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Gesellschaft & Religion «Propaganda day» - Studentenratswahlen im Westjordanland

Die Universität Birzeit in der Nähe von Ramallah ist die erste Universität Palästinas und hat den Ruf, eine Brutstätte für politische Karrieren zu sein. Ein Erfahrungsbericht über den Wahlkampf für den Studentenrat.

Frauen mit Kopftüchern stehen am Strassenrand und schwenken grosse grüne Fahnen.
Legende: "Propaganda Day" - Beginn der Studenratswahlen an der Universität Birzeit im Westjordanland. Antonia Moser

An einem Montag Anfang April erkenne ich meine Universität nicht wieder. An jeder Lampe, an jedem Zaun hängen Flaggen und Poster politischer Parteien. An einigen Bäumen brechen Äste ab, weil sie so überladen sind. Auch die Studenten bekennen Farbe: Grüne Schals, rote oder schwarze Palästinensertücher, farbige T-Shirts und überall die Flagge Palästinas. 

Hamas ist nach Wahlboykott wieder dabei

Mit dem sogenannten «propaganda day» beginnen die Studentenratswahlen an der Universität Birzeit. Die Parteiflaggen werden mit Lastwagen angekarrt und aufgehängt. Dabei investieren die Parteien so viel Geld, damit hätten ungefähr 100 Studenten gratis studieren können, so schätzt eine Professorin.

Die Studenten-Parteien sind dieselben wie in der nationalen Politik, sie heissen nur etwas anders. Die Hamas war nach einem Boykott der Wahlen in den letzten Jahren zum ersten Mal wieder dabei. Sie stellt für die bisher dominierende Fatah, die Partei Yassir Arafats, die grösste Konkurrenz dar. Praktisch chancenlos sind die kleineren Parteien, wie die der Kommunisten.

Mehrere Studenten, junge Frauen und Männer, laufen über den Campus. Über ihnen hängen bunte Fahnen und die Flagge Palästinas.
Legende: Studentenwahlen 2012: Studenten bekennen Farbe und Flagge auf dem Campus in Birzeit. Antonia Moser

Tag zwei ist der Tag der Reden: Die Flaggen sind verschwunden, dafür halten Vertreter aller beteiligten Parteien Reden und veranstalten Umzüge. Bei der Hamas marschieren Frauen und Männer getrennt, sie haben einen Felsendom aus Styropor gebastelt, dazu halten sie selbstgemachte Karton-Raketen hoch. Zu Trommelrhythmen skandiert die Studentenpartei der Hamas «Allahu akbar» (Gott ist gross) und den Namen ihrer Partei.

Die Reden danach sind für ein Schweizer Ohr ziemlich ungewohnt. Es wird ins Mikrofon geschrien, so dass der Ton übersteuert. Das Publikum klatscht oder buht lautstark, wenn ihm eine Aussage nicht passt und immer wieder wird patriotische palästinensische Musik gespielt.

Vorwürfe statt Kompromissbereitschaft

Tag drei ist Debatten-Tag: Nun diskutieren die Vertreter der Parteien miteinander, doch viele Studenten verlassen den Platz enttäuscht. Die Beteiligten würden sich nur Vorwürfe machen und es sei zu keinem Kompromiss gekommen, so erklären sie.

Der Wahlkampf wird so intensiv geführt, weil es um viel geht: die Vertretung der Studenten im Universitätsrat. Und darin haben sie viel Mitspracherecht. Kommunistische Studenten befürchten beispielsweise, dass die Hamas ihnen nicht genehme Professoren absetzen könnte. Aber die Wahlen sind auch eine Bühne für angehende Politikerinnen und Politiker. Sehr viele wichtige Politiker, die heute die Anliegen der Palästinenser vertreten, haben an der Universität Birzeit studiert und waren damals schon politisch aktiv.

Treffpunkt für Intellektuelle und Politiker

Denn vor der Errichtung der palästinensischen Autoritätsbehörde war die Universität der einzige Ort, an dem politisiert werden konnte. Und bis heute sei die Universität Birzeit ein «Monument» für den politischen Aktivismus und den Wiederstand gegen die israelische Besatzung, meint Saad Nimr, ein Professor der Universität.

Dort trafen sich Intellektuelle und Politiker, planten Aktionen und verfassten politische Schriften. Deswegen wurde die Universität auch mehrere Male von israelischen Soldaten geschlossen. Doch der Unterricht lief weiter, in Schulen, Moscheen, Kirchen oder Clubs. In letzter Zeit wurde die Universität nicht mehr geschlossen, doch die politischen Aktivitäten laufen weiter, wie die Wahlen zeigen.

Am Tag vier gewinnen schliesslich die Vertreter der Fatah die Studentenratswahlen. Aber es war knapp, die Hamas hat aufgeholt. Gefeiert wird der Sieg im kleinen Dorf Birzeit, bei einer ausgelassenen Party. Man sieht ein Meer gelber Flaggen, hört laute Musik und auf den Strassen gibt es kein Durchkommen mehr. Denn, abgesehen von der Politik, machen die Studenten auch gerne Party.

Über die Autorin Antonia Moser

Antonia Moser ist Redaktorin für Religion bei DRS 2. Sie hat ein halbes Jahr an der Universität Birzeit studiert und den Wahlkampf für den Studentenrat hautnah mitbekommen.