Santería: Mit Göttern verhandeln auf Kuba

Orakel, Tieropfer und Rituale mit Hühnerblut – die afrokubanische Naturreligion Santería ist uns fremd. Sie ist – wie der Voodoo in Haiti – eine der Orisha-Religionen, die sich global stark ausbreiten. Auch Zürcher reisen nach Kuba – und lassen sich manchmal zu «Santeros», zu Priestern, weihen.

Eine Frau kniet vor einem Alter. Dieser ist von Kuchen und andere farbigen Köstlichkeiten umgeben.

Bildlegende: Die direkte Kommunikation mit den Göttern ist bei der Santéria wichtig. Reuters

Beim Bucheggplatz in Zürich praktiziert der lateinamerikanische Santería-Priester Arnulfo. Seine Konsultationen sind gut besucht. Eine seiner spirituellen Kundinnen heisst Maria. Sie leitet ein Putzinstitut und hat Probleme mit den Behörden. Diese hofft sie mit Arnulfos Hilfe und in Verhandlung mit fernen Gottheiten zu lösen. Es geht darum, die Götter mit allerlei Opfergaben milde zu stimmen und damit Marias Geschäftsgang positiv zu beeinflussen.

Direkte Kommunikation mit Göttern

Santería ist eine erfahrungsnahe Religion, eine Religion, die auf das persönliche Erleben und die Lösung alltäglicher Lebensprobleme setzt, sagt der Religionswissenschaftler Gerald Hoedl von der Universität in Wien. Voraussagungen und die direkte Kommunikation mit Göttern, das sei in den christlichen Grosskirchen weitgehend verloren gegangen.

«Um die Probleme des täglichen Lebens kümmern sich bei uns Ärzte, Ingenieure, Politiker und Soziologen.» Eine Brasilianerin, Anhängerin des Candomblé, habe ihm mal gesagt: «Ihr sprecht über Gott, wir sprechen mit den Göttern.»

Kundenorientiert

Es ist die Orientierung am Kunden, welche diese Erfahrungsreligionen so anziehend macht. «Bei Santería-Ritualen kann man in gewisser Weise als Klient teilnehmen. In der Santería-Religion wird keine Zugehörigkeit oder Mitgliedschaft verlangt.

Es gibt verschiedene Grade der Einweihung. Man kann selber entscheiden, wie weit man dazugehören will. Es ist auch möglich, nur gewisse Dienste in Anspruch zu nehmen.»

Die Santería hat ihren Ursprung in Afrika, beim westafrikanischen Volk der Yoruba. Dort ist die Hinwendung zum Kunden eine Art Kerngeschäft: «Orakelpriester in Westafrika sind klientenorientiert, das heisst jeder kann zu ihnen kommen. Er bezahlt, und dafür stellt ihm der Priester ein Orakel.»

Vom Verbot zur touristischen Folklore

Video «Ausschnitt aus dem Film «Santería»» abspielen

Ausschnitt aus dem Film «Santería»

2:25 min, vom 13.3.2015

Die Sklaven, die einst nach Kuba verschleppt wurden, brachten ihre religiösen Traditionen auf die Karibikinsel. Da die Santería im katholischen Kuba der spanischen Kolonialzeit nicht erwünscht war, tarnten die Sklaven ihre Gottheiten als katholische Heilige, als «Santos». Auch der Kommunismus konnte der Santería wenig anhaben.

Obwohl abermals verboten, wurde die Naturreligion heimlich weiter praktiziert. Irgendwann entdeckte die kubanische Regierung die Santería als touristische Folklore. Gerüchtehalber soll sogar Fidel auf die Dienste eines vertrauten Santero-Priesters zurückgreifen.

Diese Anpassungsfähigkeit zeigt die Santería nun auch im Westen. In der individualisierten Gesellschaft seien langfristige, exklusive Bindungen an eine Kirche wenig gefragt, präzisiert Hoedl. «Der Trend geht weg von einer Organisations- und Mitgliedstruktur, hin zum kundenorientierten Markt von Angebot und Nachfrage». Angebote, wie sie auch in der Esoterik zu finden sind. Oder in Pfingstkirchen mit ihren Erlebnisgottesdiensten, wo der Heilige Geist Verzückung, Zungenreden und religiöse Erweckungen auslöst.

Nach Kuba reisen, um «Santero» zu werden

Maria hat sich irgendwann entschieden, dass sie nicht länger nur Santería-Kundin sein will. Dass sie selber «Santera» werden möchte. Nicht etwa, um anderen mit der Santería zu helfen. Sie möchte damit sie in Zukunft ohne Unterstützung eines Santería-Priesters mit ihren Göttern verhandeln können.

Eine kleine Reisegruppe macht sich unter kundiger Führung von Arnulfo auf den Weg nach Kuba, um sich zu Priesterinnen und Priestern der Santería-Religion weihen zu lassen. Wie die Reise ausgeht, erzählt der neue, von SRF koproduzierte Film «Santería - auf Sinnsuche bei afrokubanischen Göttern» von Silvana Ceschi.

Sendehinweis

Sendehinweis

Der Film «Santería – auf Sinnsuche bei afrokubanischen Göttern» von Silvana Ceschi läuft in der «Sternstunde Religion»: Sonntag, 15.3., 10 Uhr, SRF 1. Anschliessend ist der Film sieben Tage online zu sehen.

Sendung zu diesem Artikel