«Religion kann Konflikte mindern, aber auch fördern»

Religion wird nicht nur als Legitimation für Gewalt missbraucht. In jeder Religion ist auch ein prinzipielles Gewaltpotential angelegt. Das sagt der interkulturelle Theologe Perry Schmidt-Leukel. Doch: Wie kann man damit umgehen?

Männer halten die Flagge der IS

Bildlegende: «Religiös motivierte Gewalt wird häufig im Sinne einer Verteidigung legitimiert», sagt Perry Schmidt-Leukel. Reuters

Religionen werden immer wieder mit Gewalt in Verbindung gebracht. Gerade zurzeit stellt sich die Frage wieder: Werden Religionen für diese Gewalttaten missbraucht oder bergen sie ein eigenes Gewaltpotential?

Perry Schmidt-Leukel: Ich glaube, dass Religionen sehr häufig missbraucht werden und Konflikte oft primär anders motiviert sind. Es gibt jedoch auch etwas an und in den Religionen, weshalb sie sich zum Missbrauch eignen: Ein eigenes Konflikt- und Gewaltpotential, das in den Religionen angelegt ist.

Worin besteht dieses Gewaltpotential?

Religiös motivierte Gewalt wird häufig im Sinne einer Verteidigung legitimiert. Zum Beispiel, wenn die höchsten Werte oder die letzte göttliche Wahrheit bedroht scheinen. Dann entsteht die Bereitschaft oder sogar die subjektiv empfundene moralische Verpflichtung, die religiösen Werte gegen diese Bedrohung zu verteidigen.

Die Bedrohung kann von anderen Religionen ausgehen, beispielsweise wenn diese missionieren und einen Expansionsdrang zeigen. Aber selbst dann, wenn eine Mehrheitsreligion gegen eine religiöse Minderheit vorgeht, kann dies immer noch im Sinne einer Verteidigung legitimiert werden. Etwa, wenn man den Glauben dieser Minderheit als eine Irrlehre betrachtet, von der eine Gefahr für das religiöse Leben der eigenen, vermeintlich wahrhaft Gläubigen ausgehe. Vor dieser «Irrlehre» muss man dann die Gläubigen angeblich schützen.

Gewalt zur Verteidigung – das klingt nach einer ethischen Begründung. Ist das immer der Fall?

Nein. Die Frage nach dem Stellenwert von Ethik in den Religionen verweist auf ein weiteres Problem: Ist etwas gut, weil Gott es gebietet? Oder gebietet es Gott, weil es gut ist? Entscheidet man sich für ersteres, dann wird eine religiöse Autorität über die Autorität der moralischen Verpflichtung gesetzt und höchst unmoralische Handlungen können so als religiös geboten ausgegeben werden.

Ich denke, dass Religionen aber auch die autonome Gültigkeit der Ethik akzeptieren können. Die höchste oder göttliche Wirklichkeit kann dann so verstanden werden, dass sie im Einklang mit ethischen Werten steht. Gefährlich wird es jedenfalls immer dann, wenn durch religiöse Überlegungen moralische Überlegungen ausser Kraft gesetzt werden.

Ihr Kollege Friedrich Wilhelm Graf spricht diesbezüglich ja sogar vom Glauben als ursprüngliches Zentrum der Gewaltbereitschaft. Sind Religionen der Ursprung von Gewalt?

Ich denke, die Dinge liegen komplizierter. Religion hat auch ein grosses friedensförderndes Potential. Die konfliktfördernden und die konfliktmindernden Potentiale sind über die Religionen gleichermassen verteilt. Ich bin zudem auch nicht der Meinung, dass eine bestimmte Religion von Haus aus aggressiver und konfliktbereiter sei als eine andere.

Wie denken Sie, dass das Friedenspotential der Religionen erhöht werden könnte?

Ein wichtiger Schritt wäre, dass Religionen selbstkritisch über ihr eigenes Konfliktpotential nachdenken. Dass sie sich von der bequemen Lösung verabschieden, die Verstrickung von Religion in Gewalt sei immer nur ein Missbrauch von Religion. In jeder Religion müssen sich Gläubige die selbstkritische Frage stellen, was ihre eigene Religion anfällig macht für Missbrauch. Es bedürfte also so etwas wie einer kollektiven «Gewissenserforschung».

Haben Sie dazu ein Beispiel?

Ein Paradebeispiel ist, dass Christen nach dem Holocaust im grossen Stil angefangen haben darüber nachzudenken, inwiefern das Christentum zur Schoah beigetragen hat. Man hat sich gefragt, was es für antijüdische Wurzeln im Christentum gibt und wie sich diese überwinden lassen.

Ein entscheidendes Ergebnis dieses Nachdenkens war, dass schliesslich eine ganze Reihe von Kirchen auf jede Form von Judenmission verzichteten. Denn Mission bedeutet ja nichts anderes, als dass man die andere Religion zum Verschwinden bringen und durch seine eigene ersetzen will.

Sie plädieren also für ein besseres Verständnis der Religionen untereinander?

Ja, denn darüber nachzudenken bedeutet auch, dass Religionen ihre wechselseitigen Zerr- und Feindbilder kritisch hinterfragen. Ebenso die Vorurteile, die sie über Jahrhunderte hinweg gegenüber anderen Religionen aufgebaut haben.

Darüber hinaus können und sollten sie versuchen, die positiven Aspekte in den anderen Religionen zu verstehen. Je mehr ich eine echte Hochachtung für andere Religionen empfinde, desto weniger werde ich aus religiösen Gründen heraus das Bedürfnis haben, diese zu attackieren.

Zur Person

Porträtfoto von Perry Schmidt-Leukel

upm/Sauer

Perry Schmidt-Leukel ist Professor für Religionswissenschaft und interkulturelle Theologie an der Universität Münster. Seine Forschungsschwerpunkte liegen bei der Pluralismusfähigkeit der Religionen, den interreligiösen Beziehungen und dem christlich-buddhistischen Dialog.

Sendung zu diesem Artikel