Schweizer Kirchen beten für Flüchtlinge – und lassen Taten folgen

Flüchtlinge im Alltag begleiten, dazu hat der Schweizerische Evangelische Kirchenbund im Herbst aufgerufen. Papst Franziskus hat jeder Pfarrei empfohlen, eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen. Die Aufrufe sind auf fruchtbaren Boden gefallen. Ein Augenschein in Gemeinden in Zürich und Schaffhausen.

Mittagessen in einer Kirchengemeinde für Flüchtlinge.

Bildlegende: Die Kirchen öffnen ihre Türen für Flüchtlinge: Chilehuus Grünau in Zürich Altstetten. ZVG

Babylonisches Sprachgewirr herrscht im Evangelisch-reformierten Chilehuus Grünau in Zürich Altstetten: Jeden Montagvormittag bieten Freiwillige zwei Stunden Deutschunterricht für Asylsuchende und Flüchtlinge an. Anschliessend gibt es ein warmes Mittagessen. Kostenlos. 80 bis 120 Personen Flüchtlinge nutzen jeden Montag das Angebot. Freiwillige Helferinnen und Helfer aus der Gemeinde sind in der Küche und im Unterricht im Einsatz.

Nach dem Mittagessen gibt es Gelegenheit für Gespräche. Immer wieder seien die unterschiedlichen Rollen von Frauen und Männern in den Herkunftsländern der Flüchtlinge und in der Schweiz ein Thema: Was heisst Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in der Schweiz? Was ist ein Date? Darüber wird nicht erst seit den massiven sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln und in anderen Städten gesprochen. Alles kommt auf den Tisch.

Nothilfe: Pfarrerin versteckt Flüchtling

Pfarrerin Ulrike Müller von der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Zürich Altstetten stellt fest: «Um diese Aufgabe herum entsteht eine neue Gemeinschaft.» Sie erlebt aber auch immer wieder brenzlige Situationen. Bei einem jungen Mann aus Guinea in Westafrika stand die Ausschaffung durch die Schweizer Behörden unmittelbar bevor. Seine Eltern hatten in seiner Heimat zur Opposition gehört. Sie wurden umgebracht.

Die Schweizer Familie, bei der der junge Mann gewohnt hatte, wollte den Flüchtling persönlich nach Guinea zurückbegleiten. Die Rückkehr mit leeren Händen, der Gesichtsverlust sollte für den Flüchtling dadurch gemildert werden. Bis die Reise praktisch möglich und organisiert war, wollten sie eine Ausschaffung durch die Polizei verhindern. Eine Woche hat Ulrike Müller deshalb den Flüchtling im Pfarrhaus versteckt. Ihre Aktion bezeichnet Ulrike Müller heute als Nothilfe.

Portrait des Pfarrers Urs Elsener.

Bildlegende: Pfarrer Urs Elsener vor dem Pfarrhaus St. Peter. Hier leben zurzeit 16 Asylsuchende aus Eritrea. ZVG

Eritreische Flüchtlinge im Pfarrhaus

Seit dem letzten Herbst leben 16 eritreische Flüchtlinge im Pfarrhaus der römisch-katholischen Pfarrei St. Peter in Schaffhausen. Die Pfarrei St. Peter gehört mit drei weiteren Pfarreien zu einem sogenannten Pastoralraum.

Das Pfarrhaus in St. Peter wurde nicht mehr benötigt. Der Kanton Schaffhausen hat es nun für die Unterbringung von Asylsuchenden gemietet.

Amanuel ist einer der eritreischen Flüchtlinge im Pfarrhaus. Er lebt seit einem Jahr und vier Monaten in der Schweiz. Seine Frau und sein Kind sind in Eritrea geblieben. Er ist alleine geflohen. Die Reise wäre für die ganze Familie zu gefährlich und zu teuer gewesen. Der Grund für seine Flucht: In Eritrea könne man auf unbestimmte Zeit zum sogenannten «Nationaldienst» gezwungen werden, im Militär oder im zivilen Bereich.

Bleiben, bis sich die Situation in der Heimat verbessert

Die grosse Hoffnung von Amanuel ist es, die eigene Familie in die Schweiz kommen zu lassen. Dem steht die Realität diametral entgegen. Der Familienvater Amanuel hat einen negativen Asylentscheid erhalten. Im Moment ist er vorläufig aufgenommen. Er darf bleiben, bis sich die Situation in seiner Heimat verbessert hat. Und da sieht Amanuel schwarz. Der zuständige Pfarrer Urs Elsener betont: «Wir müssen uns an den Entscheid des Staates halten. Wir planen kein Kirchenasyl».

Jugendarbeiter Marco Martina übt mit Flüchtlingen Gitarre spielen.

Bildlegende: Jugendarbeiter und Religionspädagoge Marco Martina. ZVG

Der Einsatz von Christen für Flüchtlinge in der Schweiz insgesamt ist – kurz gesagt – enorm. In der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Zürich engagiert sich heute jede vierte Kirchgemeinde für Flüchtlinge. Sie stellen entweder Wohnräume für die Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung, oder sie betreuen und begleiten Flüchtlinge im Alltag, mit vielfältigen Angeboten: von Sprachkursen, Cafés und Treffpunkten bis zu Ausflügen und Fussballevents.

Unterkünfte als ungeeignet abgeleht

In der römisch-katholischen Kirche sind zahlreiche Pfarreien, Ordensgemeinschaften und Familien dem Aufruf von Papst Franziskus gefolgt, Flüchtlinge aufzunehmen und sich um sie zu kümmern. Auch der Basler Bischof Felix Gmür hat an seinem Bischofssitz Flüchtlinge aufgenommen. An anderen Orten haben Kirchgemeinden oder Ordensgemeinschaften Unterkünfte angeboten – die aber vom Kanton oder den zuständigen Stellen als ungeeignet abgelehnt wurden.

Kirchliche Hilfswerke wie die Caritas oder kirchliche Sozialdienste begleiten seit Jahren Asylsuchende. Dies alles sind nur einige wenige Schlaglichter. Noch nicht erwähnt ist damit das persönliche Engagement vieler Christen und von Menschen anderer Religionen und von Kofessionsfreien für Flüchtlinge, ein Engagement, das sich schwer erfassen lässt.

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