Schöne neue Online-Arbeitswelten

Es klingt fantastisch: Arbeiten, wann, wo und wie viel man will. Ein boomendes Arbeitsmodell im Internet macht genau dies möglich. Doch zu welchem Preis?

Ein Freelancer eines kanadischen Startups in Kathmandu, konzentriert vor seinem Bildschirm sitzend.

Bildlegende: Ein Freelancer in Kathmandu bei der Arbeit für ein kanadisches Startup-Unternehmen. Reuters

Sven Haefliger ist Jungunternehmer mit elektrisierender Ausstrahlung. «Mein derzeitiger Output wäre ohne Online-Freelancer gar nicht möglich gewesen», sagt der Zürcher. Haefliger ist Klavierlehrer. Doch im Gegensatz zu seinen Kollegen unterrichtet er über das Internet. Seine Schüler plazieren auf dem Klavier anstelle des Notenblatts ihr iPad und üben so mit ihrem Lehrer zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Ein Schweizer Klavierlehrer mit virtuellen Mitarbeitern weltweit

Sven Haefliger vergleicht seine Produktivität mit derjenigen eines KMU. Und das, obwohl er keinen einzigen Festangestellten beschäftigt. Stattdessen leitet er mehrere virtuelle Teams. Vor allem das Technische sei eine Herausforderung, sagt Haefliger, und meint damit: Websites, Grafiken, Videos. Dafür beschäftigt der Klavierlehrer projektbezogen Mitarbeiter in Indien, China und den USA, sogenannte «Online-Freelancer».

Dieses Arbeitsmodell hat für ihn handfeste Vorteile: «Ich kann von Zuhause aus arbeiten, davon habe ich immer geträumt.» Es fasziniere ihn, mit Talenten weltweit zusammenarbeiten zu können. Und vor allem: Der Kostenvorteil sei enorm. Spezialisten in Niedriglohnländern sind für zehn oder zwanzig Dollar die Stunde zu haben. Für ein junges Startup möglicherweise matchentscheidend.

Permanentes Rating

Noch sind es wenige, die wie Sven Haefliger die Vorteile des globalen «Online-Outsourcing» nutzen. Doch es werden rasant mehr. Voraussetzungen dafür sind Plattformen im Internet, die Anbieter von Jobs und freischaffende Dienstleister zusammenbringen. Und darüber hinaus ein Instrumentarium bereitstellen, das die Abwicklung von Zahlungen oder den Austausch von Dokumenten sicherstellt.

Jeder Freelancer rangiert dabei auf einer Güteskala: Erfahrung, Qualität und Termingerechtigkeit werden laufend bewertet. Dieses Rating schafft Transparenz und Vertrauen – und ermöglicht es überhaupt erst, dass Unbekannte über Distanz rund um den Globus zueinander finden. Internetseiten, die als Online-Vermittler auftreten, heissen Elance, oDesk, Freelancer.com oder Twago. Und sie boomen.

Dem Arbeitsmarkt entfliehen, ohne umzusiedeln

«Wir sind in der Schweiz 2012 um 50 Prozent gewachsen», sagt Steffen Hedebrandt, Client Marketing Manager Europe von Elance, einer der führenden Plattformen für Online-Outsourcing und Freelancing. Über tausend Schweizer Unternehmen suchten im letzten Jahr allein auf Elance nach Projektmitarbeitern. Weltweit sind es Hunderttausende. Für jede Aufgabe, die sich am Computer erledigen lässt, findet sich eine Fachkraft: Sei es Software-Entwicklung, Übersetzungen, Grafikdesign, Datenerfassung oder Videoediting.

«Wir stehen erst ganz am Anfang», ist der 29jährige Hedebrandt überzeugt. «Bei Elance rechnen wir damit, dass in einigen Jahren jeder zweite Job online erledigt wird». Die Vorteile für die Freelancer seien zahlreich, so Hedebrandt: Die Leute könnten ihrem lokalen Arbeitsmarkt entfliehen, ohne ihr Land zu verlassen. Und er nennt als Beispiel Griechenland und Spanien mit einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent: «Es zählt einzig, was jemand leistet, nicht die Herkunft.»

Kündigen per Mausclick

Die Philippinin Sheila Ortencio arbeitet in ihrer Küche als Online-Freelancerin, umgeben von ihren Kindern.

Bildlegende: Eine philippinische Küche als Arbeitsplatz: Die Online-Freelancerin Sheila Ortencio. Reuters

Ein globaler Arbeitsmarkt wird so immer mehr zur Realität, und was bis anhin grossen Unternehmen vorbehalten war, ist nun für jeden Einzelnen eine – vielleicht bald zwingende – Option: Arbeit dorthin auszulagern, wo sie billig ist, oder wo die besten Fachkräfte sind. Online-Freelancer ihrerseits arbeiten, wann, wie viel und von wo aus sie wollen. Freiheit und Unabhängigkeit: eine verlockende Perspektive.

Doch die neue Online-Freelancing-Welt hat auch ihre Schattenseiten: «Arbeitsverhältnisse werden flexibilisiert, einen Kündigungsschutz etwa gibt es nicht, angestellt und gefeuert wird mit einem Mausclick», sagt Christian Papsdorf, Arbeits- und Internetsoziologie in Chemnitz. Er hat sich seit den Anfängen des Phänomens wissenschaftlich mit dem Crowdsourcing beschäftigt, also der Auslagerung von Unternehmensaufgaben ins Internet.

Partizipation führt nicht zu Demokratisierung der Produktionsmittel

Papsdorf stellt fest, dass Outsourcing und der Leitgedanke des Internets – Partizipation und Selbstverwirklichung – dazu führten, dass viele Freelancer zu günstig arbeiteten. Die Kosten-Nutzen-Bilanz stimme nur für jene Minderheit von Fachkräften, die sich offline bereits qualifiziert hätten. Die grosse Masse gehöre hingegen zu den digitalen Verlierern.

Auch eine wirkliche Demokratisierung der Produktionsmittel oder Ermächtigung der Arbeitnehmer mag der Arbeitssoziologie nicht erkennen. Die Macht, ist Papsdorf überzeugt, konzentriere sich unter den Bedingungen des Online-Freelancing noch stärker auf der Unternehmensseite. Ein Zuwachs an Freiheit oder ein Verlust an Verbindlichkeit? Die gesellschaftlichen Auswirkungen des Arbeitsmodells der Zukunft sind noch schwer abschätzbar.

 

 

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