Sieben Streitpunkte über richtiges und falsches Leben

Jeder darf so leben, wie er will. So zumindest lautet die landläufige Meinung. Falsch, sagt die Philosophin Rahel Jaeggi in ihrem neuen Buch. Über Lebensformen und Lebensart lasse sich sehr wohl streiten. Wie und wo – eine Auflistung klärt die Frage philosophisch.

Ein hellblaues Einfamilienhaus auf dem Kopf, das heisst auf dem Giebeldach, auf einer Wiese.

Bildlegende: Wenn die Idylle Kopf steht: Manchmal lohnt es sich, die eigene Lebensform radikal zu überdenken. Keystone

Sieben Streitpunkte über richtiges und falsches Leben

    • Ein Faultier hängt an einem Ast.

      Bildlegende: Eingelebte Praktiken und Routinen machen uns träge. Keystone

      1. Wir sind träge

      Jeder lebt nach seiner Façon, und es ist auch erlaubt. Die einen sind Single, Vegetarier und Velofahrer, andere sind Familienmenschen, fahren Bus und mögen Fleisch. Wieder Dritte leben gerne auf dem Land, haben's gerne gemütlich und pendeln mit dem Auto. Gemeinsam ist ihnen: Sie halten an ihrem Lebensstil fest, weil es gerade so bequem ist. Die Philosophin Rahel Jaeggi bezeichnet dies als den «Trägheitsmoment» in unserem Leben. Sie sagt, dass Lebensformen «eingelebte Praktiken und Routinen» sind, in denen wir uns wie in einer «zweiten Natur» zuhause fühlen. Und das macht uns träge, manchmal allzu träge.

    • Krise.

      Bildlegende: Krise. colourbox

      2. Lebensformen können in die Krise kommen

      Wir sollten bescheiden sein und einsehen: So, wie wir leben, leben wir einen Versuch, mit dem Leben zurechtzukommen. Die Lebensform, die wir gewählt haben, ist nur eine unter vielen möglichen und so etwas wie der Versuch, «auf Probleme, die sich der menschlichen Gattung in Bezug auf die Gestaltung ihres Lebens stellen» zu reagieren, sagt die Philosophin Rahel Jaeggi. Nun kann es geschehen, dass diese Lebensform in eine Krise gerät, nicht nur individuell, sondern allgemein. Es kann sich beispielsweise herausstellen, dass das Leben in der Agglomeration nicht mehr funktioniert, weil das Glücksversprechen des Einfamilienhauslebens sich nicht erfüllt (soziale Isolation). Oder die Wachstumsgesellschaft kann in die Krise kommen, weil sie das Versprechen von «Wohlstand für alle» nicht einlösen kann (ungleiche Verteilung von Ressourcen). Das sollten wir erkennen.

    • Giraffe.

      Bildlegende: Giraffe. Reuters

      3. Kurzhalsige Giraffen überleben nicht

      Wenn Lebensformen in die Krise kommen, etwa die Demokratie, die Familie oder die Leistungsgesellschaft, dann sind sie vergleichbar mit einer «kurzhalsigen Giraffe», die so eben gerade nicht gut überleben kann, schreibt Rahel Jaeggi. Sie sagt auch, solche Gebilde, die in die Krise kommen, würden «unbewohnbar» wie ein lottriges Haus. In diesem Fall muss Kritik einsetzen, denn hier wird deutlich, dass etwas «falsch» ist. Also ist nicht «laisser faire», sondern Einmischung gefragt.

    • Wasserstandpegel.

      Bildlegende: Ob bestimmte Lebensformen noch in der Lage sind, «die ihnen gestellten Probleme zu lösen», dies sollte die Messlatte... Keystone

      4. Es gibt eine Messlatte für Kritik

      Nun sollen wir aber nicht besserwisserisch auftreten, meint Rahel Jaeggi, und wir sollen auch nicht als moralische Sittenrichter in Erscheinung treten. Vielmehr sollen wir ganz nüchtern fragen, ob bestimmte Lebensformen noch in der Lage sind, «die ihnen gestellten Probleme zu lösen». Etwa ob die Kleinfamilie tatsächlich noch der Ort ist, an dem so etwas wie Glück, gute Erziehung und erspriessliche Partnerschaft gedeiht. Oder ob eine Leistungsgesellschaft, die mehr und mehr Menschen aus der Arbeitswelt ausgrenzt, tatsächlich die Organisationsform ist, die Zufriedenheit und Erfüllung für alle mit sich bringt.

    • Lernen.

      Bildlegende: Lernen. Keystone

      5. Was nicht lernt, geht unter

      Es gibt Lebensformen, die sich verändern. Sie überwinden Krisen und werden neu. Damit sie das tun können, müssen sie lernfähig bleiben, und das heisst, in den Worten von Rahel Jaeggi: «Etwas wird nicht nur anders, sondern auch besser.» Lernen kommt aber nicht von selber, sondern die Menschen müssen sich buchstäblich bewegen, sich «reiben» an dem, was ihr Leben ausmacht, und nach neuen Wegen suchen. Mit «kleinen Widerständen im Alltag» kann man mal beginnen, meint Rahel Jaeggi, mit ersten Aufmüpfigkeiten, auch Ironisierungen oder Widerborstigkeiten, damit man spürt, wo es weh tut, wo es klemmt. Ansonsten drohen Rückzug ins Private, Rückschritt und im schlimmsten Fall Chaos.

    • Handy.

      Bildlegende: Handy. Keystone

      6. Die Widersprüche im Alltag sehen

      Wir sind umgeben von Gegenständen, von Artefakten, die alle zu uns «sprechen». Alltägliche Dinge wie Autos, Computer und Handys bestimmen unser Leben. Diese, sagt Rahel Jaeggi, engen uns entweder ein, oder sie eröffnen uns Möglichkeiten. Und wir leben mitten unter Menschen, die vielleicht dasselbe tun wie wir, oder Ähnliches, und auch sie können uns einengen oder beflügeln. Das müssen wir erkennen und sehen, dass manches in unserem Alltag widersprüchlich ist, nicht mehr stimmt. Es gilt, diese Widersprüche wahrzunehmen. Denn sie sind vielleicht der Schlüssel für das, was Rahel Jaeggi als die «Unbewohnbarkeit» der Lebensform bezeichnet, sie sind vielleicht Krisensymptome.

    • Schattenriss einer Familie.

      Bildlegende: Das richtige Leben lässt sich nicht in der Schreibstube der Philosophen ermitteln: Es findet draussen statt. Wikimedia

      7. Die Suche nach dem «richtigen» Leben ist wichtig

      Mit dem «guten Leben», von dem die Philosophen reden, ist meistens das private «gute Leben» gemeint. Darum aber geht es Rahel Jaeggi nicht – sie interessiert sich fürs «richtige» Leben, also für eine Lebensform, die auch das erfüllt, was sie verspricht, die «gelingt». Das richtige Leben aber lässt sich nicht einfach in der Schreibstube der Philosophen ermitteln. Es findet da draussen, im Leben selber statt, da, wo auch andere Lebensformen ihre Geltung beanspruchen. Deshalb, schreibt Rahel Jaeggi, sind Pluralismus und offene Debatten so wichtig, weil man Lebensformen als «Experimente» auffassen sollte, im Sinne eines «experimentellen Pluralismus von Lebensformen, ein Pluralismus der Auseinandersetzung um die richtige Lösung des Problems der gelingenden Lebensform».

Die Philosophin Rahel Jaeggi lehrt an der Humboldt Universität in Berlin.

Buchhinweis:
Rahel Jaeggi: «Kritik von Lebensformen.» Berlin, 2014.

Sendung zu diesem Artikel