Poulet und Pommes Chips – ein typisches Ami-Gericht? Von wegen!

«Ready to Eat» heisst das Buch der Historikerin Eva Maria von Wyl. Darin legt sie dar, wie die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg von der amerikanischen Esskultur überrollt wurde. Allerdings wurden die Essgewohnheiten nicht einfach 1:1 übernommen, sondern es entstanden Schweizer Eigenkreationen.

Eine Hand hält ein Pommes Chips

Bildlegende: Noch in den 1950er-Jahren waren sich Herr und Frau Schweizer nicht gewohnt, von Hand zu essen. Colourbox

Poulet und Pommes Chips – das ist ein typisches Gericht aus Amerika, könnte man meinen. Doch dem widerspricht Historikerin Eva Maria von Wyl: «Ich würde eher sagen, es ist etwas typisch Schweizerisches.» Poulet und Pommes Chips – ein Schweizer Gericht? Man staunt.

Die Geschichte beginnt bei der Mosterei Zweifel AG, die in den 1950er-Jahren Süssmost herstellte. 1958 erbte die Familie Zweifel von einem entfernt verwandten und innovativen Bauern vier Handfritteusen und übernahm die Produktion der kleinen Pomy-Chip-Portionen – so hatte der schlaue Bauer den imitierten amerikanischen Party-Snack nämlich getauft.

Nicht gewohnt von Hand zu essen

Vorerst jedoch lief das Chips-Geschäft in den Beizen harzig: Herr und Frau Schweizer waren sich – im Unterschied zu den Amerikanern – nicht gewohnt, von Hand zu essen. Überhaupt war unklar, zu welcher Gelegenheit man die Chips essen sollte.

Darum bot Zweifel kulinarische Nachhilfestunden an. Aus dem Partysnack wurde flugs eine ordentliche Beilage gemacht – eine, die perfekt zu Poulet oder zu anderem Gebratenem passt. Et voilà: Die Schweizer Spezialität war erfunden.

Dazu brauchte es die Zusammenarbeit mit Metzgereien. «Noch heute sieht man ein Gestell mit Pommes Chips, wenn man in eine Dorfmetzgerei geht», sagt von Wyl, «das kommt aus der Zweifel-Familie».

Laut und auffällig musste die Werbung sein

Die Kooperation mit den Metzgereien war das eine, mit der die Pommes Chips salonfähig gemacht wurden. Das andere war die Werbung. Hier kopierte die Firma Zweifel die Amerikaner: Laut und auffällig musste die Werbung sein – ein bescheidenes, informatives Zeitungsinserat war viel zu diskret.

«Zweifel hat zum Beispiel diese Zweifel-Karawane gehabt», erklärt Eva Maria von Wyl, «kleine, orange Lieferwagen, die am Samstag durch die Schweiz fuhren und für Aufsehen sorgten.»

Aufsehen erregen, die süchtigmachenden Chips im ganzen Land gratis verteilen, mit viel Psychologie Kundenwünsche manipulieren – diese amerikanische Strategie ging auf: Die Ferry 3 – eine Riesenfritteuse, die aus Amerika zu Zweifels nach Zürich importiert wurde – produzierte ab 1960 bald schon 180 Kilogramm Pommes Chips pro Stunde.

Amerikanischen Konzernen den Kampf angesagt

Das Familienunternehmen Zweifel – das lernen wir im Buch «Ready to Eat» – hat eine kulinarische Erfindung importiert und daraus etwas Neues kreiert. Wir lernen aber auch, dass die Firma Rosenpickerei betrieb. Als Mosterei kämpfte sie verbissen gegen die Einführung von Coca-Cola. Eva Maria von Wyl: «Man hat gesagt, es gebe zu viele Reklamentafeln, und die verteilen Gratismuster von Coca-Cola-Flaschen an Kinder und Jugendliche.»

Anhand von Zweifel, aber auch vielen anderen Firmen und Produkten, erzählt von Wyl, wie die amerikanische Konsumgesellschaft die Essgewohnheiten in der Schweiz veränderte. Überall zieht sich ein Muster durch: Konnte eine Schweizer Firma ein amerikanisches Produkt imitieren, war alles gut – wollte sich aber ein amerikanischer Konzern hier niederlassen, wurde er bekämpft.

Buchhinweis

Eva Maria von Wyl: «Ready to Eat». Hier und Jetzt, 2015.

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