Roma in Frankreich hoffen auf eine bessere Zukunft

17‘000 Roma leben in Frankreich. Schikane und Diskriminierung durch den Staat stehen an der Tagesordnung. Seit Januar dürften Roma aus Rumänien neu wie alle EU-Bürger ohne Auflagen in Frankreich arbeiten. Und haben damit Anrecht auf Sozialleistungen. Die Realität sieht aber anders aus.

Kleines Mädchen in Roma-Slum im Westen von Paris.

Bildlegende: Hoffen auf eine Bessere Zukunft für ihre Kinder: Die Roma in Frankreich. Keystone

Champs-sur-Marne, 20 Kilometer östlich von Paris: Studenten strömen aus der Schnellbahn, gehen achtlos an der hohen Lorbeerhecke vorbei und verschwinden in den modernen Universitätsgebäuden. Die Hecke ist akkurat gestutzt. Sie wirkt wie eine riesige, grüne Mauer. Aber im Geäst ist ein Loch. Dort hindurch führt ein Trampelpfad in ein Wäldchen. Zwischen Buchen und Eichen sind etwa 45 Hütten zu sehen, zusammengeschustert aus Holzplatten, Pappkartons, Plastikplanen.

Christian Bumbai kontrolliert eine dieser Hütten, seine Hütte. Es hat heftig gewittert und gehagelt in der Nacht. «Wir hatten eine Überschwemmung, zwei Stunden lang haben meine Frau und ich Wasser geschöpft», sagt der 37-Jährige. Christian Bumbai kommt aus Rumänien. Bei einem Hochwasser hat er dort sein ganzes Hab und Gut verloren. Arbeit fand er auch nicht, deshalb ging er 2006 nach Frankreich. Inzwischen ist auch seine Frau mit den zwei Kindern nachgezogen. «Wir wollen hier in Frankreich reguläre Arbeit finden, damit es unsere Kinder einmal besser haben. Einige von uns sind jetzt beim Arbeitsamt gemeldet und hoffen auf Angebote. Reinigung, Müllabfuhr, Arbeit auf dem Bau: Wir sind zu allem bereit.»

Reguläre Arbeit ist jetzt erlaubt

Mann mit seinen beiden Töchtern im Slum.

Bildlegende: Christian Bumbai ist mit seinen Töchtern. Bettina Kaps

Christian Bumbai hat sich bei einem Jobcenter und bei Zeitarbeitsfirmen eingeschrieben. Sein Schwager Florin Lucan lebt auch im Slum. Er erzählt, dass es für Roma in Frankreich durchaus Arbeit gibt, aber nur, wenn sie sich ausbeuten lassen. Er selbst hat sieben Jahre lang schwarz bei einem Bäcker gearbeitet: «Von halb fünf Uhr in der Früh bis fünf Uhr nachmittags, für 30 Euro am Tag.»

Zum Leben hat es gerade gereicht, aber eine billige Wohnung haben die beiden Roma-Familien in Frankreich nie gefunden. Seit acht Jahren wohnen sie nun schon mit ihren Familien in verschiedenen Slums. Slums, die von der französischen Regierung nicht geduldet werden, sagt Christian Bumbai: «Immer wieder sind unsere Baracken zerstört worden, zuletzt vor zwei Jahren. Damals haben wir mit den Kindern vor dem Rathaus protestiert. Aber niemand wollte uns helfen. So sind wir in dieses Wäldchen gezogen und haben wieder eine Hütte gebaut.» Im Hüttenlager gibt es kein Wasser, keine Toiletten, keine Müllabfuhr.

Rathäuser verwehren Roma-Kindern den Schulbesuch

Mädchen mit Barbiepuppe.

Bildlegende: Das Ratshaus wollte Christian Bumbais Tochter nicht einschulen. Bettina Kaps

Die Tür geht auf. Christian Bumbais Tochter Malina kommt heraus. Die Elfjährige muss zur Schule. Obwohl in Frankreich Schulpflicht herrscht, wurde Malina erst mit neun eingeschult, sagt ihr Vater. Und auch das war nur möglich, weil seine Familie von Franzosen beherbergt wurde, nur auf dem Papier natürlich. «Ich hatte zuvor schon ein paar Mal versucht, Malina anzumelden, aber das Rathaus hat es immer abgelehnt. Ich weiss nicht, warum sie Roma-Kinder nicht haben wollen.»

Ein grosser Mann mit dichtem grauen Haar, Metallbrille und Rund-um-den-Mund-Bart kommt in den Wald. Einzelne Frauen und Männer aus dem Lager begrüssen ihn herzlich und überhäufen ihn mit Fragen. François Loret ist Mitglied des Kollektivs Romeurope und setzt sich für die Rechte der Roma ein. «Wenn wir sie nicht begleiten, ist das Leben für die Roma sehr kompliziert. Ich habe unzählige Male erlebt, dass man sie abweist: im Krankenhaus, bei der Bank, in der Post. Sobald sie ihren Pass vorzeigen und klar wird, dass sie Rumänen sind, ist es für sie aus. Dann haben sie keine Existenzberechtigung mehr.»

Die Angst vor dem Bulldozer

Aber wenn ein Roma es schafft, in einem Monat 60 Stunden regulär zu arbeiten, kann er wie jeder andere Arbeitnehmer auch Krankenversicherung, Sozialhilfe und Kindergeld beantragen, sagt François Loret. Er hilft ihnen dabei. Ausserdem versucht er, das Leben im Wald ein wenig erträglicher zu gestalten. Ohne Erfolg. «Das Rathaus weigert sich, unsere Forderungen zu erfüllen: Es stellt hier beim Lager keine Mülltonnen auf. Es hat alle Hydranten in der Nähe abgedreht. Und dann heisst es: Die Roma wollen sich nicht integrieren. Sie können es nicht, weil man ihnen ständig Knüppel zwischen die Beine wirft.»

Das Wäldchen in Champs-sur-Marne gehört dem Pariser Finanzministerium. Die Behörde hat geklagt und das Gerichtsurteil ist gefallen. Die Polizei kann jederzeit anrücken und die Hütten platt machen. Christian Bumbai und Florin Lucan sind besorgt. «Wir möchten hier bleiben. Wenn sie das Lager zerstören, wissen wir nicht, wohin es uns verschlägt. Wenn es zu weit weg ist, können die Kinder hier nicht mehr zur Schule gehen.»

Die Roma wissen: Dann müssen sie wieder bei Null anfangen: ein neues Gelände suchen, eine neue Hütte bauen, eine neue Schule finden. Bis zum nächsten Mal.

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