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Gesellschaft & Religion Plagiate: Vertrauen ist gut, Kontrolle zu teuer

Im letzten Monat hat es gleich zwei Verlage aus dem deutschsprachigen Raum erwischt: C.H. Beck und Springer. Beide Häuser mussten ein Sachbuch wegen Verdachts auf Plagiat aus dem Handel ziehen. Der Ruf der Verlage ist angeschlagen: Wie können Verlage Plagiate verhindern?

Hand hält Stempel mit Aufschrift Duplicate Original.
Legende: Früher wurden eher Theorien und originelle Ideen geklaut – heute sind es oft triviale Sätze aus dem Internet. Flickr/woodleywonderworks

Vor vier Wochen musste der C.H. Beck Verlag die Auslieferung eines Sachbuchs stoppen, weil der Autor sich ohne zu zitieren bei Wikipedia bedient hatte. Jetzt zieht der Springer Verlag die dreibändige «Geschichte der Rechenmaschine» aus dem Verkauf: Auch das ist ein Plagiat.

Die beiden aktuellen Plagiatsfälle bei Springer und C.H. Beck lassen aus verschiedenen Gründen aufhorchen. Beide Verlage gehören zu den wichtigsten Sachbuchverlagen im deutschsprachigen Raum. Springer wirbt sogar mit dem Slogan «international führender Wissenschaftsverlag».

Wissenschaftler haben aus Wikipedia kopiert

Beide Autoren sind anerkannte Forscher, einer sogar emeritierter Professor für Informatik. Und in beiden Fällen kopierten die Wissenschaftler nicht in erster Linie aus Fachpublikationen, sondern aus Wikipedia.

Beides sind neuartige Fälle von Plagiaten: Früher wurde häufiger eine Theorie, eine originelle Idee geklaut – heute sind es triviale Sätze aus einem Online-Lexikon wie Wikipedia, die teils auch aus purer Faulheit, eine eigene Formulierung zu finden, übernommen werden. Für die Verlage ist eine solche Nachlässigkeit – oder die bewusste Täuschung der Leserschaft durch den Autor – fatal. Denn sie erleiden durch die Plagiate einen enormen Reputationsschaden.

Aufwändige Plagiats-Softwares

Wie aber können sich Verlage gegen Plagiatsfälle wappnen? In Zeiten knapper Finanzen wird beim Lektorat gespart, und das Abschreiben etwa aus Wikipedia würde auch eine erfahrene Lektorin unter Umständen übersehen. Da helfen Plagiatssoftwares. Ein Verlag kann ein Manuskript von einer solchen Software überprüfen lassen. Dabei vergleicht das Programm das Manuskript aber selbstredend nur mit Texten, die bereits im Internet – etwa auf Wikipedia oder bei Google Books – zugänglich sind.

Bisher arbeiten nur wenige Verlage tatsächlich mit derartigen Softwares. Ulrich Nolte, Lektor beim C.H. Beck Verlag, hat nach dem Plagiatsvorwurf das Buch «Grosse Seeschlachten» mit einem spezialisierten Computerprogramm überprüft – und festgestellt, dass dazu ein erheblicher Aufwand nötig ist: «Die Software findet auch alle Buchtitel und korrekt ausgewiesenen Zitate. All das muss man sich genau ansehen, und das bedeutet Arbeit.» Er und eine Assistentin brüteten zwei Tage über den Ergebnissen, die das Plagiatsprogramm ausspuckte.

Wer ist in der Pflicht: Autoren oder Verlage?

Vor diesem Hintergrund verzichtet der Leiter des Chronos-Verlags, Hans-Rudolf Wiedmer, auf eine Prüfung der Manuskripte mithilfe einer Software. Er vertraut seinen Autoren – auch wenn dieses Vertrauen durch die jüngsten Plagiatsfälle angeknackst ist. Abgesehen davon fühlt sich der Verleger aber auch nicht für allfällige Plagiate verantwortlich: «Grundsätzlich trägt der Urheber eines Textes rechtlich die Verantwortung für den Inhalt seines Textes.» Das stehe auch so im Urheberrecht, das implizit Grundlage für die Verträge zwischen Verlagen und Autorinnen sei.

Viele Verlage sind dazu übergegangen, in die Verträge explizit noch einen Passus einzufügen, der den Autoren ihre Verantwortung in Erinnerung ruft. So oder so greift die simple juristische Argumentation aber zu kurz, wie die Beispiele C.H. Beck und Springer zeigen: Den Reputationsschaden erleiden nämlich nicht nur die Autoren, sondern auch die beiden Verlage. Auch sie haben also ein erhebliches Interesse daran, Plagiate zu vermeiden.

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