Schöner wohnen in Grossbauten

Hochhäuser waren einst Symbol für das Neue, später eher als Ghettos für Randgruppen verschrien. Heute ziehen wieder Begüterte in Luxustürme, aus gutem Grund: Die Lust am Einfamilienhäuschen könnte uns künftig immer mehr vergehen, sagt die Raumplanungs-Expertin Rahel Marti im Interview.

Hochhaus mit gespiegelter Fassade und mehreren grossen "Einbuchtungen".

Bildlegende: Hochgradig lebenswert: Das Hochhaus «Missing Matrix» in Seoul integriert in seinem Innern Gärten, Bäume und Brücken. SRF/Parnass Film/Sabine Pollmeier

Frau Marti, in anderen Ländern wie zum Beispiel Korea gilt es teilweise als Prestige, in einem Hochhaus zu wohnen. Hier in der Schweiz hingegen gar nicht – warum ist das so?

Der schlechte Ruf hat mit der Geschichte zu tun. Den Zyklus kann man zum Beispiel gut an den Hochhäusern in den Berner Quartieren Gäbelbach oder Tscharnergut verfolgen: In den 1960er-Jahren waren sie begehrt wegen ihrer fortschrittlichen Wohnidee. Man wollte vom Ländlich-Dörflichen in ein Hochhaus, quasi in die Maschine ziehen. Dann änderte sich das aber markant.

Weshalb?

Ein Hochhaus bedeutet immer ein grosses Wachstum für einen Ort. Man baut nicht einfach ein paar Wohnungen, sondern es kommen unter Umständen 300 Personen auf einen Schlag neu an einen Ort. Bis aus der Anonymität eine funktionierende Gemeinschaft wird, kann es Jahrzehnte dauern. Wenn dies nicht gelingt und die Anonymität bleibt, dann fehlt dauerhaft die soziale Kontrolle der Gemeinschaft. Vielleicht kommt es zu Vandalismus, der Ruf des Hochhauses verschlechtert sich. Dies senkt die Nachfrage und die Mieten, bis hin zu einer Ghettobildung.

Gibt es, mit Blick auf andere Länder, auch kulturspezifische Gründe?

In unserem Wohlstand haben wir Ansprüche an Raum, von denen andere Länder weit entfernt sind. Und wir haben ein dichtes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln und verhältnismässig wenig Stau im Berufsverkehr. An vielen Orten der Welt geht es dagegen primär darum, möglichst nahe an seinem Arbeitsplatz zu wohnen, um überhaupt täglich dahin zu gelangen.

Siedlungshäusern mit rosa, braunen und weissen Fasaden. Im Vordergrund Gärten und ein kinderwagen.

Bildlegende: Die Siedlung Grünmatt in Zürich: dichtes Wohnen mit hoher Lebensqualität. FGZ

Ist es denkbar, dass die Entwicklung hier in der Schweiz kehrt und Hochhäuser wieder attraktiv werden?

Wir sind mitten drin in dieser Entwicklung. Beispielsweise sind die teuersten Wohnungen in der Stadt Zürich mittlerweile in Hochhäusern.

Allerdings habe man Mühe, für diese Wohnungen Käufer und Mieter zu finden.

Das hat mit dem Preis und nicht mit den Wohnungen zu tun. Man ging davon aus, dass die Wohnungen begehrt sind, und hat die Preise zu teuer angesetzt.

Momentan gilt aber doch immer noch das eigene Haus als erstrebenswertes Ideal. Kann es sein, dass der Zyklus dahin geht, dass Einfamilienhäuser an Attraktivität verlieren?

Ja. Heute bezahlt die Öffentlichkeit den Bau eines Einfamilienhauses mit. Aber wenn diese Infrastrukturkosten nicht mehr der Staat bezahlt, wie das zum Teil schon diskutiert wird, und wenn die Kosten für die Strassenbenützung und den öffentlichen Verkehr immer mehr steigen, werden Einfamilienhäuser immer teurer. Dann kann es sein, dass das kippt.

In welchem Zeitraum stellen Sie sich eine solche Entwicklung vor?

Ungefähr in den nächsten dreissig Jahren. Signale gibt es schon jetzt, beispielsweise in Deutschland. Dort finanzieren die Banken den Bau von Einfamilienhäusern an weniger gut erschlossenen Lagen nicht mehr, und viele Einfamilienhäuser liegen nun einmal peripher.

Nun wird ja seit Jahren gefordert, dass wir baulich verdichten müssten, um die fortschreitende Zersiedelung durch kleine Häuser zu stoppen. Wie stellen Sie sich ein Bauen mit grösseren Wohneinheiten vor, bei dem nicht nur Wohnraum, sondern auch Lebensqualität geschaffen wird?

Idealerweise würde man beim Planen zuerst den Freiraum festsetzen und erst danach den übrigen Raum mit Gebäuden füllen. Heute denken viele Architekten zuerst über die Gebäude und erst dann über den Raum dazwischen nach. Doch je dichter wir wohnen, desto wichtiger sind gute Aussenräume zur nahen Erholung.

Helle Siedlungsbauten mit grossen Balkonen.

Bildlegende: Die Siedlung Brunmatt Ost in Bern besteht aus fast 100 Wohnungen. SRF

Und wie würden Sie den Raum gestalten, der frei bleibt?

In einer Stadt sind viele und grosse Pärke wichtig, damit man sich gerne darin aufhält und nicht das Bedürfnis hat, am Wochenende aus der Stadt flüchten zu müssen. Auch Strassenräume und Plätze sind wichtig als Begegnungsorte, als angenehmer öffentlicher Raum, der für alle zugänglich ist. Weiter braucht der langsame Verkehr – Fussgängerinnen und Velofahrer – genügend Platz. Und wir müssen uns fragen, ob wir unsere Städte mit parkierten Autos zustellen wollen oder nicht.

Können Sie einige Beispiele von gelungener Verdichtung nennen?

Es gibt zum Beispiel in Zürich die Genossenschaftssiedlung Grünmatt. Die alten Reihenhäuser wurden abgebrochen und durch mehr und grössere ersetzt. Obwohl da nun mehr Menschen dicht leben, ist die Wohnqualität hoch dank schöner Wohn- und Aussenräume. Oder die Siedlung Brunnmatt Ost in Bern. Dort gelang es, fast 100 Wohnungen so ineinander zu fügen, dass jede besonders ist und eine eigene, schöne Loggia hat.

Zur Person

Rahel Marti

Jojakim Cortis, Adrian Sonderegger

Rahel Marti hat an der ETH Zürich Architektur und Raumplanung studiert. Sie ist stellvertretende Chefredaktorin der Architektur-Zeitschrift Hochparterre und leitet dort das Ressort Planung. In ihren Artikeln verfolgt und kommentiert sie die aktuelle Diskussion über Verdichtung und den Nutzen von Hochhäusern.

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