Religiöser Fanatismus: Wenn eine heile Welt zerfällt

Isabelle Neulinger flüchtete 2005 mit ihrem Sohn von Israel in die Schweiz – aus Angst vor dessen religiös fanatischem Vater. Über ihre Erfahrungen hat Neulinger nun ein Buch geschrieben. Sie erzählt darin von dramatischen Umständen und nie versiegendem Mut – ein Buch mit Bestseller-Potential.

Isabelle Neulinger hat ihren Sohn auf der Schoss, beide lächeln in die Kamera.

Bildlegende: Glücklichere Zeiten in Israel: Isabelle Neulinger mit ihrem Sohn. Privatbesitz Isabelle Neulinger

Die Schweizerin Isabelle Neulinger stammt aus einer modernen jüdischen Familie und lebt in Lausanne. 1999 entscheidet sie sich, nach Israel auszuwandern. Dort lernt sie ihren Mann Shai kennen, einen charmanten, weltoffenen Sportlehrer. Die beiden heiraten und werden Eltern eines Sohnes, Noam.

Schon vor Noams Geburt beginnt sich Shai sehr intensiv mit dem jüdischen Glauben auseinanderzusetzen. Zunächst reagiert Isabelle Neulinger positiv auf die Religiosität ihres Mannes. Aber Shai entwickelt sich zunehmend zu einem ultraorthodoxen Juden.

Demütigungen, Drohungen, Erpressungen

Shai verbringt immer mehr Zeit in der Synagoge und mit dem Studium religiöser Schriften. Er beginnt seiner Frau Vorschriften zu machen, wie sie sich zu kleiden hat, was sie essen darf. Ihm zuliebe unterzieht sie sich sogar aufwendigen und demütigenden Reinigungsritualen.

Als sie an einem jüdischen Feiertag starke Bauchschmerzen hat, er sich aber weigert, mit ihr ins Krankenhaus zu fahren, wird sie hellhörig. Sein Verhalten ihr gegenüber wird immer respektloser. Und als er bei der Geburt ihres Sohnes gar nicht auftaucht, weil eine gebärende Frau unrein ist, führt das zum endgültigen Bruch.

Isabelle Neulinger beginnt sich zu wehren, aber er demütigt, bedroht und erpresst sie. Schliesslich teilt sie ihm mit, dass sie sich scheiden lassen will. Seine Reaktion: «Das wird dich teuer zu stehen kommen. Ich werde dir alles nehmen, was dir einmal gehört hat, einschliesslich Noam, und danach wird dir nur noch zum Heulen sein.»

Ihr Kampf beginnt

Isabelle Neulinger muss bald einsehen, dass sie vor israelischen Gerichten keine Chance hat. Schweren Herzens entschliesst sie sich zur Flucht. Sorgfältig bereitet sie sie vor. Und dann eines Nachts fährt sie mit ihrem kleinen Sohn Noam über die Grenze nach Ägypten – er versteckt in einer Taucherausrüstung.

Die beiden schaffen auch die Weiterreise in die Schweiz, heim zu Neulingers Familie. Grenzenlose Erleichterung. Aber Neulingers Odyssee ist noch lange nicht vorbei. Geschlagene fünf Jahre wird es dauern, bis sie und ihr Sohn sich wirklich sicher fühlen können.

Ein schier unglaublicher Präzedenzfall

Isabelle Neulinger muss immer wieder Gerichtsverhandlungen vorbereiten und durchstehen. Sogar das Bundesgericht will den Jungen zurück nach Israel schicken. Erst die Grosse Kammer am Europäischen Gerichtshof in Strassburg entscheidet zugunsten von Mutter und Sohn.

Noam darf in der Schweiz bleiben. Dieses Urteil schreibt Rechtsgeschichte. Zum allerersten Mal heisst ein Gericht die «Entführung» eines Kindes durch einen Elternteil gut.

«Meinen Sohn bekommt ihr nie» ist ein erschütterndes Buch. Religiöser Fanatismus, unverständliche Gerichtsurteile zwingen den Leser, die Leserin, zum Nachdenken. Gleichzeitig ist man aber auch beeindruckt von Isabelle Neulinger, einer starken Frau, die einfach nie aufzugeben scheint.

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Wie alles begann: Vorschau zum «Kulturplatz»-Beitrag am 20.2.2013

1:03 min, vom 15.2.2013

Buchhinweis

Isabelle Neulinger: «Meinen Sohn bekommt ihr nie. Flucht aus dem gelobten Land.» Nagel & Kimche, 2013.