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Emilia Roig – Eine Welt ohne Rassismus und Unterdrückung
Aus Sternstunde Philosophie vom 20.11.2022.
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Ringen um Gleichberechtigung Emilia Roig, wie geht eine Welt ohne Rassismus und Unterdrückung?

Sie hat jüdische Wurzeln, eine schwarze Mutter und einen weissen Vater, lebt in Partnerschaft mit einer Frau und ist alleinerziehend: Emilia Roig erlebte Diskriminierung auf unterschiedlichsten Ebenen.

Heute zählt sie zu den international gefragtesten Expertinnen für Diskriminierungsfragen.

Emilia Roig

Emilia Roig

Politologin und Aktivistin

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Emilia Roig ist eine französische promovierte Politologin, Sachbuchautorin und Aktivistin mit den Themenschwerpunkten Intersektionalität (Überschneidung und Gleichzeitigkeit verschiedener Diskriminierungskategorien) und Antidiskriminierung.

Sie lebt seit 2005 in Berlin, wo sie das Center for Intersectional Justice gründete. Mittlerweile zählt die Politikwissenschaftlerin zu den international gefragtesten Expertinnen für Diskriminierungsfragen.

Sie wuchs in einem Vorort von Paris als Tochter eines jüdisch-algerischen Vaters und einer aus Martinique stammenden Mutter auf. Ihr Grossvater väterlicherseits war ein glühender Anhänger der französischen rechtspopulistischen Partei «Front National» (heute Rassemblement National).

Roig ist geschieden, lebt in Partnerschaft mit einer Frau und hat einen 8-jährigen Sohn.

SRF: Sie sagen, Sie seien selbst mit Vorurteilen, Normen und Stereotypen aufgewachsen. Haben auch Sie rassistische, sexistische Züge oder Vorurteile?

Emilia Roig: Auf jeden Fall. Heute allerdings viel weniger, weil ich daran gearbeitet habe – auch weil es mich betroffen hat. Ich hatte aber schon immer ein starkes Bauchgefühl und erkannt, wenn etwas ungerecht war.

Zum Beispiel habe ich gespürt, wie meine schwarze Mutter herabgesetzt wurde. Ich habe all diese rassistischen und sexistischen Muster verinnerlicht und konnte sie erst mit der Zeit reflektieren.

Wie gelang Ihnen das?

Meine Eltern haben uns Kindern nie gesagt, dass die rassistischen Äusserungen meines Grossvaters und Front-National-Mitglieds nicht gut seien. Wenn wir Rassismus verharmlosen, indem wir etwa sagen, diese rechtspopulistische Partei sei nicht so schlimm, weil man Menschen kennt, die Rechtspopulisten wählen, aber weder schlechte noch rassistische Menschen seien, ist das gefährlich.

Mein Sohn verbindet das Schwarzsein nicht mit etwas Negativem, ganz im Unterschied zu mir als Kind.

Man blendet die Ideologie hinter diesen Menschen aus. Alle Genozide, alle Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden von Menschen begangen, nicht von Monstern.

Heute sind Sie selbst Mutter eines 8-jährigen Sohnes. Was machen Sie anders?

Ich versuche, dass er die Differenzen sieht. Oft blenden wir die diese aus. Ich verbiete ihm zum Beispiel nicht zu sagen: «Guck mal, diese Frau ist dick.» Aber ich mache ihm klar, dass es diese Menschen gibt und dass alle Körper in Ordnung sind.

Und ich lebe es ihm vor: Er verbindet das Schwarzsein nicht mit etwas Negativem, ganz im Unterschied zu mir als Kind. Er hat auch kein Konzept von Hetero- oder Homosexualität. Mein Sohn weiss, dass sich Erwachsene verlieben und Familien bilden und dass es Kinder mit zwei Müttern oder zwei Vätern gibt.

Sie schreiben in Ihrem Buch «Why We Matter», dass es bei rassistischen Aussagen nicht darum geht, wie es gemeint ist, sondern wie es ankommt. Oft werden Menschen mit einer anderen Hautfarbe gefragt: «Woher kommst du?» Ist das schon übergriffig?

Die Frage an sich ist nicht das Problem, sondern die Nachfrage. Wenn man nachhakt: «Nein, woher kommst du wirklich? Du bist doch schwarz.»

Unterdrückte Minderheiten lernen von klein auf, Empathie für die Dominanzgesellschaft zu entwickeln.

Damit impliziert man, dass das, was der Gefragte zur Antwort gibt, falsch ist. Man will wissen, wo seine Wurzeln sind, wo er «vorher» war. Man sagt damit aus «du gehörst nicht hierher».

Sie sagen, dass es für niemanden einen neutralen Standpunkt gebe und sprechen von einer «Empathie-Lücke».

In vielen Büchern oder Filmen hat man weisse Protagonisten. Mein Sohn las zum Beispiel «Harry Potter»-Bücher und hat die Protagonisten als Vorbilder. Unterdrückte Minderheiten lernen von klein auf, Empathie für die Dominanzgesellschaft zu entwickeln.

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Trägt unsere Sprache zur Diskriminierung von Minderheiten bei?
aus Forum vom 18.06.2020.
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Umgekehrt gilt das nicht. Selbst die Aufklärung war ein eurozentristisches, patriarchales Projekt. Die Philosophen der Moderne als Kinder ihrer Zeit zu verharmlosen, finde ich problematisch. Sie waren auch diejenigen, die das Denken, das Wissen geprägt haben. Das darf man nicht unter den Teppich kehren.

Menschen, die sich damals für die Freiheit und gegen die Sklaverei einsetzten, hatten damals selbst Sklaven, glaubten also trotz allem an deren Unterlegenheit. Paradox!

Das Gespräch führte Yves Bossart in der Sternstunde Philosophie.

SRF 1, Sternstunde Philosphie, 20.11.2022, 11:00 Uhr.;

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