Pompeji leidet unter Kunsträubern und der Mafia

Brüssel hat 105 Millionen Euro nach Pompeji geschickt, um die antike Stätte vor dem Zerfall zu bewahren. Doch dem Unesco-Weltkulturerbe geht es nicht besser – im Gegenteil: Es fehlen durchdachte Projekte und Kontrollen über Bauunternehmen. So treiben Kunsträuber und Mafiosi ihr Unheil.

Ruinen in Pompeji: Eine Gruppe von Männer untersucht die Steine der antiken Stätte.

Bildlegende: Zerfall in Pompeji ist nichts Neues: Bereits 2010 kollabierte ein Gebäude, ein einstiges Trainingshaus für Gladiatoren. Keystone

Kein anderes europäisches Land besitzt so viele Weltkulturgüter der Unesco wie Italien: 46 sind es ingesamt. Doch Italien ist mit dem Kulturerbe überfordert. Neapels Altstadt zum Beispiel – komplett zum Weltkulturgut ernannt – gammelt vor sich hin und verfällt. In Pompeji, südlich von Neapel, soll dank einer Geldspritze aus Brüssel alles besser werden. Doch die 105 Millionen Euro helfen nicht – das Gegenteil ist der Fall.

Geldsegen zurückgeben?

Obwohl die Verantwortlichen des grössten archäologischen Parks der Welt (etwa 100 Fussballfelder gross) wussten, dass 2012 eine Menge Geld aus Brüssel kommt, bereitete sich niemand darauf vor. Die Gelder wurden verbucht, und Italiens Kulturpolitiker versprachen das Blaue vom Himmel. Ein ganzes Jahr dauerte es, bis konkrete Projekte bereitstanden. Dabei war bekannt: Die EU-Gelder müssen wieder zurückgegeben werden, wenn die beschlossenen 47 Restaurierungsprojekte nicht bis Ende 2015 begonnen hätten.

Kunsträuber und Mafiosi

Ein antike Stätte: Die Ruinen stehen zum Teil noch, ein Gebäude fiel jedoch in sich zusammen.

Bildlegende: Ein schlechtes Omen für Italiens Kulturerbe: In Pompeji nützen auch Gelder aus Brüssel nicht viel. Keystone

Die ausgedehnten Ruinen der antiken Stadt Pompeji sind zu Italiens kulturpolitischem Sorgenkind Nummer eins geworden. In den vergangenen Jahren wechselten ständig die Verantwortlichen. Derzeit gibt ein ehemaliger General den Ton an – doch auch unter seiner Leitung ist die Situation nicht besser geworden. Etwa 40 Prozent der ausgegrabenen Gebäude können nicht besichtigt werden. Als Grund dafür werden Bauarbeiten und statische Probleme angegeben.

Einige der besonders kostbaren Villen bleiben geschlossen, weil es nicht genügend Wachpersonal gibt. Die Folge: Kunsträuber können nachts ungestört vorgehen und Mosaike sowie Fresken entfernen, um sie im In- und Ausland zu verkaufen. Hinzu kommt, dass die lokale Mafia immer noch die Mehrzahl der in Pompeji beschäftigen Bauunternehmen kontrolliert.

Desinteresse oder Unfähigkeit?

Kulturpolitiker und Archäologen kritisieren, dass das Kulturministerium im Fall Pompejis nicht hart durchgreife. Die Rede ist von genaueren Kontrollen aller Beschäftigten und Bauunternehmen wegen der Mafia – doch das Ministerium setzt immer wieder neue Verantwortliche ein, die Projekte realisieren, aber das Grabungsgebiet nicht komplett auf Vordermann bringen.

Dabei könnte man in Pompeji von der nah gelegenen antiken Stadt Herculaneum lernen, die ebenfalls 79 n. Chr. im Aschenregen unterging und seit dem 18. Jahrhundert ausgegraben wird. In einem für Italien beispiellosen kulturpolitischen «Joint Venture» zwischen der Stadt, dem Ministerium und der US-amerikanischen Packard-Stiftung fliessen seit 20 Jahren viele Millionen Dollar in das Erforschen und den Erhalt von Herculaneum.

Die antiken Ruinen dieser Stadt gehören heute zum Schönsten, was Italien zu bieten hat. Warum man diesem Beispiel nicht folgte und für Pompeji einen Sponsor zu suchen begann – auf diese Frage gibt es keine Antwort.

Unesco rügt Pompeji

Sollte Italien die EU-Gelder für Pompeji zurückgeben müssen, würde das nicht nur eine Blamage bedeuten, sondern könnte böse Folgen haben. Die Unesco klagt seit Jahren, dass in Pompeji eine andere Politik zur Anwendung kommen müsse – doch nichts geschieht. So ist nicht auszuschliessen, dass die antike Stadt von der Liste der Weltkulturgüter gestrichen wird. Für Pompeji wäre das fatal.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 17.3.2015, 17.40 Uhr.