«Schnauze voll» von der Selbstoptimierung

Vom Blutdruck über die Farbe des Urins bis zur Schlafphase: Heute wird alles gemessen. Leute, die das exzessiv tun, nennt man «Self-Tracker» – sie optimieren sich selbst. Autor Rainer Moritz kritisiert in seinem neuen Buch «Schnauze voll» diesen Optimierungswahn.

Mann in der Sonne auf Liegestuhl

Bildlegende: Es reicht! Pause, ganz aussteigen oder Einstellung ändern. Keystone

Der Self-Tracker-Markt boomt. Wir können unseren Schlaf, den Blutdruck, die Fitness messen. Oder wieviel Wasser wir trinken, wie viele Schritte wir gehen und die CO2-Konzentration in der Wohnung. Welches Gerät hätten Sie am liebsten?

Rainer Moritz: Ich hätte gerne einen Sessel, in dem ich mich zurücklehnen kann und all den Menschen zuschaue, die sich selber verrückt machen, indem sie alles unter Kontrolle halten wollen.

Was spricht denn gegen die Optimierung?

Es ist nicht wirklich schlimm. Wir haben uns schon immer kontrolliert, wir haben immer schon versucht, unsere Gesundheit voranzubringen, auf unsere Ernährung zu achten. An sich ist Optimieren ja etwas sehr Schönes – wer will das nicht?

Aber wir haben irgendwann mal aufgegeben, unsere Gesellschaft zu verbessern, grosse Utopien zu entwickeln. Wir konzentrieren uns auf unser eigenes Leben und wir haben den Wahn, dass wir irgendetwas falsch machen könnten. Deswegen boomen die Schönheits- und die Bioindustrie.

Wir versuchen vor allem unsere Kinder optimal zu erziehen, Stichwort «Helikopter-Eltern». Alles soll kontrolliert und besser gemacht werden. Und die Apps, die uns über das Smartphone sagen, wie wir uns fühlen, sind nur die Spitze des Eisberges.

Warum glauben Sie, ist das Thema «Selbst-Optimierung» im Moment so aktuell? Sind es technische oder gesellschaftliche Gründe?

Beides kommt zusammen. Da ist einerseits der technische Fortschritt. Gleichzeitig gibt es in unserer Gesellschaft diesen Selbstoptimierungswahn. Dass der Mensch ein «Mängelwesen» ist, wird nicht mehr akzeptiert. Der Mensch muss mit seinen Defiziten leben können. Solange man das nicht akzeptiert, wird man immer ein Leben der Unruhe haben. Das führt dann zum Burn-out.

Jetzt ist die Selbstoptimierung noch freiwillig, eine Spielerei. Bleibt es so?

Ich glaube nicht. Es gibt jetzt schon erste Ansätze. Krankenkassen zum Beispiel denken darüber nach, Rabatte zu gewähren, wenn Kunden ihre Körperdaten freiwillig mitteilen. Und die Kassen ziehen dann ihre Konsequenzen, wenn ein Kunde sich selber nicht optimiert.

Der Prozess der Selbstoptimierung lässt sich also nicht mehr aufhalten?

Nein, natürlich nicht. Die technische Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten. Wir können viel mehr testen, viel mehr kontrollieren, wir können viel mehr Daten auch von unserem eigenen Leben erfassen.

Aber wenn man darüber nachdenkt, kommt man ins Grübeln, ob sich Begriffe wie Glück, wie Gelassenheit durch ein technisches Gerät definieren lassen. Ich glaube, es wird eine «Slow»-Gegenbewegung geben, die zeigt, dass es auch ein Zuviel gibt.

Zur Person

Zur Person

Rainer Moritz studierte Germanistik, Philosophie und Romanistik. Er arbeitete bei Verlagen, hat diverse Lehraufträge. Er ist Kritiker, Essayist, Gastautor unter Anderem bei der NZZ, beim Deutschlandradio sowie beim SRF Literaturclub, den er vertretungsweise auch moderierte. Er leitet seit 2005 das Hamburger Literaturhaus.

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Buchhinweis

Rainer Moritz: «Schnauze voll! Schluss mit dem Optimierungsquatsch», Edition chrismon, 2015

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