Roger Blum: «Ohne Pressefreiheit gibt es keine Demokratie»

Beschwerden gegen Radio und Fernsehen gelangen an seine Adresse: Roger Blum ist seit 2008 Präsident der UBI, der unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen, Ende Jahr tritt er zurück. «Die Möglichkeiten der Medien und die Ansprüche des Publikums gehen auseinander», sagt er.

Eine Hand hält eine Zeitung.

Bildlegende: Hintergründig statt platt: Roger Blum erkennt im Print-Journalismus eine Tendenz zur Vertiefung. Photocase

Roger Blum kennt die Medienlandschaft aus allen Perspektiven. Er war Journalist, Professor für Medienwissenschaften und Präsident des Schweizer Presserats. Als Präsident der UBI, der unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen, hat er in den letzten Jahren die Perspektive des Publikums besser kennengelernt. Er weiss genau, worüber sich das SRF-Publikum empört.

Häufigster Vorwurf: Manipulation und Einseitigkeit

Rund 20 Beschwerden pro Jahr gelangen an die UBI und somit an Roger Blum und sein Gremium. Häufigstes Thema der Beschwerden: «Oft kommt der Vorwurf, dass Fernsehen und Radio einseitig berichten, bestimmte Positionen nicht berücksichtigen oder bestimmte Aspekte auslassen. Dass das Publikum also irregeführt, nicht korrekt informiert und manipuliert worden sei», sagt Roger Blum.

Immer wieder melden sich bei der UBI Zuschauer, die sich diskriminiert fühlen. Grossen Unmut löste zum Beispiel der Trailer zu den olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 aus: Darin war eine Eiskunstläuferin zu sehen, die in einem sehr kurzen Rock eine Pirouette drehte. Die Beschwerde auf Frauen-Diskriminierung wurde von der UBI jedoch abgewiesen: Die Eiskunstläuferin würde nicht als Frau entblösst und diskriminiert, es handle sich dabei um eine für die Sportart typische Bewegung, begründet Blum den Entscheid.

Abgewiesen wird ein Grossteil der Beschwerden – nur rund 20 Prozent werden gutgeheissen. Roger Blum findet es wichtig und richtig, dass es viel brauche, bis die Beschwerdeinstanz interveniere. Denn die Pressefreiheit sei quasi heilig, Medien sollen stören: «Ohne Pressefreiheit gibt es keine Demokratie, keine brauchbare Information der Stimmberechtigten und keinen stabilen öffentlichen Diskurs.»

Online-Journalismus: Nur ein weiterer Sündenbock?

Über die Qualität der Medien wird seit langem diskutiert. Das Publikum, so der Präsident der UBI, sei unzufrieden mit den Medien. Dafür gäbe es viele Gründe, einer sei zum Beispiel das Internet: Online könne jeder quasi zum Experten werden, auch zu spezifischen Themen. «Die Möglichkeiten der Medien und die Ansprüche des Publikums gehen auseinander», sagt Blum.

Roger Blum trägt eine Brille. Er spricht.

Bildlegende: Die Medienlandschaft ist sein Terrain: Roger Blum. Keystone

Der digitale Wandel hat die Medienbranche hart getroffen. Experten kritisieren seit Jahren, dass die Verlagerung ins Internet auf Kosten der seriösen Berichterstattung gehe. Der Online-Journalismus habe am Anfang Unausgegorenes und Unbrauchbares hervorgebracht, weil viel ausprobiert wurde, sagt Blum.

Einen ähnlichen Umbruch habe es schon mal gegeben: «Als die Massenpresse im 19. Jahrhundert entstand und als das Radio zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufkam, gab es auch viele Pioniere, die das Handwerk nicht gelernt hatten, die einfach mal probierten. Auch damals war vieles unausgegoren».

Positive Entwicklung im Print

Als Präsident der UBI hat Roger Blum vor allem das Schweizer Radio und Fernsehen in allen Sprachregionen auf dem Radar. Aber er hat auch stets die gesamte Medienwelt im Visier. In diesen Zeiten der Krise sieht er auch eine positive Entwicklung – vor allem im Printbereich: «Viele Zeitungen, sowohl Wochen- wie Tageszeitungen, haben sehr gut auf hintergründige Berichterstattung und auf Wissenserweiterung umgestellt.»

Roger Blum übergibt sein Amt als Präsident der UBI Ende Jahr an seinen Nachfolger. Doch die Medien werden ihn weiter beschäftigen. Zunächst wird er neue Buchprojekte anpacken.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 15.12.2015, 16:20 Uhr.