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Gesellschaft & Religion Studien über Waffengewalt in den USA unerwünscht

Jährlich sterben in den USA rund 30'000 Menschen an Schussverletzungen. Über Ursachen und Prävention gibt es kaum Studien, denn die Waffenlobby verhinderte über Jahrzehnte jegliche Forschung. Nur langsam zeichnet sich ein Wandel in der Politik ab.

Ein Mann hält eine Pistole in die Kamera. Er verkauft Waffen in einem Geschäft.
Legende: Der Waffenladen gehört in den USA zum alltäglichen Erscheinungsbild. Forschung über Waffengewalt ist aber unmöglich. Keystone
  • In den USA limitierte das sogenannte «Dickey-Amendment» massiv die Forschung über Ursachen und Prävention von Waffengewalt.
  • 20 Jahre lang wurden keine umfassenden Studien zur Problematik erstellt. Jetzt fehlt eine ganze Generation von Forschern.
  • Präsident Obama hat das «Dickey-Amendment» aufgehoben, der US-Kongress stellt aber weiterhin kein Geld für Forschung bereit.

Auf jeden Einwohner kommt eine Waffe

49 Tote und 53 Verletzte forderte der Amoklauf in einem Nachtclub in Florida im Juni 2016. Solche Taten stechen aus der Statistik hervor. Doch Waffengewalt ist in den USA eine alltägliche, blutige Realität.

Verschiedene Waffen sind im Chicago FBI Büro ausgestellt.
Legende: So eine Dichte an Schusswaffen existiert nur in den USA. Doch darüber zu forschen ist tabu. Keystone

Das verwundert kaum, denn in keinem anderen Land existiert eine solche Dichte an Schusswaffen wie in den USA. Auf rund 320 Millionen Einwohner kommen fast genauso viele Pistolen, Revolver und Gewehre. Rechnet man Amokläufe, Morde, Unfälle sowie Selbstmorde zusammen, dann sterben in den USA jährlich rund 30‘000 Menschen an Schussverletzungen.

Kalkuliert man noch die Tausenden von Verletzen mit ein, dann stehe man vor einem dringlichen Problem der öffentlichen Gesundheit, erklärt Garen Wintemute, Leiter des Violence Prevention Research Program, Link öffnet in einem neuen Fenster an der University of California. «Doch die minimale Forschung darüber steht in keinem Verhältnis zu dem, was wir eigentlich wissen sollten.»

Die Macht der Waffenlobby

Das eklatante Wissensdefizit über die Prävention von Waffengewalt hat eine simple Erklärung: Es besteht ein de-facto-Verbot darüber zu forschen. Schuld daran ist das «Dickey-Amendment» – benannt nach dem Abgeordneten Jay Dickey, der sich 1996 von der mächtigen Waffenlobby NRA, Link öffnet in einem neuen Fenster (National Rifle Association) für ihre Zwecke hatte einspannen lassen.

Das Amendment limitierte stark, welche Forschung die wichtigste staatliche Behörde für öffentliche Gesundheit, CDC, Link öffnet in einem neuen Fenster (Centers for Disease Control and Prevention), finanzieren durfte. Alles, was in irgendeiner Form als Einschränkung von Waffenbesitz interpretiert werden konnte, war ab sofort tabu.

Gleichzeitig wurde das Budget der Behörde gekürzt. Die CDC verstand die Botschaft. Einschlägigen Studien wurden nicht mehr finanzierten. Man wollte die Gesetzgeber nicht verärgern und weitere Budgetkürzungen riskieren.

Nach einem Massaker an Grundschülern im Staat Connecticut 2012 hob US-Präsident Barack Obama das Verbot per Dekret auf. Doch der Kongress stellt nach wie vor kein Geld bereit.

Datenarmut und Nachwuchsprobleme

Kaum ein Forscher kommt heutzutage ohne private Fördermittel aus. Doch der grösste Geldgeber ist und bleibt der Staat. Zieht dieser sich zurück, lassen die Folgen nicht lange auf sich warten. «Es gibt seit 20 Jahren keine umfassenden Studien mit grossen Datensätzen mehr», klagt Sara Abiola von der Columbia University.

Die Professorin für Gesundheitspolitik beklagt aber vor allem, eine ganze Generation von Forschern fehlt. Wer die demnächst pensionierten Experten ersetzen soll, steht in den Sternen. Denn, so Abiola: «Ich kenne etliche Professoren, die ihre Doktoranden davon abhalten, sich auf Waffengewalt zu spezialisieren. Wozu auch? Wer soll ihre Projekte finanzieren?»

Eigenförderung aus dem Sparschwein

Der gelernte Notfallarzt Garen Wintemute ist von der lebensrettenden Bedeutung seiner Arbeit so überzeugt, dass er bisher eine Million Dollar an Eigenmittel in sein Violence Prevention Research Program steckte. Ein Tropfen auf dem heissen Stein, denn die wirklich grossen Fragen lassen sich damit nicht beantworten.

«In vielen Bundesstaaten wird mit verschiedenen Regeln und Massnahmen experimentiert. Die einen erleichtern den Erwerb von Schusswaffen, andere erschweren ihn. Die einen senken die Hürde, dass man Waffen sichtbar in der Öffentlichkeit trägt, andere schieben dem einen Riegel vor», erklärt Garen Wintemute. Bisher habe niemand die Ergebnisse dieser Experimente systematisch ausgewertet.

Mit anderen Worten: Niemand weiss, was funktioniert oder nicht funktioniert; was Leben rettet und was nicht. Garen Wintemute ist sich dennoch sicher, dass die mageren Jahre bald vorbei sein werden. Denn nach jeder neuen Massenschiesserei beobachtet er ein bisher nie dagewesenes Ausmass an Zorn und Ungeduld der Bürger, dass nicht genug zu ihrem Schutz geschieht. Er ist überzeugt: Etwas wird schon bald geschehen.

2 Kommentare

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  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Nach meinen Infos sterben von über 30'000 Schusswaffenopfern in den USA etwa 65 % durch Selbstmord oder Unfall. In der CH liegt dieser Anteil bei ca. 85 %, was manchmal Irritationen bei Statistiken hervorruft. Dass in den USA und anderen Teilen der Neuen Welt bereits Kleinkinder mit scharfen Waffen üben, würde in unserem Kulturbereich zumindest das Sozialamt auf den Plan rufen. Andere Länder, andere Sitten. In den USA steht Profit durch die Waffenindustrie über allem, wirklich allem.
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  • Kommentar von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
    Erstens: Die meisten Menschen verunglücken im Haushalt. Zweitens: Viele Schusswaffen führen schon dazu, dass man die Schusswaffen missbraucht. Doch wer anderen Leuten absichtlich Schaden zufügen will, wird dies immer tun und wenn keine Schusswaffe vorhanden ist, nimmt er halt ein Brotmesser, Anzündflüssigkeit etc. (n.b.: Es gibt mehr Verletzungen durch Messer, als durch Schusswaffen). Drittens: Gewaltprävention hat absolut nichts mit Schusswaffen zu tun, sondern vielmehr mit Jobs.
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