiten Weltkrieg für einen Einsatz in den besetzten Ostgebieten anwerben. Auf Plakaten wurden sie direkt angesprochen mit Slogans wie «Der Osten braucht dich!». Als Vorbedingungen wurden «Einsatzbereitschaft» und «eine weltanschaulich einwandfreie Haltung» verlangt. Es waren vor allem junge, gut ausgebildete Frauen, die mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten aufgewachsen waren und die Hitler in den Osten folgten: Krankenschwestern, Sekretärinnen und Lehrerinnen.

Die Historikerin Wendy Lower ist in Archiven in Osteuropa, von Krakau über Riga und Minsk bis nach Kiew, auf eine Fülle von Dokumenten gestossen. Sie legen die massenhafte Verstrickung von deutschen Frauen in den Holocaust offen. Dieses Material ist nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion für die westliche Forschung überhaupt erst zugänglich geworden.

Weisse Engel mit blutigen Händen

Am meisten Verbrechen sind in der Krankenpflege dokumentiert. Die ersten Massenmörderinnen waren Krankenschwestern, die in Heimen Behinderte mit einer Überdosis Barbituraten oder giftigen Injektionen töteten oder sie verhungern liessen. In Konzentrationslagern waren es Ärztinnen oder Pflegerinnen, die politische oder jüdische Häftlinge zu Tode spritzten oder sie in die Gaskammern führten.

Wendy Lower ist bei ihren Recherchen aber auch auf Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen gestossen, die am Holocaust beteiligt waren. Sie hatten den einheimischen und neu angesiedelten Kindern nicht nur die deutsche Sprache und die NS-Ideologie eingeimpft, sondern jüdische Schülerinnen und Schüler den SS-Schergen ausgeliefert.

Tödliche Entscheide am Schreibtisch

Ausserdem hielten Zehntausende von Sekretärinnen die Vernichtungsmaschinerie des Holocausts in Gang: Vorzimmerdamen erstellten Deportationslisten und regelten logistische Fragen bei Massenerschiessungen. Im Protokoll sorgten sie für die entscheidenden Leerstellen.

Wendy Lower weist nach, dass es sich bei den Täterinnen um «gewöhnliche» Frauen handelte: Sie hatten ihre Heimat verlassen, weil sie beengenden Familienverhältnissen entkommen und sich beruflich verwirklichen wollten, weil sie neugierig auf die Welt waren oder ein Abenteuer suchten.

Alltäglicher Sadismus

Porträtfoto einer Frau.

Bildlegende: Gertrude Landau, Ehefrau eines Gestapo-Chefs, war Augenzeugin – und Mörderin. US National Archives and Records Administration

Neben den Frauen, die beruflich in den Osten zogen, entpuppten sich auch viele Lebensgefährtinnen und Ehefrauen ranghoher Nationalsozialisten als Verbrecherinnen. Sie gingen im Ghetto auf «Einkaufstour» und stahlen den eingesperrten Juden die letzten Kostbarkeiten: Mäntel, Eheringe und Schmuck. Sie wählten das Ghetto als Kulisse für erotische Abenteuer und schauten mit Genuss zu, wie ihre Liebhaber ihre Macht demonstrierten und Juden misshandelten. Die Frauen griffen auch selbst zur Waffe: Eine machte sich einen Sport daraus, Juden in einem Wald zu versammeln, um sie auf einer sogenannten Hasenjagd abzuknallen. Eine andere sass am Sonntagnachmittag bei Kaffee und Kuchen auf dem Balkon und erschoss von oben herab das Hauspersonal, das sie zuvor zur Gartenarbeit aufgeboten hatte.

Neue Debatte

Die Historikerin zeigt auf, dass die Beteiligung der Frauen viel grösser war, als bisher bekannt ist. Sie macht klar, wie Frauen den Holocaust mit dem Alltagsleben verzahnten, wie sie die Gewalt in ihre häusliche Routine und in ihre intimen Beziehungen einbanden – selbst dann, wenn sie für Entspannung und Geselligkeit sorgten. Das Private wurde schnell sehr politisch. So fuhr man am Wochenende mit dem Dienstwagen ins Grüne zum Picknick. Dabei kam es vor, dass man die Decke auf einem Massengrab aufschlug.

Wendy Lower leistet einen wichtigen Beitrag zu einer Debatte, die in den 1980er-Jahren von Feministinnen lanciert wurde, aber bald wieder verstummt ist. Wie gross die Zahl und wie gross die Schuld der Mittäterinnen war, und was dies für die nachfolgenden Generationen zu bedeuten hat, dürfte jetzt neu diskutiert werden.

Zur Person

Wendy Lower ist Geschichtsprofessorin am Claremont McKenna College in Claremont, Kalifornien. Ausserdem leitet sie dort das Zentrum für Menschenrechte und ist Fachberaterin im Holocaust Memorial Museum in Washington D.C.

Buchhinweis

Wendy Lower: «Hitlers Helferinnen. Deutsche Frauen im Holocaust», Hanser Verlag, 2014.

Sendung zu diesem Artikel