Ronald L. Haeberle – der Fotograf von My Lai

Kaum ein anderes Ereignis hat während des Vietnamkrieges die Öffentlichkeit so bewegt wie das Massaker in My Lai 1968. Der Fotograf Ronald L. Haeberle dokumentierte das Grauen, seine Bilder gingen um die Welt. Heute bewegen ihn weniger die Erlebnisse als eine besondere Begegnung.

Ein Soldat facht das Feuer an.

Bildlegende: Als sei nie etwas geschehen: My Lai wird nach dem Massaker angezündet. Getty Images

16. März 1968: Die Sonne geht über dem südchinesischen Meer auf, als Hubschrauber der US-Armee die kleine Ortschaft My Lai erreichen. Soldaten der «Charlie Company» umzingeln das Dorf 540 Kilometer nordöstlich von Saigon. Vier Stunden später sind 504 Bewohner tot.

«Als wir in My Lai landeten, hiess es: Wir werden vom Vietcong beschossen. Aber das war gelogen. Was unsere Leute dort machten, war kaltblütiger Mord», erzählt Ronald Haeberle. Der damals 27jährige war als Armeefotograf dabei. Das Massaker von My Lai ist vor allem wegen seiner Bilder in Erinnerung geblieben: brennende Hütten, Menschen mit aufgeschlitzten Leibern, entstellte Leichen, die zwischen Reisfeldern liegen.

Verletzte Frau aus My Lai mit schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck.

Bildlegende: Haeberles Fotos: Beweise für ein Kriegsverbrechen. Getty Images

Unfassbarer Wahnsinn: Mord und Mittagspause

Heute lebt der 71jährige Haeberle als Rentner in North Ridgeville, 30 Kilometer südwestlich von Cleveland, Ohio. Ein schmuckloser Vorort der einstigen Stahlmetropole: weiss gestrichene Einfamilienhäuser, Doppelgaragen, gepflegte Vorgärten, US-amerikanischer Mittelstand. An das Grauen von 1968 kann Haeberle sich noch immer gut erinnern: «Unsere Leute feuerten auf alles, was sich bewegte. Einer alten Frau wurde aus kürzester Entfernung in den Kopf geschossen. Ihr Gehirn spritzte überall hin.»

Knapp ein halbes Jahrhundert später erzählt Haeberle mit ruhiger Stimme von den Geschehnissen. Dass er damals auf die Auslöser seiner beiden Kameras drücken konnte, verwundert ihn bis heute: «Ich war total schockiert, stand irgendwie neben mir, so als wäre ich ganz weit weg. Während des Mordens haben die Soldaten sogar Mittagspause gemacht. Ich habe auch das fotografiert, ich wollte diesen Wahnsinn dokumentieren.»

Duc Tran Van und seine Schwester liegen geduckt auf einem Feldweg.

Bildlegende: Die überlebenden Kinder: Duc Tran Van mit seiner kleinen Schwester während des Massakers in My Lai. Getty Images

«Alles war total irreal»

Mit einer Schwarzweiss- und einer Farbkamera hält der junge Armeefotograf fest, wie GIs unschuldige Frauen, Kinder und Männer ermorden, Tiere abschlachten, Brunnen vergiften, Häuser und Lebensmittelvorräte in Brand stecken. «Es war alles total irreal, sogar Babys wurden massakriert. Ich fragte die Soldaten, warum sie das machten. Ich bekam keine Antwort, sie gingen weiter und feuerten mit ihren M16 um sich.»

Zurück im Basiscamp der US-Armee muss Haeberle seine Schwarz-Weiss-Kamera abgeben. Seine Farbkamera versteckt er und behält sie für sich: «Meine Vorgesetzten haben nicht nach der Kamera gefragt. Wir waren ja als Armeefotografen damit beauftragt, Aufnahmen von den Einsätzen zu machen. Viele Soldaten hatten in Vietnam selber eine Kamera dabei.»

Wie in einer Soap aus Hollywood

Von dem Kriegsverbrechen erzählt Haeberle zunächst niemanden. Man hätte ihn in der Armee als Nestbeschmutzer beschimpft, sagt er rückblickend. Im April 1968, noch vor der Veröffentlichung seiner Fotos, wird Haeberle «ehrenhaft» aus der US-Armee entlassen. Danach beendet er sein Studium und arbeitet zeitweise als Fotograf in Cleveland.

In seiner Heimatstadt stellt er eine Diashow zusammen, die er auf öffentlichen Veranstaltungen zeigt, unter anderem vor dem Rotarier Club. In die Mitte der Dia-Serie mit Aufnahmen aus seiner Dienstzeit platziert er die Bilder des Massakers von My Lai: «Ich wollte wissen, wie die Leute darauf reagieren. Ungläubiges Staunen im Publikum, die Leute konnten sich nicht vorstellen, dass US-Soldaten solche Verbrechen begangen haben. Eine Frau meinte, ich hätte mir eine Seifenoper für Hollywood ausgedacht.»

Soldaten vor der Gedenkstatue des Massakers am 30. Gedenktag.

Bildlegende: Das Massaker beibt unvergessen. Reuters

Der Wert von Haeberles Aufnahmen wird erkannt

Erst ein Jahr danach tragen Haeberles Aufnahmen dazu bei, das Kriegsverbrechen aufzuklären. Zunächst gelingt es den US-Militärbehörden, die Ermordung der Dorfbewohner zu vertuschen. Niemand will Haeberles Fotos veröffentlichen, keine Redaktion hat Interesse, seine Bilder des Bösen zu drucken. Bis der damals noch unbekannte Journalist Seymour Hersh zu recherchieren beginnt und die Hintergründe des Kriegsverbrechens aufdecken kann. Doch erst mit der Veröffentlichung der Fotos von Haeberle im November 1969 wird die Öffentlichkeit auf das Massaker aufmerksam.

Die Aufnahmen erscheinen in verschiedenen US-Medien, zuerst in Clevelands «The Plain Dealer» und dann im «Life Magazine». Dafür erhält Haeberle im selben Jahr den «Dead Line Award» der New Yorker Journalistenvereinigung. Geehrt fühle er sich bis heute nicht, so Haeberle, «und es macht mich auch nicht stolz, über das Massaker berichtet zu haben. Aber mit meinen Bildern konnte das Kriegsverbrechen bewiesen werden.»

«Ich bin kein Robin Hood»

Als einen Robin Hood sieht er sich nicht. Kriegsfotograf wollte er nach My Lai nie werden, sagt Haeberle. Mit seiner Vorgeschichte wäre er immer als Denunziant abgestempelt worden. Seit dem ersten Golfkrieg sei es ohnehin undenkbar, dass Kriegsjournalisten nicht genehmigte Aufnahmen veröffentlichen können, ganz zu schweigen, dass jemand seine Kamera sozusagen am US-Militär vorbei benutzen kann. Niemanden sei es erlaubt, seine eigene Kamera mitzunehmen. Das Militär kontrolliere alles und jeden, sogar die Nachrichtenleute. Es gäbe viele Arbeitsein-schränkungen. Das Militär genehmige nur Bilder, die propagandistisch zu gebrauchen seien.

Haeberle unterstreicht jedoch, dass die Menschen erfahren müssten, dass jeden Tag schreckliche Dinge passieren, Massaker, von denen man nie etwas höre und die unter den Teppich gekehrt würden. Die Kraft der Bilder sei nicht zu unterschätzen. Doch durch die My Lai Fotografien habe sich die ganze Kriegsberichterstattung grundlegend verändert, lautet Haeberles resignierendes Fazit.

Zweimal ist er nach Vietnam als Tourist zurückgehrt, zuletzt 2011: «Ich habe eine Fahrradtour von Hanoi nach Ho-Chi-Minh-Stadt unternommen. Ich war auch in My Lai. Das war eine innere Verpflichtung für mich, eine Ehrerbietung an die Opfer.» Manchmal können Bilder auch Kriege entscheiden. Die Fotos von Haeberle haben die öffentliche Diskussion in den USA stark beeinflusst.

Ein Opfer von My Lai wird zum Freund

Ronald L. Haeberle und Duc Tran Van

Bildlegende: Der Fotograf und der Überlebende: Ronald L. Haeberle und Duc Tran Van Vien Tran Van

Haeberle ist ein rationaler Mensch, er hat keine Gefühlsausbrüche, wenn er über das Morden von damals spricht. Bis heute hat er keine Albträume. Er spricht gelassen und mit wenigen Gesten, stets zuvorkommend und freundlich. Nur im letzten Jahr war er den Tränen nahe, sagt Haeberle, als er einen Überlebenden von My Lai traf: «Ich hatte 1968 eine sterbende Mutter fotografiert, die ihr Baby und ihren kleinen Sohn zu schützen versuchte. Die Kinder haben das Massaker überlebt.» Auf Haeberles Fotos sind die schweren Verletzungen der Mutter zu sehen.

In den Medien wird dieses Bild nur selten gezeigt - es ist zu grausam, zu schockierend. Duc Tran Van, der 6jährige Junge von damals ist inzwischen 51 Jahre alt und lebt in Deutschland. Der Überlebende Tran Van und der Fotograf Haeberle sind Freunde geworden. «Ich habe Duc die Kamera gezeigt», berichtet Haeberle sichtlich bewegt, «mit der ich die Bilder von ihm und seiner sterbenden Mutter aufgenommen habe. Die Kamera und die Bilder sind ein starkes Band zwischen uns.»

Heute befindet sich Haeberles Kamera von 1968 Zuhause bei Duc Tran Van. Sie steht auf einem kleinen Altar vor dem Bild seiner ermordeten Mutter. Haeberle hatte sie ihm geschenkt.

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