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Das «China-Virus» und die wachsende Asienfeindlichkeit in den USA
Aus Kontext vom 27.07.2021.
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Rassismus in den USA Keine Touristen, mehr Rassismus – ein Rundgang durch Chinatown

Seit Corona haben anti-asiatische Übergriffe in Amerika massiv zugenommen. Auch New Yorks Chinatown leidet unter den ausbleibenden Touristinnen und wachsender Asienfeindlichkeit. Ein Augenschein vor Ort.

Grace Young steht an der Mott Street, Ecke Bayard Street, im Herzen von Chinatown in Manhattan. Es ist das Chinatown von der Postkarte: Die Schriftzüge auf den roten und gelben Markisen sind öfter chinesisch als englisch, die Schilder über den Auslagen der Geschäfte ebenfalls und die zahlreichen Restaurants bieten jeweils zwei Menükarten an, eine auf Englisch mit Bildern für Touristen und eine andere für chinesische Stammgäste und sonstige Eingeweihte.

Bei genauerem Hinschauen fällt allerdings auf: Auf den Trottoirs hat man überraschende Ellbogenfreiheit. Kein Vergleich mit dem Gedränge von früher. Und zwischen den bunten Ladenfassaden gibt es hässliche Lücken. Wieder und wieder sieht man heruntergelassene Rollläden und «Zu vermieten»-Schilder.

Legende: Die Postkarten-Kulisse der Mott Street trügt: Viele Ladenlokale kämpfen seit der Corona-Pandemie mit fehlender Kundschaft. Louis Dobday

Die Pandemie hat Chinatown hart getroffen

«Chinatown kämpft ums Überleben», sagt Grace Young. Sie setzt sich dafür ein, dass es überlebt. Young ist Expertin für chinesische Kultur und Küche und Autorin mehrerer preisgekrönter Kochbücher. Seit dem Ausbruch der Covid-Pandemie ist sie auch Aktivistin. Denn die Pandemie hat Chinatown wirtschaftlich viel härter getroffen als den Rest von New York.

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Stimmen aus New Yorks Chinatown
21:27 min, aus Kontext vom 27.07.2021.
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«Hier blieb die Kundschaft schon im Januar 2020 weg», sagt sie, «also lange bevor die USA offiziell den ersten Covid-Fall verzeichneten.» Während Geschäfte und Restaurants in anderen Teilen der Stadt inzwischen beinahe wieder so viel Umsatz machen wie vor der Krise, liegen die Einnahmen in Chinatown bei knapp fünfzig Prozent.

Der Grund dafür: Die irrige Angst von Leuten, sich in Chinatown eher anzustecken als andernorts – und Rassismus. Grace Young: «Ex-Präsident Trump sprach von Anfang an vom Wuhan-Virus, vom China-Virus. Diese Rhetorik hat Chinatown enorm geschadet.»

Die Geschichte der Chinatowns in den USA

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Legende: Amerikas ältestes Chinatown befindet sich in San Francisco. Es entstand ab Mitte des 19. Jahrhunderts. IMAGO / AGB Photo

Die Immigration aus China begann 1848 während des kalifornischen Goldrauschs. Wie viele andere Immigranten in jener Ära sahen die Chinesen in Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und das Versprechen einer besseren Zukunft. Sehr bald kamen sie allerdings nicht mehr nur aus eigenem Antrieb, sondern wurden von amerikanischen Unternehmen aktiv rekrutiert.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann der Bau der transkontinentalen Eisenbahn.
Die chinesischen Arbeiter galten als fügsam und waren im Eisenbahnbau so begehrt, dass sie bald 90 Prozent der Beschäftigten ausmachten. Das entsprach ungefähr 20’000 Menschen. Viele von ihnen blieben nach ihren Verträgen mit dem Eisenbauunternehmen und eröffneten ihren eigenen Geschäfte.

Schon da stiessen sie auf Widerstand. Die Ansässigen begegneten ihnen feindselig und beschuldigten sie der unfairen Konkurrenz.

Diese biologisch vermeintlich fremde Rasse erhielt einen Namen: «Yellow Peril», die gelbe Gefahr. Damals, 1882, begegnete die Regierung dieser gelben Gefahr mit dem Chinese Exklusion Act. Das Gesetz verbot jegliche Einwanderung aus China. Die Chinesen wurden damit zur ersten Gruppe von Menschen, die aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit keinen Zugang mehr zu den Vereinigten Staaten hatten.

Für die ansässigen Chinesen bedeutete dieses Gesetz: kein Recht auf amerikanische Staatsbürgerschaft, kein Recht, Land zu besitzen, ihre Familien durften sie nicht nachholen und keine Nichtchinesen heiraten. So verhinderte man, dass sie sich assimilierten.

Eine Überlebenschance hatten sie nur, wenn sie sich zusammentaten. Das war den Behörden und den übrigen weissen Amerikanern recht. Denn wenn sich ihre Anwesenheit auf bestimmte Orte konzentrierte, liessen sie sich besser kontrollieren. So entstanden die ersten Chinatowns. Amerikas ältestes Chinatown ist das in San Francisco.

Immer wieder kam es in den Chinatowns zu fremdenfeindlichen Massakern. Lynchmorde fanden bis weit ins 20. Jahrhundert überall im Land statt.

Das Einwanderungsverbot für chinesische Staatsangehörige wurde 1926 auf den gesamten asiatischen Raum ausgeweitet und für China erst 1943 aufgehoben. 1968 wurde schliesslich das Quotensystem abgeschafft, das jährlich nur ein paar hundert Einwanderungen aus dem asiatischen Raum zuliess.

Geschadet haben Fehlinformationen und Vorurteile nicht nur Chinatown. Die Zahl der Hassverbrechen gegen Menschen asiatischer Herkunft ist in den Vereinigten Staaten in den vergangenen 18 Monaten um 169 Prozent gestiegen. In New York ist es mit einem Anstieg von 400 Prozent am schlimmsten.

Allein dieses Jahr sind hier über vierzig Leute auf offener Strasse brutal angegriffen worden: Eine ältere Frau auf dem Weg zur Kirche wurde mit einem Hammer niedergeschlagen. Ein Mann liegt im Koma, nachdem ihn ein Angreifer in den Kopf getreten hat. Alle diese Angriffe waren von rassistischen Beschimpfungen begleitet.

Um Chinatown zu helfen, hat Grace Young unter anderem eine Videoserie mit dem Titel «Chinatown Stories» gestartet, in der sie Anwohner des Viertels über ihre Schwierigkeiten und Ängste sprechen lässt. Sie hat eine Instagram-Kampagne unter dem Hashtag #SaveChineseRestaurants lanciert und mehrere zehntausend Dollar an Spendengeldern gesammelt.

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Die «Gelbe Gefahr» und ihre Geschichte
12:07 min, aus Kontext vom 27.07.2021.
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Eines der Restaurants, für das sie sich einsetzt, ist das beliebte Quartierlokal Hop Lee. Hier haben die örtlichen Postbeamten ihren Stammtisch. Das Mittagsmenü kostet 6.75 Dollar – 76 Cents mehr als vor der Pandemie.

«Ich musste den Preis erhöhen», sagt Hop-Lee-Besitzer Johnny Mui hörbar zerknirscht. «Aber auch so verliere ich jeden Tag Geld.» Nur die Hälfte seiner Angestellten würden wieder arbeiten. «Nach 17 Uhr ist hier im Viertel nichts mehr los. Die Leute wagen sich nicht mehr auf die Strasse, Gäste von ausserhalb fehlen sowieso.»

Asienfeindlichkeit hat eine lange Geschichte

Von der Angst spricht auch Ming Huang, Manager des Wo Hop, einer weiteren Nachbarschaftsinstitution. «Ich selbst bin zum Glück bisher nicht angegriffen worden. Aber fast alle meiner Mitarbeiter wurden auf dem Arbeitsweg wiederholt angepöbelt, angespuckt.»

Grace Young erinnert ihn an die Taschenalarme, die sie für ihn, sein Personal und dutzende andere Restaurantangestellte organisiert hat, daumengrosse Geräte, die auf Knopfdruck einen schrillen Ton von sich geben. «Wir tragen ihn immer bei uns», bestätigt er, resigniert: «Die Asienfeindlichkeit wird immer da sein. Sie ist Teil unseres Lebens hier.»

Legende: Ming Huang (rechts) ist Besitzer des Wo Hop an der Mott Street. Fast alle seine Mitarbeitenden wurden auf dem Arbeitsweg bereits angepöbelt. Louis Dobday

Ming Huangs Resignation hat gute Gründe. Denn die Asienfeindlichkeit und speziell die China-Feindlichkeit verfügen in den USA über eine lange Geschichte. Schon kurz, nachdem die ersten chinesischen Immigranten vor 150 Jahren für den Bau der transkontinentalen Eisenbahn ins Land gekommen waren, empfand man sie als «Gelbe Gefahr». Man fürchtete nicht nur ihre Konkurrenz, sondern auch, dass sie die weisse Rasse «verunreinigen» könnten.

1882 verabschiedete die Regierung deshalb ein Gesetz, das die Einwanderung aus China verbot. 1926 wurde das Verbot auf den gesamten asiatischen Raum ausgeweitet. Erst 1968 wurden die letzten restriktiven Quoten für Immigranten aus Asien aufgehoben. Bis weit ins 20. Jahrhundert kam es in amerikanischen Chinatowns zu Massakern.

Freiwillige überwachen die Strassen

Manche sind zur Selbsthilfe übergegangen. Zum Beispiel Karlin Chang. Von der «Stoppt den Asien-Hass»-Kampagne, die die New Yorker Stadtregierung lanciert hat, verspricht er sich wenig. Deshalb hat der langjährige Nachbarschaftsaktivist im Februar 2020 die «Chinatown Block Watch» gestartet. Seither zieht er mit einer Gruppe von Freiwilligen mehrmals pro Woche durch die Strassen des Viertels: «Ich will damit für sichtbare Abschreckung sorgen und signalisieren: Wir beschützen euch und sind bereit, bei Übergriffen einzugreifen.»

Legende: Gemeinsam mit der «Chinatown Block Watch» patrouilliert Karlin Chang (links) durch die Strassen Chinatowns, um für mehr Sicherheit für die asiatische Community zu sorgen. Louis Dobday

Die «Block Watch» ist freilich entschieden kein Schlägertrupp. Das Alter der jeweils ein, zwei Dutzend Teilnehmenden bewegt sich zwischen 8 und 80 Jahren, und in die Kategorie «topfit» passen die wenigsten. Dennoch wissen die Anwohner die «Block Watch» zu schätzen. Chang: «Wir multitasken. Wir funktionieren als eine Art wandelnde Quartierzeitung und vermitteln Kontakte zu Non-Profitorganisationen, die sich um alles Mögliche kümmern, von Mieterunterstützung bis zur Ausgabe von Gratis-Essen. Und wer sich konkret bedroht fühlt, ist eher bereit, mit mir zu reden als mit der Polizei.»

Karlin Chang ist wie Grace Young überzeugt: Chinatown ist ein Ort, der von Immigrantinnen und Immigranten aufgebaut wurde. Er erzählt die Geschichte der Vereinigten Staaten. «Es ist etwas von dem, was New York, was Amerika so besonders macht», so Grace Young, «das müssen wir bewahren.»

Kontext, Radio SRF 2 Kultur, 28. Juli 2021, 9.05 Uhr

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39 Kommentare

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  • Kommentar von Dominik Nussbaum  (dnussbaum)
    Die asiatischstämmigen Amerikaner haben sehr wohl ihre eigene Bewegung ähnlich BLM gegründet, nämlich die im Artikel erwähnte «Stop Asian Hate»-Kampagne. Im Gegensatz zu BLM und dem Fall George Floyd wurde z.B. der Fall Vicha Ratanapakdee von den Medien bei Weitem nicht so aufgebauscht, den Asiatischstämmigen wurde keine vergleichbare Plattform gegeben. Jeder kennt jetzt Derek Chauvin, wer kennt Antoine Watson? Vielleicht ist es ein Tabuthema, dass Hassverbrechen nicht nur von Weissen ausgehen…
  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    Wir haben mit unseren Kommentaren nicht viel Einfluss auf Amerika.
    Aber wir könnte mal etwas unsere eigenen Kommentare und SRF ihre Artikel hinterfragen ob und wie sie vorurteilsbehaftet gegen China, Russland, Weissrussland, Syrien, etc. gerichtet sind, und ob man da - der Schweizer Neutralität verpflichtet - nicht etwas objektiver und weniger stereotyp berichterstatten und kommentieren könnte und sollte.
    1. Antwort von Robert Altwegg  (trebor)
      Herr Baron: Sorry, aber wir Schweizer, als Gastgeber des UNO-Menschenrechtsrates, können uns nicht mehr länger hinter unserer Neutralität verstecken. Sonst verlieren wir als demokratischer Rechtsstaat die Glaubwürdigkeit. Die genannten Länder verstossen gegen Menschenrechte, allen voran China, das die elementarsten internationalen Menschenrechte massiv und in grosser Zahl verletzt. Auch erpresst das Regime in Peking freie Firmen und Staaten (H&M, Australien). Soll SRF diese Fakten verharmlosen?
    2. Antwort von Werner Gerber  (1Berliner)
      Im Gegenteil SRF ist da viel zu zögerlich gegenüber den von Ihnen genannten Regimes.
      Da kann ich nur die Doku bei ARTE über Xi Jinping empfehlen. Da wird klar aufgezeigt, welche Gefahr aus China droht. Wohlverstanden da gehts um die Darstellung der Kommunistischen Partei und nicht um eine rassistische Verunglimpfung der chinesischen Menschen, schon gar nicht um die in den USA Lebenden, die herzlich wenig mit dem kommunistischen China zu tun haben dürften.
  • Kommentar von Vinzenz Böttcher  (AfroKaiser)
    Die Idiotie daran ist ja, dass die Chinesen eben oft in den USA leben, weil sie die Demokratie schätzen und die Autokratie ablehnen. Das Problem ist auch nicht die chinesische Kultur, sondern die Regierung in China. Aber erklär das mal jemandem, der so zurückgeblieben ist, dass er ne alte Frau mit einem hammer niederschlägt.