Seelsorge für Seemänner: Wo der Boden für kurze Zeit stillhält

Am Hamburger Hafen betreibt die Seemannsmission eine Art Wohnzimmer für Seeleute. Im «Duckdalben» können die von Einsamkeit geplagten Männer gratis mit ihren Familien telefonieren oder eine Partie Billard spielen – bevor es nach wenigen Stunden zurück aufs Schiff geht.

Drei Frachtschiffe hintereinander, alle vollgeladen mit Containern.

Bildlegende: Wenn die Frachtschiffe im Hamburger Hafen ruhen, bleibt den Seeleuten Zeit für einen Ausflug in den «Duckdalben». Keystone

«Duckdalben» heisst der internationale Seemannsclub, den die Hamburger Seemannsmission inmitten des mehrere Quadratkilometer grossen Hamburger Containerhafens betreibt. Die knappe Freizeit reicht den Seeleuten nämlich schon lange nicht mehr aus für einen Besuch von Hamburgs Innenstadt, geschweige denn der Reeperbahn. Daher engagieren sich die rund 100 Mitarbeitenden der Seemannsmission direkt vor Ort im Hafen, damit die Seemänner nicht aussen vor bleiben.

Café, Karaoke-Bühne und Sportstätten

Das niederländische Wort «Duckdalben» bezeichnet ein meist im Wassergrund verankertes Holzgestell, an dem Schiffe fest machen können. Ein solch fester Anker in rauer See möchte der Seemannsclub im Hamburger Hafen für die Seeleute sein. Es gehe um nichts weniger als die Menschenwürde der Seemänner, betont Jan Oltmann, der Leiter des Treffs.

Er erinnert daran, dass die Seeleute mit ihrer einsamen und teils lebensgefährlichen Arbeit für den Transport von 90 Prozent unserer Güter verantwortlich sind. Wir alle profitierten täglich von ihren Risiken. Dankbarkeit und Solidarität ist denn auch die Hauptmotivation der über 80 freiwilligen Helferinnen und Helfern, die im «Duckdalben» ein Café, einen Laden, eine Karaoke-Bühne und Sportstätten betreiben.

Billardspielen kann man nur an Land

Der Billardtisch im Seemannsclub ist für Jan Oltmann schon fast symbolisch: Auf See kann man nicht Fussball, Tischtennis oder gar Billard spielen. Die Schiffe schwanken zu sehr. Solch Spiel und Spass gibt es nur an Land für die Seeleute. Noch grösser als der Drang nach Bewegung ist aber das Bedürfnis, mit der Familie daheim auf den Philippinen, in China oder Russland zu kommunizieren. Dafür gibt es im ganzen «Duckdalben» gratis WLAN.

Grüne, rote und gelbe Telefonkabine in einer Reihe.

Bildlegende: Der Draht zur Familie: Telefonkabinen im «Duckdalben». Flickr/Andreas Kollmorgen

Gleich mehrere Telefonkabinen stehen im Eingangsbereich des mehrstöckigen Gebäudekomplexes der Seemannsmission. Das Telefonieren ist subventioniert, etwa nach Asien, woher die meisten Seemänner stammen. Auch Geldwechseln kann man hier zum fairen Kurs. Ausserdem werden die Waren quasi zum Selbstkostenpreis angeboten. Heiss begehrt ist Schokolade.

Seit Jahrzehnten schon leitet Jan Oltmann den «Duckdalben». Für sein Engagement erhielt er das Deutsche Bundesverdienstkreuz. Seine offizielle Berufsbezeichnung lautet: «Seemannsdiakon». Als kirchlicher Sozialarbeiter betreut er zusammen mit Seemannspastorinnen und -pastoren und vielen Freiwilligen die 40'000 Seemänner pro Jahr, die hier für einige Stunden Station machen dürfen.

Manche von ihnen suchen auch den Raum der Stille auf. Hier gibt es für jede grosse Religion ein eigenes Plätzchen. Sikhs, Muslime, Hindus oder Christen sollen sich alle gleich wohl fühlen. Die hauseigene Katze schläft am liebsten vor den hinduistischen Götterbildern.

Seeleute leben Toleranz und Friedfertigkeit

Ob es nicht auch Konflikte gäbe zwischen den 100 verschiedenen Nationen, die sich hier treffen? Nein, im Gegenteil, sagt Jan Oltmann. Seeleute mögen keine Grenzen und Ausgrenzungen. Sie haben einen weiten Horizont. Selbst Männer aus verfeindeten Staaten habe er hier schon gemeinsam sitzen und gleichermassen über ihre Politiker schimpfen sehen.

Menschen, die zur See fahren, wissen, wie dringend man auf andere Menschen angewiesen ist, vor allem im Notfall. Oberstes Gebot ist, Schiffbrüchigen zu helfen, ungeachtet dessen, wer die Person ist und welcher Ethnie sie angehört. Darum belasteten die aktuellen Flüchtlingstragödien auf dem Meer die Seemänner stark, sagt Oltmann. Es tue den Seefahrern gut, das alles einmal aussprechen oder im Gästebuch aufschreiben zu können.

Unzureichende Ruhezeiten

Seelische Belastungen tragen die Seemänner eigentlich schon genug: Die Wochen der Einsamkeit auf See fern der Familie, die strenge Arbeit an Bord und oftmals auch menschenunwürdige Unterkünfte. Jan Oltmann empört sich darüber, dass manche Reeder über diese Menschen verfügen wie über Arbeitsmaterial. Ruhe- und Erholungszeiten seien oft unzureichend. Lobend davon unterscheiden würden sich einige deutsche Reedereien. Sie finanzieren den Seemannsclub «Duckdalben» mit. Kirchlicherseits ist es vor allem die evangelisch-lutherische Kirche Norddeutschlands, die unlängst sogar eine «Bischöfin der Seeleute» einsetzte.

Serie: «Seelsorge spezial!»

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