Soll der Wald neuem Wohnraum weichen?

Das Bauland wird knapp, deswegen wird vor allem auf Kulturland gebaut. Der Wald hingegen breitet sich aus. Warum nicht hier und dort ein bisschen roden und Platz schaffen für Wohnen im Wald? Darüber wird in Bern seit Jahren gestritten: Zankapfel ist die «Waldstadt Bremer».

Der «Bremer» – lieber ein hässlicher Wald, als gar keiner.

Bildlegende: «Lieber ein hässlicher Wald, als gar keiner.»: Der «Bremer» in Bern. Keystone

  • Der Bremgartenwald bei Bern ist seit 15 Jahren stadtpolitischer Zankapfel: Ein Projekt will den Wald in eine Wohnsiedlung umfunktionieren, um die Zersiedelung von Kulturland zu stoppen.
  • Der Vorschlag erhält teilweise politischen Zuspruch, wurde aber von der Bevölkerung abgelehnt.
  • Wälder sind durch das Waldgesetz stark geschützt, gleichzeitig verschwindet täglich Kulturland in der Grösse von acht Fussballfeldern unter Beton. Eine nationale Debatte ist dringend nötig.

Ein paar junge Aussteiger haben sich im April dieses Jahres im Berner Bremgartenwald unter Zeltplanen niedergelassen. Sie wollten in der freien Natur leben, würden nichts kaputt machen, so erklärten sie.

Improvisierte Unterkunft im «Bremer».

Bildlegende: Improvisierte Unterkunft im «Bremer». Der Oberförster ist nicht begeistert. Keystone

Wohnen im Wald ist nicht erlaubt

Das nationale Waldgesetz sagt dazu klar nein, denn Bauen im Wald ist nur erlaubt, wenn höchste nationale Interessen auf dem Spiel stehen.

Auch der Oberförster erklärte in der NZZ, das Wohnen im Wald sei nicht erlaubt. «Dies würde eine Zweckänderung hinsichtlich des geschützten Waldbodens verlangen. Auch habe dauerhaft menschliches Leben im Wald für diesen negative Folgen. So herrsche hier Düngeverbot: Die Notdurft dürfe nicht im Wald verrichtet werden. Ausserdem müssten die rund 150 Rehe, die im Bremgartenwald leben, den Menschen ausweichen, was zu einem gestörten Fortpflanzungsverhalten führe.»

Erstaunliche Töne – denn von möglichen Leiden der 150 Rehen war bisher keine Rede. Der Bremgartenwald ist seit 15 Jahren ein stadtpolitischer Zankapfel, dabei hatten die Streitparteien allerdings nicht Hippies, verbotene Notdurft oder Rehe im Auge, sondern betuchtere Menschen, denen man ein neues Stadtquartier im Bremer einrichten wollte.

Es fehlt an freiem Platz zum Bauen

Es ging um städteplanerische Visionen. Denn Bern hat ein Problem – wie viele andere Schweizer Städte auch: Es fehlt an freiem Platz zum Bauen. Deshalb brachte 2005 das Architekten- und Planer-Team «Bauart» die «Waldstadt Bremer» ins Spiel: der 42 Hektaren grosse Bremgartenwald sollte weichen für eine Stadterweiterung.

Zankapfel seit 15 Jahren: Dieses Stück des Bremgartenwaldes soll zum Wohnraum für rund 6000 bis 8000 Menschen werden.

Bildlegende: Zankapfel seit 15 Jahren: Dieses Stück des Bremgartenwaldes soll zum Wohnraum für rund 6000 bis 8000 Menschen werden. Bauart

Sie hatten gute Argumente, denn dieser Wald ist keine Schönheit. Er wurde 1971 durch eine Autobahn vom Hinterland abgetrennt, ist entsprechend laut, seine Biodiversität mager.

Das Bauart-Team wollte die lärmige Autobahn zudecken und so Ruhe und Platz für rund 8000 neue Stadtbewohner schaffen. Damit würde verhindert, dass diese ins grüne Hinterland ziehen, wo sie weiteres Kulturland verbauen. Nachhaltig gedacht – kommentierte das Bundesamt für Raumentwicklung und bewilligte eine Machbarkeitsstudie.

Keine Stadt auf Kosten des Waldes

Seither wird gestritten in Bern: Die Befürworter des Projektes zum Beispiel SP-Politikerin Ursula Wyss oder Stadtpräsident Alexander Tschäppät sind des Lobes voll für die Idee. Sie erhielten beherzten Zuspruch von Ferne, vom Basels Ex-Kantonsbaumeister Fritz Schuhmacher oder auch von Benedikt Loderer, Redaktor Hochparterre: «Die Waldstadt Bremer ist ein Manifest gegen Verhocktes. Bauart hat nichts anderes getan, als den Waldstreifen mit neuen Augen anzusehen. Und siehe: er ward Stadt!»

 Eine Gruppe von sechs Aussteigern im Bremgartenwald.

Bildlegende: Siedler campieren im Bremgartenwald. Eine Gruppe von sechs Aussteigern im «Bremer» – grosses Medienthema im April 2016. Keystone

Die Bevölkerung aber wollte keine Stadt auf Kosten des Waldes und machte sich wütend Luft: «Besser ein hässlicher Wald als gar keiner mehr» – war der Grundtenor.

Schwer wogen auch juristische Bedenken, denn für eine Waldstadt Bremer müsste das nationale Waldgesetz gelockert werden. Da schütteln nicht nur die Juristen bedenklich den Kopf, denn genau dieses starke Waldgesetz hat den Wald seit rund 150 Jahren vor der Zersiedelung geschützt. Eine starke Leistung, wenn man sich vor Augen hält, wie das Kulturland derweil täglich in der Grösse von acht Fussballfeldern unter Beton verschwindet.

Stoff für eine nationale Debatte

Obwohl die Bevölkerung am 3. März 2013 die Revision des Raumplanungsgesetzes gut hiess und damit mit über 60 Prozent klar «Nein Danke» gesagt zur Zersiedelung, schreitet sie weiter fort. Wie das geht, ist unmittelbar neben dem «Bremer» in Bern zu beobachten: Dort hat im Juni 2016 die Bevölkerung knapp ja gesagt zur Umzonung des Viererfeldes, eines der letzten Äcker der Stadt. Damit ist der Weg frei für ein neues Stadtquartier – und der städtische Siedlungsdruck gemildert. Der Bremgartenwald darf bleiben, was er ist, die Waldstadt-Befürworter haben ihr Anliegen vorderhand auf Eis gelegt.

Das grundsätzliche Problem allerdings ist nicht vom Tisch: Wie die Zersiedelung stoppen? Indem man das Waldgesetz lockert und Bauen im Wald erlaubt? Oder indem man Kulturland stärker schützt? Stoff für eine Debatte – aber auf nationaler Ebene bitte.

Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit im Kommentarfeld.

Sendung zu diesem Artikel