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Legende: Audio Ich, der Alkoholiker abspielen. Laufzeit 08:42 Minuten.
Aus Kontext vom 16.07.2019.
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Protokoll einer Alkoholsucht «Meine Frau tat mir leid, aber ich habe trotzdem weitergetrunken»

Sucht kennt kein Alter. Im Gegenteil: Viele Rentner werden abhängig von Alkohol. Ein Betroffener erzählt.

Hans* ist 55, als bei ihm ein Gehirnaneurysma entdeckt wird. Nach der Operation zittert er, hat Mühe mit dem Schreiben und Sprechen. Hinzu kommen ein Augeninfarkt und Epilepsie.

Hans wird arbeitsunfähig und muss sich frühpensionieren lassen. Er fällt in ein psychisches Loch und beginnt zu trinken.

«Ich fühlte mich nach der Frühpensionierung allein, leer, ich hatte keine Aufgabe mehr. Ich konnte nicht den ganzen Tag darüber nachdenken.

Deshalb zog ich mich zurück und griff zum Alkohol. Es fing mit drei Flaschen Bier pro Tag an. Und bevor ich ins Bett ging, trank ich noch ein Glas Rotwein. So konnte ich gut schlafen.

Plötzlich wurden es zwei, drei Gläser Rotwein plus Bier. Die Menge wurde immer grösser. Zuletzt kam Schnaps dazu, also Whiskey, den ich unkontrolliert trank.

Zum Trinken in den Keller

Ich hatte das Gefühl, dass meine Familie merkte, dass ich angetrunken war. Ich begann im Versteckten zu trinken, ging dafür sogar in den Keller. Dort hatte ich mein Depot.

Aber meine Frau roch es und sagte mir: ‹Hast du Alkohol getrunken?› Da wurde ich fast ein bisschen rabiat, bösartig. ‹Kontrollierst du mich?›, sagte ich und zog mich noch mehr zurück. So wurde es immer schlimmer und schlimmer.

Bereits am Morgen spürte ich, dass ich Alkohol brauche. Meine Hände zitterten, die Tasse musste ich mit zwei Händen halten. Mein Ziel war, so bald als möglich einen Pegel zu haben, damit ich ruhiger werde.

Fünf Nasenbeinbrüche, viel Scham

Das Sehen, das Bewegen, die Wahrnehmung, das Sprechen … ich merkte bald einmal, dass mir das schwerfällt. Aber ich wollte es nicht wahrhaben.

Ich musste bis zu 21 Tabletten pro Tag nehmen. Manchmal nahm ich die Tabletten nicht, damit ich Alkohol trinken konnte.

Legende: Video Aus dem Archiv: Alkohol im Alter – kein Einzelfall abspielen. Laufzeit 08:14 Minuten.
Aus Schweiz aktuell vom 16.10.2015.

Ich schämte mich sehr und sagte mir oft: ‹Was machst du? Hör auf!› Meine Frau tat mir leid, aber ich trank trotzdem weiter. Ich war nicht in der Lage, aufzuhören.

Ich hatte viele Verletzungen von den Stürzen: fünfmal Nasenbeinbruch, Trümmerbruch, Achsel kaputt, Rippen kaputt.

«Grossvati, warum riechst du?»

Im Nachhinein dünkt es mich schade, dass niemand etwas gesagt hat. Heute sage ich, alle hätten sich melden dürfen, sagen dürfen: ‹Du Hans, hast du zu viel getrunken? Du riechst.› Oder: ‹Du redest wirres Zeug.›

Das ist aber nie passiert. Bis meine Familie sich meldete. Die Grosskinder, sie waren zehn, zwölf Jahre alt, sagten mir: ‹Grossvati, warum riechst du so stark, wenn du mit uns sprichst? Und manchmal redest du nicht gut.›

Da lief es mir kalt den Rücken runter. Das war für mich das Schlimmste, dass mich zwei Kinder darauf aufmerksam machten.

Alkoholsucht im Alter: Zahlen und Fakten

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In der Schweiz sind laut BAG, Link öffnet in einem neuen Fenster rund 250’000 Personen alkoholabhängig. Genaue Zahlen zur Alkoholsucht im höheren Alter gibt es nicht.

Laut Sucht Schweiz, Link öffnet in einem neuen Fenster weisen aber 7,1 Prozent der Männer und Frauen im Alter von 65 bis 74 Jahren einen chronisch-risikoreichen Alkoholkonsum auf. Das heisst, sie trinken mehr als vier, respektive zwei Gläser Wein. Das sind mehr als in jüngeren Altersgruppen.

Aber auch angemessener Alkoholkonsum kann bei Seniorinnen und Senioren heikel sein: Der Körper verträgt Alkohol im Alter weniger gut und es können Wechselwirkungen mit Medikamenten auftreten.

Mehr Informationen:

Die Tochter und der Schwiegersohn merkten es auch und sagten: ‹Was ist los? Du hast Alkohol getrunken!› Es ging so weit, dass mir die Tochter sagte: ‹Komm nicht mehr, wenn du angetrunken bist. Ich will nicht mehr, dass du dich so mit meinen Kindern unterhältst!›

Schlussendlich war ich am Punkt, an dem ich etwas machen musste. Weil mir die anderen das Messer an den Hals hielten.»

Nach 8 Jahren Alkoholsucht sagt sich Hans: «Es ist nie zu spät aufzuhören» und nimmt seinen Ausstieg in Angriff.

Er nimmt psychologische Hilfe in Anspruch, zusammen mit seiner Ehefrau. Gemeinsam besuchen sie eine Paartherapie, in der sie die vergangenen Jahre aufarbeiten und schliesslich hinter sich lassen können.

Seit zehn Jahren hat Hans keinen Schluck Alkohol mehr getrunken. Vor zwei Jahren haben die beiden ihre Therapie abgeschlossen.

Drei Fragen an Pflegeexpertin Esther Indermaur

Esther Indermaur ist Pflegeexpertin bei der Fachstelle für psychosoziale Pflege und Betreuung , Link öffnet in einem neuen Fensterder Spitex Zürich Limmat. Sie berät und betreut auch Betroffene mit Alkoholsucht sowie deren Angehörige.

SRF: Senioren und Seniorinnen sind besonders gefährdet, eine Alkoholsucht zu entwickelt. Warum?

Ein grosses Thema, das nicht nur, aber vor allem Seniorinnen und Senioren betrifft, ist die Sinnhaftigkeit im Alltag.

Wenn ich arbeiten gehe oder Kinder habe, dann habe ich einen Grund aufzustehen. Wenn ich alt oder pensioniert bin, wenn meine Freunde weggestorben sind, wenn ich mein Hobby nicht mehr ausüben kann, weil ich körperlich eingeschränkt bin – dann wird es irgendwann schwierig meinen Tag zu strukturieren.

Mein Tag ist irgendwann leer. Ich beginne ihn mit irgendwas zu füllen.

Ist Alkohol für ältere Leute eigentlich schädlicher als für jüngere?

Dass im Alter mehr Medikamente eingenommen werden, spielt sicher eine Rolle. Aber das Problem sind vor allem die Stoffwechselvorgänge, die im Alter langsamer werden.

Alkohol geht unter anderem auf die Bauchspeicheldrüse. Diabetiker sind daher besonders gefährdet. Alkohol ist ein zentrales Gift und wirkt auf jede Zelle des Körpers.

Wie erkennt man, ob man an Alkoholsucht leidet?

Es gibt die zwei Fragen, die man sich selbst stellen kann.

Erstens: Gibt es Situationen, in denen ich trinken muss, wo das absolut übermächtig wird? Wenn ich etwa am Morgen bereits aufstehe und merke: Ich muss etwas trinken, sonst kann ich nicht aufstehen.

Zweitens: Gibt es Situationen, in denen ich mich für meinen Konsum schäme? Verstecke ich das Trinken sogar?

Wenn ich eine dieser Fragen mit «Ja» beantworte, ist das der Moment, Hilfe zu suchen.

*Name geändert

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