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Gesellschaft & Religion Schweizer Forscher zwischen Humboldt und Humbug

Er war ein angesehener Naturforscher und Diplomat. Ab 1838 erforschte Johann Jakob von Tschudi Südamerika. Am Titicacasee entführte er eine antike Statue. Der «Gott des Wohlstands» fand den Weg ins Bernische Historische Museum und löste einen aufsehenerregenden Rückgabe-Streit aus.

Zwei Peruaner betrachten eine Statue in einem Glaskasten.
Legende: Eine Flasche Cognac für den «Gott des Wohlstands»: Johann Jakob von Tschudi erwarb skrupellos sakrale Gegenstände. Keystone

Geboren 1818 in Glarus, studierte von Tschudi in Leiden, Neuchâtel, Zürich, Paris und Berlin. Er erlangte den Doktortitel in Medizin und Philosophie. Für seine wissenschaftlichen Verdienste in Zoologie, Naturkunde und Linguistik wurde er mehrfach ausgezeichnet. 1889 verstarb er hochangesehen im österreichischen Lichtenegg.

Fürsprecher der Sklavenhaltung

Tschudis erste Reise war im Auftrag der Universität Neuchâtel. Er bereiste Peru und Chile mit der Absicht, die Sammlung des Naturhistorischen Museums aufzubauen. Auf späteren Reisen wandte er sein Forschungsinteresse der Ethnologie und Linguistik zu. Seine Reiseberichte sind aufschlussreich und heute noch lesenswert. Er war gut vernetzt und ein treuer Freund von Alfred Escher.

Ein Mann mit Fliege, Bart und Brille.
Legende: Leidenschaftlicher Forscher, skrupelloser Sammler: Johann Jakob von Tschudi. Wikimedia

Für den Bundesrat untersuchte er die Lage der Schweizer Auswanderer in Brasilien. In einem Gutachten verteidigte er explizit die Schweizer Bürger, die in Brasilien Sklaven halten. Von Tschudi hielt fest, es sei den Schweizern nicht zuzumuten, in Brasilien ohne Sklaven zu «geschäften». Und das 70 Jahre nach der französischen Revolution und nachdem man in Europa 1848 die Sklavenhaltung endgültig abgeschafft hatte.

Obwohl von Tschudi Alexander von Humboldt verehrte, fehlte ihm die grosse humanistische Grundeinstellung, die Humboldt bereits 50 Jahre früher vertrat, indem er sich vehement gegen die Sklaverei äusserte.

Cognac am Titicacasee

Der Historiker Hans Fässler meint, Tschudi habe zweifellos Grosses geleistet. Gleichzeitig sei er als Angehöriger einer Patrizierfamilie Teil jenes Bildungsbürgertums, das sich problemlos im ökonomischen System der kolonialen Ausbeutung bewegte und rassistische Ideen verbreitete. Einerseits habe diese Elite naturwissenschaftlich präzis gearbeitet, andererseits saloppe, menschenverachtende Pauschalurteile gefällt und plumpe Vorurteile weiterverbreitet.

Von Tschudi brachte zahlreiche Tierexponate, Kunst- und Kulturgegenstände nach Europa. Darunter eine kleine, etwa 16 cm hohe Steinfigur: die «Illia del Ekeko», der Gott des Wohlstands.

In seinem Buch «Reisen durch Südamerika» schildert von Tschudi, wie er 1858 in der Ruinenstadt Tiahuanaco am Titicacasee die Figur entführte: «Ich fragte scherzhaft den Besitzer, ob er diesen Heiligen nicht verkaufen wolle, was er aber mit Entrüstung zurückwies», schreibt von Tschudi. «Eine Flasche Cognac machte ihn aber geschmeidiger.»

Die Indianer versuchten zwar noch, den «Handel» rückgängig zu machen, doch dafür war es zu spät: von Tschudi und sein Begleiter ritten mit dem Ekeko auf und davon – die überrumpelten Indianer waren zu «betrunken», um sie zu verfolgen.

Forsche Forscher

Mit der, aus heutiger Sicht, skandalösen Entwendung des Ekeko tat von Tschudi nichts anderes als das, was bei vielen europäischen Forschungsreisenden damals üblich war. Sie erwarben skrupellos sakrale Gegenstände, rissen sie aus ihrem kulturellen Zusammenhang und brachten sie nach Europa. Heute streiten sich Museen und Herkunftsländer um viele solcher Schätze.

Einer von ihnen ist der heilige Ekeko. Für die indigene Andenbevölkerung zweifelsohne ihr Gott der Fruchtbarkeit und des Wohlstands. Während Jahren versuchten sie, die Figur zurückzuerhalten. 2014 wurde eine Einigung gefunden. Diesen langwierigen Prozess verfolgt die Dokumentation: «Der Geist ruft aus der Ferne».

Buchhinweis

Hans Fässler: Reise in Schwarz-Weiss. Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei. 19 Fotos von Markus Traber. Rotpunkt Verlag. 2. Auflage, 2006.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Christoph Broennimann, Thun
    Ich durfte die Zuversicht der Ayamas in Bolivien erleben und finde, diese Dokumentation bringt es genau auf den Punkt.. Die Symbolik einer öffentlichen Übergabe wäre für die Schweiz ein Signal in die Richtung gewesen, dass wir den Glauben an die Kraft der Mutter Erde und den entsprechenden Respekt wertschätzen. Könnten wir nicht einiges daraus lernen statt diese Mutter Erde zum Untertan zu machen versuchen? Südamerikanische Kartoffeln beendeten vor 300 Jahren auch Schweizer Hungersnöte....
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