Flüchtlingsroute Mittelmeer Pulverfass Tunesien: die Angst vor den Flüchtlingen

Im Süden Tunesiens bekommt man von den Flüchtlingen gerade wenig mit. Aber der stärkere Schutz der europäischen Aussengrenzen könnte die Flüchtlinge bald nach Tunesien führen.

Ein Auto auf einer Strasse, an deren Rand sich Kartonkisten stapeln.

Bildlegende: Geschmuggelt: An der Strasse von Ben Guerdane in Richtung libyscher Grenze stapeln sich Konsumgüter. SRF/Beat Stauffer

Auf Sand gebaute Wellblechhäuser am Rande einer Strasse.

Bildlegende: Entlang der Grenze leben Tausende vom Geldwechsel und Verkauf illegal importierten Benzins. SRF/Beat Stauffer

Gummiboote und Fischkutter

Von den Flüchtlingsströmen im benachbarten Libyen ist im Süden Tunesiens derzeit kaum etwas zu spüren. Trotzdem blickt man mit grosser Sorge auf die Situation in Libyen. Denn dort liegen die Orte, an denen Flüchtlinge Gummiboote und alte Fischkutter besteigen, um nach Europa zu gelangen.

Garabulli, Zaouia, Sabratha und Zouara heissen die libyschen Hochburgen, die derzeit Hochkonjunktur haben. Hier können die Schlepper fast ungehindert die Ausreise ihrer menschlichen «Fracht» organisieren. Mit schier unvorstellbarem Zynismus pferchen sie Flüchtlinge auf Boote, die für eine Fahrt auf hoher See keinesfalls geeignet sind.

Migranten als Helfershelfer

An der vorderster Front beim dreckigen Geschäft des Schleusens von hilfslosen Menschen wirken in den meisten Fällen Landsleute der Migranten. Sie rekrutieren Kandidaten für die gefährliche Überfahrt, handeln den Preis aus und begleiten sie auf die Boote.

Es sind junge Männer aus Mali, Senegal, Gambia oder Eritrea. Häufig verdienen sie sich durch ihre Dienste selber die Überfahrt; manche verrichten diese Tätigkeit aber auch professionell. Die eigentlichen Schlepper bleiben so im Hintergrund.

Auch Tunesier spielen im Schlepperwesen eine Rolle. Viele haben in der Ghadhafi-Ära als Fischer, Matrosen oder Kapitäne auf libyschen Booten gearbeitet.

Tunesien und die Angst

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Bildlegende: Ibrahim Djallo (27) hat es dreimal nicht nach Europa geschafft – jetzt will er nach Gambia zurückkehren. SRF/Beat Stauffer

In Tunesien befürchtet man, die chaotischen Verhältnisse in Libyen könnten auch auf das eigene Land übergreifen. Manche Beobachter haben zudem Angst vor einer Kommando-Aktion versprengter Jihadisten auf Stützpunkte der tunesischen Armee entlang der Grenze.

Doch auch die Vorgänge auf der zentralen Mittelmeerroute könnten für Tunesien schon bald gefährlich werden. Der tunesische Migrationsfachmann Seddik Omeyya sagt: Falls Europa den in Malta verabschiedeten Plan zur Begrenzung der irregulären Migration umsetzen sollte, so könnten die Flüchtlinge in Richtung Tunesien ausweichen.

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Bildlegende: Mongi Slim: Der Apotheker ist Präsident des Tunesischen Roten Halbmonds in der Region von Medenine. SRF/Beat Stauffer

Diese Befürchtung ist nicht aus der Luft gegriffen. Das zeigte sich im Frühjahr 2011, als mehrere 100'000 Flüchtlinge die libysche Grenze in Richtung Tunesien überquerten. Sie wurden damals in einem riesigen Lager in der Nähe der Stadt Benguerdane untergebracht und anschliessend mehrheitlich in ihre Herkunftsländer evakuiert.

Grosse Ratlosigkeit

Auch im Maghreb herrscht grosse Ratlosigkeit bezüglich der Frage, wie mit den Migrationsströmen aus dem subsaharischen Afrika umgegangen werden soll. Die Rolle als vorgelagerte Wachtposten zum Schutz der EU-Aussengrenzen, welche den «stabilen» Maghrebstaaten faktisch zukommt, ist in all diesen Ländern innenpolitisch umstritten.

Viele Menschen wünschen sich die Abschaffung der Visumspflicht für Reisen nach Europa, zumindest für die Maghrebstaaten. Gleichzeitig werden die Migrationsströme aus den armen Ländern südlich der Sahara als Bedrohung wahrgenommen.

Fehlende Perspektiven

Was schliesslich die Bekämpfung der Schleppernetzwerke betrifft, so ist nicht einmal in Ansätzen zu erkennen, wie dies in der Praxis funktionieren soll.

Angesichts der grassierenden Korruption und der riesigen Arbeitslosigkeit können sich kriminelle Organisationen immer weiter ausdehnen. Für viele junge Männer sind diese die einzigen, die ihnen eine konkrete Perspektive anbieten.

Wenn es zutrifft, dass oft nicht nur Milizen, sondern auch libysche Sicherheitskräfte und Politiker mit Schleppern unter einer Decke stecken, so scheinen alle Versuche zur Zerschlagung dieser Netzwerke von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Zur Person

Zur Person

Beat Stauffer berichtet als freischaffender Journalist für verschiedene Medien aus Nordafrika. Er ist auch als Buchautor, Kursleiter und Referent tätig.

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