Sharing Economy – im Clinch mit traditionellen Anbietern

In der «Wirtschaft des Teilens» kann jeder Unternehmer sein: Physische Besitztümer werden dabei geteilt und damit effizienter genutzt. Die Plattformen wie etwa Airbnb sind global, die Gesetzgebungen aber lokal unterschiedlich – Probleme sind da vorprogrammiert.

Laptop liegt auf Tisch.

Bildlegende: Mit Airbnb kann jeder seine Zimmer Touristen zur Verfügung stellen – so auch der schreibende Autor. Michaël Jarjour

Für Pierre* (Name der Redaktion bekannt) endete seine Zeit als aktives Mitglied der «Wirtschaft des Teilens» mit einem Klingeln an der Haustür: Der Pöstler verlangte eine Unterschrift für einen eingeschriebenen Brief. Im Schreiben liess Pierres Verwaltung keine Zweifel offen, dass sie ihn «ohne weitere Abmahnung» aus der Wohnung werfe, wenn sie nochmals bemerkten, dass er diese «zu einem überhöhten Preis» untervermieten würde.

Von Privatperson an Privatperson

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Im Urlaub wohnen wie daheim

4:22 min, aus 10vor10 vom 8.8.2013

Pierre ist nur einer von vielen, die derzeit die Wachstumsschmerzen eines scheinbar unaufhaltsamen Wirtschaftstrends spüren, der «Wirtschaft des Teilens», auch «Share Economy» genannt. Das Modell basiert darauf, dass Besitztümer übers Internet von Privatpersonen an andere Privatpersonen vermietet werden. Die Internetplattformen dienen als Vermittler und verdienen mittels Kommission. Der Rest des Geldes geht an die zu Unternehmern gewordenen Privatpersonen.

Pierre ist zu Beginn des Jahres in die «Wirtschaft des Teilens» eingestiegen, nachdem sich sein Leben stark verändert hatte. Der Freund war aufgrund eines Auslandaufenthaltes aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Kurz daraufhin verlor Pierre auch noch seine Stelle als Projektleiter in einer Firma in Zürich. Die Miete alleine und nun auch noch als Arbeitsloser zu berappen, war nicht einfach.

Angenehmes Taschengeld

Um die Finanzierungslücke zu schliessen, stellte Pierre seine Wohnung als Bleibe für Touristen ins Internet. Auf Airbnb.com, die Website einer Firma aus den USA, konnten Touristen nun Pierres Wohnung mieten, wie auch etliche andere Wohnungen und Zimmer von Schweizerinnen und Schweizern, anstatt nach einem Hotel zu suchen. Pierre empfing während einem halben Jahr 20 Gäste – wann immer ein Platz frei war. «Der Beitrag an die Miete war mir natürlich mehr als angenehm», sagte Pierre gegenüber SRF Kultur.

Doch der Trend geht weit über das Teilen von Wohnungen hinaus. Dutzende Firmen betätigen sich mittlerweile als Plattformen für Teilfreudige, die mit ihrer Wohnung, ihrem Auto, ihrem Parkplatz oder ihrer Bohrmaschine ein bisschen zusätzliches Geld verdienen wollen. Die Nachrichtenagentur Reuters spricht von einer 26-Milliarden-Dollar-Industrie.

Internet als «Infrastruktur des Vertrauens»

Porträt

Bildlegende: Arun Sundararajan: «Die Plattformen sind global, aber die Regulationen lokal.» NY University Stern School of Business

«Die Entwicklung der ‹Sharing Economy› ist ein natürliches Ergebnis der verschiedenen Änderungen, die das Internet gebracht hat», sagt Arun Sundararajan, der sich seit Jahren mit diesem Wirtschaftstrend auseinandersetzt. Der Professor an der Stern School of Business der New York University, nennt das Teilen von Musik, Videos und Wissen über das Internet als Anfänge. Dazu sei gekommen, dass wir in den letzten Jahren angefangen hätten, im Internet einzukaufen.

Das Fundament für die «Sharing Economy» hätten die sozialen Netzwerke vervollständigt, mit denen eine «Infrastruktur des Vertrauens» aufgebaut wurde. Sundararajan: «Dieser digitale Abdruck sozialer Verbindungen ist die Grundlage, einer halb-anonymen Person zu vertrauen, mit der man eine Geschäftsbeziehung eingehen will. Dieses Vertrauen hat dramatisch zugenommen.»

Konsument und Unternehmer zugleich

Der Luzerner Adrian Amstutz nennt die heute allgegenwärtigen Smartphones und die Internet-Breitbandverbindungen als weitere Treiber. «Ich glaube, die ‹Sharing Economy› war längst überfällig», sagt Amstutz gegenüber SRF Kultur. «Bisher war es einfach nicht möglich, weil die technische Infrastruktur fehlte.»

Der 32-Jährige ist im Februar dieses Jahres auf den Sharing-Zug aufgestiegen und hat mit seiner Freundin Claudia Jork die Plattform «Sharely» gegründet. Ab Oktober nun sollen Schweizerinnen und Schweizer auf seiner Internetseite ihre Besitztümer vermieten – von Fotoapparaten über Stereoanlagen bis zu Bohrmaschinen. «Die ‹Sharing Economy› macht jeden Nutzer zu einem Unternehmer. Es ist eine Dezentralisierung der Macht», sagt Amstutz. «Ich denke, das ist wichtig.»

Pierre, der Airbnb-Gastgeber, hat sich tatsächlich schnell als Unternehmer gefühlt. Ein professioneller Fotograf sei bei ihm vorbeigekommen, zur Verfügung gestellt von Airbnb, und habe seine Wohnung im besten Licht erscheinen lassen. Auch bei der Preisgestaltung hat er sich wie ein Geschäftsmann verhalten: «Ich habe zuerst geschaut, wie viel andere in der Umgebung verlangen. Anfangs habe ich den Preis ganz tief angesetzt. Nachdem ich einige gute Bewertungen von Gästen gesammelt hatte, habe ich den Preis langsam erhöht – insgesamt um 40 Franken pro Nacht.»

Globale Plattformen, lokale Gesetze

Unter Insidern sind Plattformen wie Airbnb schon seit Jahren ein Thema. Nun ist die «Sharing Economy» auch im Mainstream angekommen. Und bringt für ihre Unternehmer nun auch Probleme mit: Airbnb-Gastgeber Pierre hat das spätestens gemerkt, als es im September an seiner Wohnung klingelte. Denn während das Teilen von digitalen Produkten wie Musik oder Filmen unter der Aufsicht nationaler Behörden liegt, ist das bei physischen Besitztümern anders: «Eine der grössten Herausforderungen für die ‹Sharing Economy› ist, dass die regulatorischen Hürden nicht mal national sind, sondern lokal. Das muss man Stadt für Stadt angehen. Die Plattformen sind global, die Regulationen lokal – hier liegt die Krux», resümiert Sundararajan.

Drei Männer in Wohnzimmer vor Kamin.

Bildlegende: Die Gründer von Airbnb, von links nach rechts: Brian Chesky, Nathan Blecharczkyk, und Joe Gebbia. Airbnb

Airbnb ist als populärste Firma der «Sharing Economy» ein gutes Beispiel hierfür. In etlichen Städten gab und gibt es Gerichtsfälle, weil Nutzer der Plattform von ihren Mietern verklagt, oder wie kürzlich in der Schweiz geschehen, einfach aus der Wohnung geworfen wurden. Die Sharing-Firmen und ihre Nutzer mischen sich in Wirtschaftszweige ein, die traditionell stark reguliert sind, wie die Hotellerie.

«Mit der Verbreitung des Internets beginnt eine lange Geschichte von neuen Geschäftsmodellen, die auf alte Regulierungen stossen», sagt Wirtschaftsprofessor Sundararajan. Das spürte in Zürich jüngst auch eine Plattform, auf der Private und Unternehmen ihre ungenutzten Parkplätze tage- oder stundenweise vermieten können. Prompt drohte der Zürcher Stadtrat mit einem Verbot. Der Grund: Werden Parkplätze umgenutzt, wird die Beschränkung der Parkplatzzahl unterlaufen, welche die Parkplatzverordnung vorschreibt.

Ökonomisch gesehen würde ein solches Verbot keinen Sinn machen, sagt Sundararajan. «Solche Angebote führen zu Wachstum und Expansion: Physische Besitztümer werden effizienter genutzt und man schafft mehr Auswahl für Konsumenten», sagte er. «Für die Wohlfahrt von Städten ist das positiv.»

Plattformen als Regulatoren

In Städten wie Hamburg oder Amsterdam sind die Regulatoren bereits am Werk. Airbnb haben sie einen gesetzlichen Rahmen verpasst. In Kalifornien wurden kürzlich Gesetze verabschiedet, die rechtliche Unklarheiten für Auto-Sharing-Firmen ausräumen. Der Sharely-Gründer Adrian Amstutz wünscht sich auch von Schweizer Städten ein solch progressives Vorgehen: «Es ist keine Strategie, einfach nur die Augen zu verschliessen vor solchen Trends. Die Schweizer Städte sind noch zu stark in einer Zuschauerrolle, anstatt das Sharing aktiv zu fördern.»

Geht es nach Wirtschaftsprofessor Sundararajan, reicht es, wenn die Städte den Plattformen Rahmenbedingungen vorgeben. Denn: «Was bemerkenswert ist: Man hat Mühe, Beispiele zu finden, in denen etwas schief gegangen ist», sagt Sundararajan. «Dabei haben schon 40 bis 50 Millionen Übernachtungen in Airbnbs stattgefunden. Das ist für mich das stärkste Argument, dass diese Plattformen selbst als Regulatoren funktionieren.»

Bewusstsein für Nachhaltigkeit

Die Nachfrage nach Share-Angeboten sei da, sagt Adrian Amstutz. «Die Finanzkrise und das steigende Bewusstsein für Nachhaltigkeit haben die Basis gelegt.» Einige hätten wohl finanzielle Gründe, einzusteigen. «Andere sind ökologisch motiviert, und wollen dem Konsumismus etwas entgegen setzen.»

Pierres Freund ist mittlerweile aus dem Ausland in seine Wohnung zurückgekehrt. Auch jobmässig sieht es wieder besser aus. Dennoch: «Sobald die Politik bereit ist, stelle ich meine Wohnung wieder ins Internet.» Denn in der Wirtschaft des Teilens gehe es eben «nicht bloss ums Geld».

Die Schweizer Angebote

«Sharely»: Plattform zum Vermieten von Alltagsgegenständen. Wird im Oktober 2013 lanciert.

«Park-it» und «Parku»: Plattformen zum Mieten und Vermieten von Parkplätzen.

«Bring Bee»: Plattform zum Finden von Lieferanten von Einkäufen.

«Daycrunch»: Plattform zum Vermitteln von Arbeitsplätzen.