Schweizer Bergführer: vom Bauernlümmel zum Helden

Der Bergführer als prachtvolles Mannsbild, als Held der Berge und der Nation: Diese Idealisierung ist das Produkt von dramatischen Filmen und Erzählungen. Doch zu Beginn hatten die Bergführer einen zweifelhaften Ruf. Ein neues Buch zeichnet die steile Karriere der alpinen Lotsen nach.

Zwei Bergsteiger auf einem Grat mit Alpenpanorama.

Bildlegende: Als Helden sehen sich Bergführer heute nicht mehr, das Charisma des Berufes aber ist geblieben. Keystone

Ihr Wort gilt noch etwas. Zumindest in den Bergen. Und manchmal auch im Tal: Das Ansehen der Bergführer ist hoch, das Charisma ihres Berufes ungebrochen. «Die Leute sprechen manchmal fast ehrfürchtig vom Bergführer, und in den Hütten ist die Meinung des Bergführers nach wie vor bei vielen gefragt», sagt der Grindelwaldner Marco Bomio, seit 30 Jahren mit Gästen unterwegs in den Alpen. Doch das Image des Berufs hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich.

Vom «verdorbenen Ignoranten»...

Hirten, Jäger, Bergbauern waren es, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts Engländern und Bergsteigern aus kontinentaleuropäischen Städten halfen, die Schweizer Gipfel zu erobern. Sie wussten, wie man sich im Gebirge bewegt, sie wussten das zusätzliche Einkommen zu schätzen.

Sie wussten aber nicht unbedingt, wie man sich den noblen Herren gegenüber zu verhalten hatte. Und deren Kritik, die man in Tagebüchern und Memoiren nachlesen kann, fällt oft nicht zimperlich aus. Faul seien sie, ihre Träger, Diener und Lotsen, unehrlich, geldgierig, ohne Manieren. Sie würden zu Trinksucht neigen und zum Teil ist die Rede von «Tourismus-verdorbenen Ignoranten»

Die Soziologin Andrea Hungerbühler, deren Dissertation nun als Buch «Könige der Alpen. Zur Kultur des Bergführerberufs» erschien, erzählt, dass die Konflikte schon mal so weit gehen konnten, dass Mordabsichten in der Luft lagen.

...zum «Idealtypus des freiheitsliebenden Mannes»

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Die wahre Gefahr für den Bergführer ist die Frau.

0:46 min, aus Kulturplatz vom 26.6.2013

Das anfänglich eher negative Bild begann sich ab Beginn des 20. Jahrhunderts ins Gegenteil zu wandeln. Nebst Reglementierung und Ausbildung waren Literatur und Film massgeblich daran beteiligt. «Der Ruhm der Besteigungen wurde jetzt den Bergführern zugeschrieben und nicht mehr den Herren», sagt Hungerbühler. Plötzlich galt der Bergführer nicht nur als besonders stark und geländegängig, sondern auch als besonders vertrauensvoll, ehrlich, moralisch integer, tugendhaft und anständig. Und als besonders männlich.

Zur Zeit der geistigen Landesverteidigung erreichte der Beruf dann den Gipfel seines Ansehens. In dieser Zeit wurde die Bergwelt, «das Oben», mit nationaler Freiheit und Tradition in Zusammenhang gebracht. «Bergsteigen wurde damals als gute, gesunde, national sinnvolle Tätigkeit beschrieben. Deshalb sind dann die Bergführer als Profis des Alpinismus, quasi als Idealtypen des wehrhaften, mutigen, freiheitsliebenden Mannes, der sein Land verteidigt, gezeichnet worden», sagt Hungerbühler.

Charisma hat überlebt

Die Wissenschaftlerin weist darauf hin, wie stark das Charisma des Berufes bis heute ist. Zum Beispiel greife die Werbung sehr gerne auf Eigenschaften des Bergführers zurück: «Er steht für Stärke: das Auto ist so stark, dass es wie ein Bergführer auf jeden Hügel kommt. Er steht für Vertrauen: das Seil symbolisiert die Bindung zwischen Investmentberater und Kundin. Er steht für Sicherheit: Bei dieser Bank rutscht man nicht ab. Der Bergführer steht für Werte, mit der sich die Wirtschaft gerne schmückt.»

Andrea Hungerbühler hat für ihre Untersuchung aber auch zahlreiche Bergführerinnen und Bergführer selbst befragt. Als Heldin oder Held sehe sich heute explizit niemand mehr. Doch gewisse Zuschreibungen hätten durchaus überlebt. Dass Bergsteigen etwas mit Freiheit zu tun habe zum Beispiel. Oder dass es eine gute Lebensführung verkörpere.

«Nicht faul, nicht dekadent, keine Drogenprobleme, kein Workaholismus, eine gewisse Gelassenheit, Entscheidungsfreude: Es sind solche Bilder, die Bergführerinnen und Bergführer heute von sich selbst zeichnen.» Und: «Niemand wird aus Verlegenheit Bergführerin oder Bergführer. Für alle war das ein Traumberuf», fasst Hungerbühler zusammen.

Bergführerinnen und Bergführer als Psychologen

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Bergführer als Psychologen

0:15 min, aus Kulturplatz vom 26.6.2013

Und wie steht es mit anderen positiven Attributen? «Natürlich zählen nach wie vor die alten Eigenschaften wie Zuverlässigkeit, Verantwortung, Ausstrahlen von Sicherheit usw.», sagt Bergführer Marco Bomio. Aber über die Hälfte der Arbeit sei Psychologie. «Man erlebt die Menschen in der Regel in einer Ausnahmesituation. Und alle Leute sind verschieden. Man muss herausfinden, worauf sie reagieren. Muss man ernsthaft mit ihnen reden oder sanft, weil sie zum Beispiel keine Kritik ertragen. In schwierigen Situationen mit Fingerspitzengefühl agieren, das ist es, was ein Bergführer können muss.»

Und wie steht es mit der Vorbildfunktion? «Selbstverständlich. Das gehört zum Beruf und auch zum Stolz des Berufes. Man will sich ja nichts zuschulden kommen lassen», meint Bomio in seiner direkten, überzeugenden Art. Einer Art, die eben Sicherheit ausstrahlt.

Buchhinweis

Andrea Hungerbühler: «‹Könige der Alpen.› Zur Kultur des Bergführerberufs.» Transcript Verlag, 2013.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Der Mythos vom heldenhaften Bergführer

    Aus Kulturplatz vom 26.6.2013

    Behende wie die Gemse führt er mit sicherem Tritt seine Kundschaft durch die hochalpine Gefahrenzone. Die Vorstellung vom Bergführer als prachtvolles Mannsbild mit Heldennimbus wurde von dramatischen Filmen und Erzählungen genährt. Wie die steile Karriere des einst von der noblen Kundschaft eher als Bauernlümmel geschmähten alpinen Lotsen verlief, schildert eine neue Untersuchung. «Kulturplatz» erforscht Mythos und Wahrheit rund um die Bezwinger der Berge.

    Lisa Röösli

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