Stauffenberg-Attentat vor 70 Jahren: zwei Zeugen erinnern sich

Der 20. Juli 1944 ist ein Symbol für den Widerstand gegen das NS-Regime. Untrennbar damit verbunden ist der Name des Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Seinen Sohn Berthold haben die Erlebnisse bis heute geprägt – genauso wie einen noch lebenden Augenzeugen des Anschlags.

Eine Schwarz-weiss-Figur mit Engelsflügeln auf rotem Grund.

Bildlegende: Graf von Stauffenberg als Engel? Arbeit des Künstlers Petrus Wandrey (2004) in einer Ausstellung in Dresden. Keystone

Sie sind sich nie begegnet, aber für beide ist der 20. Juli 1944 unvergesslich: Berthold Maria Schenk Graf von Stauffenberg und Kurt Salterberg. Ersterer kämpft für die Ehre seines Vaters und seiner Familie. Den zweiten lassen die Erinnerungen nicht zur Ruhe kommen.

Als Wachsoldat im Führerhauptquartier

Schwarzweiss-Porträt von Salterberg in einer NS-Uniform.

Bildlegende: Kurt Salterberg 1944. zvg

Kurt Salterberg, 91, war 1944 Wachsoldat in der so genannten «Wolfsschanze», die 600 Kilometer östlich von Berlin lag. «Wir sagten nicht Führerhauptquartier, sondern ‹die Anlage›.» Der damals 21-jährige Gefreite gehört zum Führerbegleitbataillon und bewachte den inneren Sperrkreis des Bunkers. Hier versammelt sich das Oberkommando der Wehrmacht, hier erteilte Hitler seinen treu ergebenen Anhängern militärische Befehle.

Salterberg erinnert sich auch noch heute an jede Kleinigkeit. Am 20. Juli 1944 stand eine Lagebesprechung an: «Alle, die zum Hitler wollten, musste ich kontrollieren.» Unter ihnen war eine Gruppe um Generalfeldmarschall Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, die Kurt Salterberg passieren liess: «Keitel hatte einen Dauerausweis, seine Begleiter brauchte ich nicht zu kontrollieren.»

Zu Keitel gehörte auch Stauffenberg, erzählt Salterberg: «Der fiel mir sofort auf, weil er eine Augenklappe trug.» Stauffenberg hatte eine Aktentasche dabei, die er nicht zu kontrollieren brauchte. Salterbergs Urteil: «Die Bewachung, so hundertprozentig war die gar nicht!»

Die Explosion

Ihm sei aufgefallen, erzählt Salterberg, dass Stauffenberg schon nach kurzer Zeit die Lagebesprechung verliess: «Das passierte schon einmal, wenn jemand schnell Unterlagen holen wollte.» Kurz danach folgte die Explosion der Bombe, die Stauffenberg zurückgelassen hatte: «Ein Papierwirbel, Holz und Splitter, eine ungeheure Qualmwolke», so Salterberg, «ein totales Durcheinander!»

Salterberg kniet neben einem Stein mit der Auffschrift "In Erinnerung an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus".

Bildlegende: Kurt Salterberg erinnert sich noch gut an den 20. Juli 1944, den Tag als Stauffenberg sein Attentat auf Hitler verübte. Michael Marek

Zunächst war unklar, ob Hitler das Attentat überlebt hatte: «Alle schrien: Wo ist der Führer? Und dann kam Hitler aus der Baracke heraus, gestützt von zwei Männern.» Es war Stauffenberg nicht gelungen, Hitler mit einer Bombe zu töten.

Einer der Gründe dafür: Die Besprechung habe nicht – wie üblich – in einem Bunker stattgefunden, sondern sei in eine hölzerne Baracke verlegt worden, erklärt Salterberg: «Wenn das ein fester Bunker mit festen Wänden gewesen wäre, dann hätte der Druck nicht ausweichen können, dann wäre es schlimmer geworden.»

Für Salterberg war Stauffenberg damals ein Feigling: «Wir haben das als heimtückisch empfunden, einfach nur eine Bombe abzulegen. Wenn der Mann eine Pistole genommen und den Hitler im Angesicht erschossen hätte, dann hätte man Achtung vor der Tat gehabt. Heute ist das natürlich ein ganz anderes Bild – all die Gräueltaten und alles.»

Der Sohn des Attentäters

Porträt eines älteren Herrn.

Bildlegende: Berthold Maria Schenk Graf von Stauffenberg. Michael Marek

Ortswechsel: Oppenweiler, 25 Kilometer nordöstlich von Stuttgart: Ein schmuckloses Dörflein, knapp 4500 Einwohner. Hier lebt Berthold Maria Schenk Graf von Stauffenberg, der Sohn des Hitler-Attentäters. 1934 wurde er in Bamberg geboren, das Elternhaus erinnert Berthold Graf von Stauffenberg als kulturell aufgeschlossen und von der Sanftmut der Mutter geprägt. «Wir sind aufgewachsen wie andere Kinder in der Klasse auch. Das heisst, irgendwo waren wir auch kleine Nazis.»

Am 20. Juli 1944 stand für den 10-jährigen Stauffenberg-Sohn die Welt Kopf. Als Berthold vom Attentat hörte, hatten Wehrmachtsoffiziere seinen Vater bereits erschossen: «Dann hat meine Mutter am nächsten Tag gesagt, dass es unser Vater gewesen ist. Das war ein Schock und eine Verwirrung: Wie konnte er nur auf den Führer...? Aber ich habe ihn deswegen nie für einen Verbrecher gehalten.»

Aus Stauffenberg wird Meister

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Vor 70 Jahren: Das misslungene Hitler-Attentat

2:43 min, aus Tagesschau vom 12.7.2014

Nach dem missglückten Attentat begann das NS-Regime einen Rachefeldzug gegen die Verschwörer und ihre Familienangehörigen. Ihre Kinder wurden von der Gestapo abgeholt und in ein eigens für sie geschaffenes Heim überstellt. Unter ihnen befanden sich auch Berthold Graf von Stauffenberg und seine drei Geschwister. «Natürlich war es schrecklich, weil wir von der Familie getrennt waren.» Alle Kinder bekamen neue Namen, die Stauffenbergs wurden in Meister umbenannt.

Seine Eltern hatten mit den Kindern nie über Politik gesprochen. Dass sein Vater ein Doppelleben geführt hatte, das überrascht ihn bis heute nicht: «Klar, dies macht jeder Verschwörer. Selbst wir haben damals von Kindern erfahren, die ihre Eltern denunziert hatten!»

In der Bundesrepublik wird er Offizier in der neu geschaffenen Bundeswehr. Dass er mit seiner Militärkarriere dem Vater nachgeeifert habe, das sei ihm immer bewusst gewesen, sagt Stauffenberg: «Ich habe das, was er getan hat, nicht für legal, aber für legitim gehalten. Er hat für Deutschland sein Leben gegeben.»

Attentat vom 20. Juli 1944

Das Attentat gilt als bedeutendster Umsturzversuch in der Zeit des Nationalsozialismus. Eine zentrale Rolle kommt Claus Schenk Graf von Stauffenberg zu, der eine Bombe im Führerhauptquartier «Wolfsschanze» deponierte. Diese verletzte Hitler aber nur leicht – der Umsturzversuch scheiterte. Einen Tag nach dem Attentat wurde Stauffenberg hingerichtet.

Hörbuchhinweis:

Michael Marek: «Stauffenberg. Eine deutsche Biographie». Gelesen von Volker Risch. Der Hörverlag, 2008.

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