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Sexismus-Debatte «Der Künstler ist nicht sein Werk»

Nach den Übergriffen in der Unterhaltungsindustrie: Sollen wir Kunst danach beurteilen, ob sich Künstler im Leben korrekt verhalten? Die Philosophin Dagmar Fenner mahnt zur Vorsicht.

Schauspieler Kevin Spacey sitzt vor einem Gemälde, das ihn selbst zeigt.
Legende: Muss man Kevin Spaceys Filme anders beurteilen, seit seine Missbrauchs-Vorwürfe im Raum stehen? Getty Images

SRF: Halten Sie es für richtig, dass Ridley Scott Kevin Spacey aus einem bereits abgedrehten Film schneidet, weil diesem von verschiedenen Seiten sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden?

Dagmar Fenner: Nein. Ein solcher Eingriff in ein Kunstwerk scheint mir keine geeignete Massnahme zu sein. Wenn es um die ästhetische Beurteilung eines Kunstwerks geht, sollte die Beurteilung eines Werks eines Künstlers völlig unabhängig von der Person des Künstlers erfolgen.

Selbst wenn der Künstler ein Mörder wäre: Das Werk muss für sich stehen?

Wenn es um die ästhetische Beurteilung des Werks geht, sollte immanent interpretiert werden. Das Leben des Künstlers spielt keine Rolle. Der ästhetische Wert des Kunstwerks hat nichts mit den ethischen oder eben unmoralischen Verhalten eines Künstlers zu tun.

Sieht man die Filme von Klaus Kinski nicht anders heute, wenn man weiss, dass er vermutlich seine Tochter schwer missbraucht hat?

Psychologisch ist das eine völlig natürliche Veränderung, die man nicht vermeiden kann. Auch wenn man weiss, dass der ästhetische Wert durch das problematische Verhalten nicht gemindert wird. Aber man wird es anders rezipieren. Psychologisch ist das unvermeidlich.

Das ist eine sehr wichtige Grundsatzdebatte, die geführt werden muss.

Hat die aktuelle Debatte in den USA um sexuelle Übergriffe in der Filmindustrie hysterische Züge angenommen?

Hysterisch würde ich das nicht nennen. Diese Debatte über Sexismus in der Gesellschaft läuft schon länger. Das ist eine sehr wichtige Grundsatzdebatte, die geführt werden muss.

Man soll die sexuellen Übergriffe auch nicht einfach ignorieren. Mir ist nur diese Trennung zwischen der Beurteilung der Kunst und der Beurteilung des Künsters als Person wichtig. Natürlich muss auch der Künstler sich für seine Verstösse als Bürger unserer Gesellschaft rechtfertigen.

Auch der Künstler muss sich für seine Verstösse als Bürger unserer Gesellschaft rechtfertigen.

Sie plädieren dafür, dass man das Kunstwerk komplett trennt von der Person. Den Vorwürfen muss auf Gesetzesebene nachgegangen werden, das Kunstwerk kann für sich stehen bleiben.

Es ist nicht nur eine Angelegenheit der Gesetze. Da diese berühmten Schauspieler und Regisseure auch öffentliche Personen sind, muss die Gesellschaft sich auch überlegen, wie sie mit diesen Moralverstössen umgehen soll.

Soll man diese Personen weiter verehren als Künstler? Soll man sie weiter engagieren? Ethisch hängt das stark davon ab, wie sie sich selber dazu äussern. Ob sie Verantwortung übernehmen. Ob sie Reue zeigen. Ob sie sich bessern wollen. Oder ob sie sogar für ein besseres Klima im Kunstbetrieb sorgen wollen.

Das Gespräch führte Irene Grüter.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 10.11.2017, 17:22 Uhr

Zur Person

Eine Frau mit Brille.
Legende: Campus Verlag

Dagmar Fenner ist Professorin für Philosophie an der Universität Basel. Sie beschäftigt sich u.a. mit ethischen Fragen der Kunstproduktion und -rezeption.

Buchhinweis

Dagmar Fenner: «Was kann und darf Kunst? Ein ethischer Grundriss», Campus Verlag, 2013.

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