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Spektakulärer Untergang Sowjetunion: Das gescheiterte Experiment

Die Sowjetunion war das wohl grösste wirtschaftliche und politische Experiment der Geschichte. Das Riesenreich zerfiel 1991 nach knapp 70 Jahren seines Bestehens in seine Einzelteile: Es war an seiner historischen Erblast zerbrochen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Sowjetunion zerbrach an drei Grundproblemen, deren Wurzeln weit in die Geschichte des Landes zurück reichen.
  • Das erste Grundproblem war die enorme Grösse des Landes – und den damit verbundenen Kosten für Sicherheitsmassnahmen.
  • Ein weiteres Problem fand sich in der Wirtschaft: Russland war seit jeher ökonomisch rückständig.
  • Das dritte Problem war die Machtkonzentration: Auch der Sowjetstaat setzte das autokratische politische System der Zarenzeit fort.
  • 1985 versuchte Michail Gorbatschow die drei Grundprobleme zu beheben – ohne Erfolg.

Eine Utopie ist gescheitert

Der Sowjetstaat war bei seiner Gründung 1922 mit dem Anspruch angetreten, die Ideen von Karl Marx in die Tat umzusetzen. Das Eigentum zu verstaatlichen und dadurch eine gerechte, freie und friedliche Gesellschaft aufzubauen. Diese Raison d’Être des ersten kommunistischen Staates erwies sich Ende 1991, als das Riesenreich in seine Teilrepubliken zerfiel, endgültig als Utopie.

War der Marxismus schlicht nicht für die Menschen gemacht? Musste die Sowjetunion deshalb zwingend scheitern? Womöglich. Mit Sicherheit ebenso wichtig für den Untergang der Sowjetunion waren jedoch drei historische Grundprobleme, deren Wurzeln weit zurück reichen.

Das teure Imperium

Nicht erst die Sowjetunion, bereits das russische Zarenreich war ein gigantisches Imperium. Dahinter steckte nicht nur das Machtstreben der Eliten, sondern auch ein in Russland weit verbreitetes Bedürfnis nach Sicherheit.

Russland hatte im Laufe seiner leidvollen Geschichte immer wieder die Erfahrung gemacht, vom Ausland überfallen zu werden: von den Mongolen im Mittelalter, später von Napoleon, von den Deutschen während der Weltkriege im 20. Jahrhundert.

Das Imperium bot aufgrund seiner Grösse Schutz. Es verschlang jedoch immense Ressourcen und überforderte die russische Wirtschaftskraft bei weitem – nicht erst zur Sowjetzeit, sondern seit dem 16. Jahrhundert, als das damals wesentlich kleinere Russland territorial zu expandieren begann.

Die gefesselte Wirtschaft

Das zweite in der Geschichte angelegte Grundproblem, das zum Untergang führte, war wirtschaftlicher Natur. Russland war seit jeher ökonomisch völlig rückständig. Die Sowjetführer versuchten dies nach der Oktoberrevolution 1917 zu ändern.
Sie setzten jedoch fatalerweise nicht auf freies Unternehmertum, sondern peitschten den wirtschaftlichen Wandel mit brutalsten Methoden «von oben» durch. Die staatliche Planwirtschaft erwies sich jedoch als zu träge, um im wirtschaftlichen Wettlauf mit dem dynamischeren westlichen Kapitalismus bestehen zu können.

Der unfreie Machtstaat

Ein drittes historisches Grundproblem des Sowjetstaats bestand darin, dass er das autokratische politische System der Zarenzeit fortsetzte. Die kommunistische Partei übernahm 1917 das Machtmonopol des Zaren und foutierte sich um aufklärerische Errungenschaften wie Gewaltenteilung oder Rechtsstaat. Auch wurde den einzelnen Nationalitäten im Vielvölkerstaat keine föderalistische Selbstbestimmung zugestanden.

Reform und Untergang

Als 1985 Michail Gorbatschow an die Macht gelangte, erkannte er, dass die Sowjetunion um tiefgreifende Reformen nicht herumkommen würde. Er verordnete die «Perestroika» (Umbau) und «Glasnost» (Transparenz).

Dabei setzte Gorbatschow den Hebel gleichzeitig bei allen drei historischen Grundproblemen an: Den durch das Imperium verursachten Ressourcenverschleiss reduzierte er, indem er die Satelliten in Osteuropa in die Unabhängigkeit entliess, sich aus Afghanistan zurückzog und das Wettrüsten beendete.

Der gelenkten Wirtschaft verordnete er liberale Reformen – und scheiterte: Das bestehende System wurde zwar zerschlagen. Aber eine marktwirtschaftliche Ordnung konnte nicht Fuss fassen. Die Sowjetunion glitt wirtschaftlich an den Abgrund.

Spektakuläres Scheitern

Als Schuss ins eigene Knie erwies sich für Gorbatschow schliesslich, dass er – drittens – versuchte, mit mehr öffentlicher Transparenz den Machtapparat umzubauen. Zahllose Medienberichte über die enormen Unzulänglichkeiten der Staatsführung entzogen dem kommunistischen Staat und seinen Exponenten jede Legitimität – bis hin zu Lenin.

Schliesslich erklärte sich eine Teilrepublik nach der anderen, von Estland über Georgien bis zur Ukraine und Russland, für unabhängig. Der erste kommunistische Staat der Welt hörte auf zu existieren. Er hatte spektakulär darin versagt, die Jahrhunderte zurück reichende historische Erblast abzutragen. Er hatte sie vielmehr weiter aufgestaut – und damit sein eigenes Ende besiegelt.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 5.12.2016, 9.03 Uhr

21 Kommentare

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  • Kommentar von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
    Die Erkenntnisse der SU sind spannend.und man koennte daraus lernen, um es in Zukunft besser zu machen. Aber deshalb den Marxismus als gescheitert zu bezeichnen, zeigt eine sehr enge 'Welt'sicht. Das bevoelkerungsreichste Land ist noch immer marxistisch regiert und extrem erfolgreich damit. China nutzt zwar die Kraefte des Marktes, zentrales Produktivkapital bleibt aber in den Haenden des Staates, der Markt wird gesteuert. Die Russen sind auch demokratisch-kapitalistisch gescheitert.
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    1. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Die Regierung Chinas noch als Marxistisch zu bezeichnen greift daneben. Marxismus ist ja nicht nur in Russland gescheitert, auch in vielen anderen Ländern. Russland hat noch gar nicht versucht wie Demokratrie wirklich funktionieren würde.
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  • Kommentar von Jürg Sand (Jürg Sand)
    Ist schon als löblich zu bezeichnen, dass das SRF sich überhaupt diesem Thema nähert, wenn auch noch wie die Katze um den heissen Brei. Mir fehlt beispielsweise der "Grosse Terror", der sich bereits während der Revolution in gnadenloser Grausamkeit vorbahnte und weiter unter Stalin Millionen Menschen förmlich physisch wie psychisch zu Blut zerrieb. Und, der ideologische motivierte Mord an Million Bauern, die man als Grundeigentümer (meist winzigsten Ausmasses) als verhasste "Klasse" ausrottete.
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  • Kommentar von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
    Soso. Ein SRF Journalist bezeichnet die Millionen an Toten die Sozialismus gefordert hat, als "Experiment". Schlichtweg himmeltraurig und eine Entschuldigung wäre angebracht.
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    1. Antwort von Albert Friedery (A. Friedery)
      @Ducrey Bitte Kommunismus nicht mit Sozialismus gleichsetzen! Die Sowjetunion war Kommunistisch. Kuba (zum Beispiel) ist Sozialistisch. Die Millionen an Toten hat Stalin & Co. im Namen der Kommunismus gefordert.
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    2. Antwort von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
      Ein Betroffenheitskommentar... wie bezeichnen Sie denn die Toten des Kapitalismus? Unser Reichtum wurde auf der Ausbeutung Afrikas und Zentralasiens aufgebaut. Noch heute verhungern Menschen, die unserem Systemfolgen mussten, wegen IWF und Weltbank. Von unseren Kriegen gegen den Kommunismus ganz zu schweigen. Vietnam und Korea sind Extrembeispiele, aberselbst im Irak setzten unsere Partner Uranmunition ein, an der noch 100 Jahre spaeter Menschen sterben werden. Das war auch experimentell.
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    3. Antwort von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
      @Buchmann: Ich bezeichne die Ausbeutung Afrikas als Katastrophe, wie ich auch Falschmeldungen (wie Ihr Hinweis auf Uran gehärtete Munition, der absolut falsch ist und man merkt, dass Sie irgendetwas aus dem Stegreif erzählen, wo sie keine Ahnung davon haben) aus politischen Gründen als völlig daneben bezeichne. Ein Experiment hat da keiner gestartet. PS: Für Ausbeutung braucht es immer zwei. Beim Sozialismus hat kein zweiter mehr Platz.
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    4. Antwort von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
      Zitat Spiegel Online: "Nach dem Krieg droht der irakischen Zivilbevölkerung nach Einschätzung von Experten jetzt Gefahr durch die Überreste von Munition aus abgereichertem Uran. Briten und Amerikaner setzen die radioaktiven Projektile schon seit Jahrzehnten ein." (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/uranmunition-im-irak-das-strahlende-vermaechtnis-der-alliierten-a-278417.html) So viel zum "Stegreif". Zum Experiment: selbst der IWF anerkennt die Fehler seiner Experimente in Afrika jetzt an.
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    5. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Wenn man die Sowjetunion und Kuba heranzieht zum Erläutern was anders ist zwischen Kommunismus und Sozialismus, dann müsste man zum Schluss kommen dass es keinen gibt. Castro hat schliesslich die intellektuelle Elite genau so radikal vernichtet wie Stalin.
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