Solidarität als Antwort auf die rassistische Gewalt in Charleston

Im Juni 2015 löschte ein weisser Rassist in Charlestons AME-Church neun schwarze Leben aus. Mit seiner Gewalt wollte er einen «Krieg der Rassen» auslösen. Dieses Ziel hat er nicht erreicht: statt weitere Gewalt folgte auf das Massaker von Charleston eine Welle der Solidarität.

Eine schwarze Frau sitzt weinend auf einer Kirchenbank, im Hintergrund sind zwei weisse Kirchenbesucher zu sehen.

Bildlegende: Nach dem Anschlag kamen viele auswärtige Besucher in die Kirchen von Charleston. Sie wurden willkommen geheissen. Reuters

Sonntagsgottesdienst in der AME Church, der ältesten schwarzen Kirche im Süden der USA: Die Stimmung ist heiter-melancholisch. Wie jeden Sonntag seit dem Massaker sind auch auswärtige Gäste anwesend – sie drücken mit ihrem Besuch Solidarität und Anteilnahme aus.

Heute ist zudem Jennifer Pinckney erschienen, die Witwe jenes Pastors, der die AME Church geleitet hat – bis ihn der weisse Rassist Dylann Roof am 17. Juni 2015 kaltblütig erschoss und mit ihm acht weitere Mitglieder seiner Pfarrei. Seine Frau und die 6-jährige Tochter waren im Nebenraum und haben das Attentat überlebt.

Der Weg zurück in die Kirche ist für viele schwer

Der neue Pastor, Norvel Goff, begrüsst die Gäste, ebenso die Wittwe seines Vorgängers. Die Kirchgemeinde applaudiert gerührt. Doch Jennifer Pinckney – flankiert von Freundinnen und vor neugierigen Blicken geschützt durch einen breitrandigen, schwarzen Hut – bleibt reglos in ihrer Kirchenbank sitzen. Am Ende des Gottesdienstes verschwindet sie so unbemerkt, wie sie erschienen war. «Andere Überlebende des Massakers haben den Weg zurück in die Kirche bis heute nicht gefunden», sagt Norvel Goff, «sie brauchen noch mehr Zeit und Hilfe.»

Die Gemeinde jener Kirche, die im Volksmund für viele nur «Mother Emanuel» heisst, befindet sich auch jetzt, acht Monate nach dem Mordanschlag, noch im Trauer- und Heilungsprozess. «Wir haben schlechtere und bessere Tage», sagt Pfarrer Goff, «aber mit der liebevollen Unterstützung der Menschen aus aller Welt und der Bevölkerung von Charleston, werden wir die schwere Zeit überstehen – und natürlich mit Gottes Hilfe und unserem Glauben.»

Tod eines Hoffnungsträgers

Erschöpft sieht er aus, der liebenswürdige Mann, der 20 Jahre älter ist als sein Vorgänger und in grosse Fussstapfen treten muss: Pastor Clementa Pinckney war vor allem für viele junge Schwarze in den Südstaaten ein politischer Hoffnungsträger und eine spirituelle Leitfigur. Er war in Medien und Öffentlichkeit präsent. Und er bezog Stellung. So etwa letzten April, als ein weisser Polizist bei einer Verkehrskontrolle in Nord-Charleston den jungen Schwarzen Walter Scott mit acht Schüssen in den Rücken ermordete.

«Unsere Kirche und Pfarrei hat der Anschlag zwar ganz direkt getroffen», erzählt Goff, «aber letztlich wurde unsere ganze Gemeinschaft Opfer dieses sinnlosen, rassistischen Terrorakts.» Der Pastor ergänzt kämpferisch: «Die gute Nachricht: Wir stehen noch immer geschlossen zusammen. Unser Glaube ist stärker als die Angst, und das Böse wird die Liebe nie besiegen, solange gutartige Menschen Zivilcourage zeigen und wir gemeinsam gegen Waffengewalt, Rassismus und Fanatismus vorgehen, wo immer wir damit konfrontiert sind.»

Der teuflische Plan misslingt

Mit seiner monströsen Tat an schwarzen Gläubigen wollte der weisse Rassist einen «Krieg der Rassen» anzetteln. Doch statt Strassenschlachten zwischen Schwarz und Weiss löste der Apartheitfanatiker und Antisemit eine beispiellose Welle der Solidarität mit seinen Opfern aus: Hunderte von Menschen jeder Hautfarbe und Religion strömten nach Bekanntwerden des Verbrechens zum Tatort. Sie brachten Blumen und Kerzen, bildeten Menschenketten und Mahnwachen, sangen und beteten gemeinsam.

Dabei ist es nicht geblieben: Anfangs Dezember fand in «Mother Emanuel» eine Tagung zum Thema Schusswaffengewalt statt. Und zwei Wochen später traf sich der Schwarze Kirchenrat in Charleston zu einer Konferenz zum Thema Rassismus. Nicht nur Bischöfe und Priester der acht grossen schwarzen Denominationen kamen aus allen Landesteilen angereist. Erschienen sind auch zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter weisser religiöser Gemeinschaften. Gemeinsam suchten sie nach Lösungen, um den Graben zwischen Schwarz und Weiss abzubauen.

Reform für den Waffenhandel

Und erst letztes Wochenende beteiligten sich in South Carolina rund 1300 religiöse Gemeinschaften aus praktisch allen Konfessionen an einer Aktion gegen Schusswaffengewalt. Sie sammelten Unterschriften für eine Petition, die Waffenhändler in South Carolina fortan gesetzlich verpflichten würde, vor dem Verkauf ihre Kundschaft auf Herz und Nieren zu prüfen.

Wäre dieses Gesetz letzten Juni schon in Kraft gewesen, Clementa Pinckney und seine acht Pfarreimitglieder wären jetzt noch am Leben – und mit ihnen mindestens 420 weitere Menschen, die seither – allein in South Carolina – durch tödliche Kugeln getroffen worden sind.

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