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20 Jahre Sans-Papiers-Bewegung: «Alle hatten einen Mutanfall»
Aus Kontext vom 28.03.2021.
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Sans-Papiers in der Schweiz Die Angst ist ihr ständiger Begleiter

Sie dürften nicht in der Schweiz sein – doch ihre Arbeitskraft ist hier gefragt. In der Schweiz leben schätzungsweise 90'000 Menschen ohne gültige Aufenthaltsbewilligung.

Oft arbeiten Sans-Papiers in Privathaushalten, in der Gastronomie, auf dem Bau, in der Landwirtschaft. Die meisten kommen aus Drittstaaten und haben wenig Aussichten auf eine Legalisierung.

Zwei Berichte aus dem Schweizer Alltag von Menschen ohne gültige Papiere.

Svetlana, Putzfrau

«Wenn ein Job kommt, mache ich alles», sagt Svetlana. Sie kam vor zehn Jahren mit ihrer Familie in die Schweiz. Ihr Herkunftsland und ihren richtigen Namen möchte sie nicht nennen.

Zunächst war es schwierig für Svetlana, Arbeit als Putzfrau zu finden. Sie konnte kein Deutsch und war auf Mittelsleute angewiesen, die dafür die Hälfte ihres Lohns kassierten.

Wie viele Sans-Papiers ist Svetlana für ihre Arbeit überqualifiziert. In ihrer Heimat hat sie eine Fremdsprache studiert – in der Hoffnung, unterrichten zu können.

Frau putzt Fenster
Legende: «Es reichte nie, obwohl ich die ganze Zeit gearbeitet habe», sagt Svetlana, die heute als Putzfrau arbeitet. (Symbolbild) Keystone/Gaetan Bally

Doch dort fand sie keine Stelle, und es gelang ihr nicht, ihre Familie über Wasser zu halten: «Ich habe viele Jobs gemacht: Kinder betreuen, Massage, Pediküre, Verkäuferin – doch es reichte nie, obwohl ich die ganze Zeit gearbeitet habe.» Als ihr eine Bekannte von der Schweiz erzählte, ging Svetlana das Risiko eines illegalen Aufenthalts ein.

Mittlerweile putzt sie in mehreren Haushalten und wird gerne weitervermittelt, auch wenn sich ihre Arbeitgeber dadurch strafbar machen. Durchschnittlich verdient sie 25 Franken pro Stunde.

Svetlana gehört zur Minderheit der Sans-Papiers, die eine Krankenkasse hat und in die AHV einzahlt – dank der Hilfe einer Anlaufstelle. Ihre Daten dürfen dem Migrationsamt nicht gemeldet werden.

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Wer sind die «Sans Papiers»?
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Dennoch ist die Angst ihr ständiger Begleiter: Svetlanas Alltag ist eine Gratwanderung zwischen Vertrauen und Vorsicht. Sie muss mit ihrer Familie immer wieder umziehen, weil sie fürchtet, entdeckt zu werden. Eine bezahlbare Wohnung zu finden, sei nahezu unmöglich, erzählt sie.

Dazu kommt die Sorge, dass sich die beiden Kinder in der Schule verraten, oder dass sie auf dem Arbeitsweg in eine Polizeikontrolle gerät.

Draussen hält sich Svetlana so wenig wie möglich auf: «Ich kann nicht einfach spazieren gehen oder draussen sitzen und laut lachen. Ich sehe aus wie ein freier Mensch, aber ich fühle mich nicht so.»

Svetlanas grösste Hoffnung ist, dass sie eines Tages eine Aufenthaltsbewilligung bekommt: «Wir sind hier zuhause und würden gerne bleiben. Die Kinder haben ihre Zukunft schon geplant.»

Krasimir Penev, Elektriker

Krasimir Penev wollte weg aus Bulgarien. Die lokale Mafia habe in den 1990er-Jahren sein kleines Café abgebrannt, erzählt er. Er wollte kein Schutzgeld zahlen. Von der Polizei habe er keine Unterstützung bekommen.

Penev und seine Frau stellten in der Schweiz einen Asyl-Antrag, der abgelehnt wurde. Im Versteckten arbeiteten sie weiter – sie als Putzfrau bei Privatleuten, er auf einem abgelegenen Bauernhof in Baselland. «Ich musste mit allem einverstanden sein, es war schrecklich. Ich habe jahrelang für fünf Franken pro Stunde gearbeitet.»

Krasimir Penev erinnert sich ungern an diese Zeit zurück. Wegen der körperlich schweren Arbeit bekam er einen Leistenbruch. Doch da er keine Krankenkasse hatte, traute er sich nicht zum Arzt.

Seine Arbeitgeber hatten kein Verständnis für seine Probleme, erzählt er: «Einmal musste ich dem Bauern beim Betonieren helfen und hatte solche Schmerzen, dass ich weinte. Seine Frau schimpfte, ich sei faul. Das tat mir wirklich weh.»

Als er am Radio von der Sans-Papiers-Bewegung hörte, suchte Krasimir Penev den Kontakt und engagierte sich bei der Basler Kirchenbesetzung, Link öffnet in einem neuen Fenster. Das Risiko, das er damit einging, lohnte sich: Er gehört zu den ersten, die 2001 ein Härtefallgesuch stellten und eine Aufenthaltsbewilligung bekamen.

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«Es ist unglaublich, was ein kleines Stück Papier bedeutet. Seit ich es habe, kann ich mich gut ernähren, zum Arzt gehen und mich fühlen wie ein normaler Mensch.»

Heute lebt Krasimir Penev mit seiner Frau im Jura und arbeitet seit vielen Jahren in seinem gelernten Beruf als Elektriker. Was er nach dem Leben im Verborgenen besonders schätzt, ist die Bewegungsfreiheit: «Es ist ein super Job. Ich komme in der ganzen Schweiz herum.»

Seine Frau allerdings, die studierte Chemikerin ist, fand den Anschluss nicht mehr. Sie arbeitet bis heute als Putzfrau.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kontext, 28.3.2021, 9:03 Uhr

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Markus Baumann  (pierrotlunaire)
    Was ist genau der Grund, weshalb „sans papiers“ sich als „sans papiers“ illegal in die Schweiz begeben? Weshalb kommen sie nicht ganz legal „avec papiers“ in die Schweiz und suchen sich eine Arbeit mit Arbeitsvertrag?
    1. Antwort von Astrid Meier  (Swissmiss)
      Weil sie aus Drittländern kommen, und nicht legal einwandern können.
    2. Antwort von Markus Baumann  (pierrotlunaire)
      @Meier Heisst das dann in der Konsequenz: Wir müssen illegales Einwandern tolerieren und legalisieren? Ein Rechtsbruch soll ohne Konsequenzen sein, ja, sogar belohnt werden?
    3. Antwort von Mark R. Koller  (Mareko)
      An A. Meier: Die im Bericht beschriebenen Bulgaren stammen aus einem EU-Mitgliedsland und könnten sich sehr wohl um einen legalen Aufenthalt bemühen. Aber auch diejenigen aus Drittstaaten, das geht über eine Heirat oder eventuell eine Adoption. Auch Auslandschweizer müssen im Gastland ihren legalen Aufenthalt erreichen, das ist oft noch komplizierter als in der Schweiz. Die Illegalität der "Sans-papiers" gilt es konsequent zu bekämpfen, auch oder gerade aus Menschenrechtsgründen.
  • Kommentar von Alex Schneider  (Alex Schneider)
    Sans-Papiers: Wo bleibt der Rechtsstaat?

    Wenn wir noch ein Rechtsstaat sein wollen, müssen die Wohnungsbesitzer, Arbeitgeber und Schulen, welche Sans-Papiers - ohne bei der Einwohnerkontrolle anzumelden – eingemietet, angestellt oder geschult haben, bestraft werden. Das ganze Theater um die Sans-Papiers ist eine Persiflage auf unseren Rechtsstaat. Ich frage mich, warum ich mich noch an Gesetze halten soll.
  • Kommentar von Heinz Dietsche  (Mangi)
    Das letzte Quentchen Abschreckung muss eben doch sein