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Selbstdarstellung im Netz Warum geben wir so viele Daten preis?

Das Profil gehörte einst zum Verbrecher – heute pflegen alle eines. Und wir können die Hände nicht mehr von Geräten lassen, die an Fussfesseln erinnern. Was ist passiert?

Drei Hände, die Smartphones halten.
Legende: Selbstmarketing per Smartphone: Für Andreas Bernard eine unmittelbare Folge der veränderten Arbeitswelt. Keystone
  • Das Profilbild in den sozialen Medien geht auf Methoden der Kriminologie, Psychologie und Psychiatrie zurück, schreibt Kulturwissenschaftler Andreas Bernard.
  • Dass das Profil von einer Täter- zu einer freiwillligen Selbstbeschreibungstechnik geworden ist, hängt auch mit der veränderten Arbeitswelt zusammen.
  • Die Angst vor Überwachung hat heute abgenommen, dafür entstand so etwas wie «Biographie-Angst» – eine Art Konkurrenz- und Wettbewerbsangst, ausgelöst durch das ständige Selbstmarketing.

Deutschland, 1987: Gegen eine geplante Volkszählung regt sich Widerstand, im ganzen Land gehen Tausende Demonstranten auf die Strasse und wehren sich gegen die Vermessung der Bürger und wollen die Volkszählung boykottieren.

Der deutsche Kulturwissenschaftler und Journalist Andreas Bernard hat als Schüler an diesen Protesten teilgenommen. Unter anderem die Erinnerung daran war Auslöser für sein aktuelles Buch.

«Wir, diese Antivolkszählungsbewegung vor 30 Jahren, hatten ja den Eindruck, dass der Staat durch gewisse Erfassungsstechnicken die Individuen komplett kontrolliert und überwacht», sagt Bernard.

Ihn habe interessiert, dass die Menschen nur 30 Jahre später, freiwillig eine Datenfülle öffentlich machten, die intimer und persönlicher sei als das, was da der Staat vor 30 Jahren wissen wollte.

Die Vermessung unserer Welt

Die Überwachung ist längst zum Lifestyle geworden, stellt Andreas Bernard fest. Wir kaufen breitwillig Geräte, die uns orten können, die uns vermessen und überwachen. Fitness-Tracker zum Beispiel, die unsere Wege und unsere Körperfunktionen registrieren.

Sie erinnern an die elektronischen Fussfesseln aus dem Strafvollzug. Nur dass wir die Geräte freiwillig als Statussymbole tragen. Ein eindrücklicher Vergleich – und ein zentraler Punkt des Buches: wie Methoden oder Geräte, die ursprünglich aus der Psychiatrie, dem Militär oder der Kriminologie stammen, heute zum digitalen Lebensgefühl gehören. Etwa das Profil.

«Wenn man sich mit Kriminalistik oder Kriminologie beschäftigt, dann merkt man zum Beispiel, dass bis vor 20, 25 Jahren das Profil immer nur Individuen wie den Verbrecher, den Serienmörder, den Irren oder Kranken gemeint hat.»

Bernhard stellte sich die Frage, «wie es so rasant passieren konnte, dass das Profil von einer Täter- oder Krankenbeschreibung zu einer freiwillligen Selbstbeschreibungstechnik geworden ist.»

Wir profilieren uns zu Tode

Eine Erklärung für diese Wandlung ist für Andreas Bernard die veränderte Arbeitswelt mit einem verstärkten Fokus auf die Stellenbewerbung, die sich in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren institutionalisiert habe.

Man habe damals zum ersten Mal sehen können, dass das Profil plötzlich nicht mehr die Beschreibung eines Täters meine, sondern die freiwillige Selbstprofilierung.

Gleichzeitig bietet die digitale Welt laufend mehr Möglichkeiten, uns zu profilieren. Sei das durch sorgfältig kuratierte Profile in den sozialen Medien. Oder durch unzählige Profile aufgrund unseres Online-Shoppingverhaltens oder unserer Surf-Gewohnheiten.

Entparanoisierung der Gegenwart

Der gläserne Mensch – vor ihm hatten die Volkszählungs-Gegner 1987 gewarnt. Heute löse diese Vorstellung kaum mehr Ängste aus, sagt Andreas Bernard: «Man kann von einer Art Entparanoisierung unserer Zeit sprechen. Auf der anderen Seite ist eine Angst kollektiv geworden für jüngere Menschen, die vor 30 Jahren eher unbekannt war, etwas, was man «Biographie-Angst» nennen könnte.

Was wird aus mir? Wie kann ich mich vergleichen? Wie kann ich im Wettbewerb bestehen? Bernard glaubt, dass diese Konkurrenz- und Wettbewerbsangst durch dieses ständige Angebot von Selbstmarketing verstärkt worden sei.

Doch was war zuerst: Angebot oder Nachfrage? Woher kommt diese Lust am Selbst-Darstellen und Selbst-Vermessen? Fragen, die sich nach der Lektüre des Buches drängender denn je stellen. Antworten liefert dieses Buch leider nur begrenzt.

Das sei auch nicht sein Anspruch gewesen, entgegnet Andreas Bernard. Denn es ist schon schwierig genug, in dieser komplexen Zeit überhaupt die richtigen Fragen zu stellen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 26.10.2017, 06:50 Uhr

Buchhinweis

Andreas Bernard. Komplizen des Erkennungsdienstes. S. Fischer 2017.

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