Südkorea im Schönheitswahn: Besser aussehen für höheres Ansehen

Schönheitsoperationen boomen in Südkorea. Jede fünfte Frau zwischen 19 und 49 Jahren legt sich unter's Messer – ein Statussymbol. Das war nicht immer so. Früher galten diese Eingriffe als Schande. Denn der Körper gehörte nicht einem selbst.

Jeman hält eine koreanischen Frau eine Pinzette an das Auge.

Bildlegende: Die Koreaner streben nach einem europäischen Schönheitsideal. Wozu? Reuters

Die Miss-Korea-Wahl schaffte es 2013 zu Weltruhm: Die Finalistinnen schienen alle dasselbe Gesicht zu haben. «Noch vor ein paar Jahren sagten die meisten koreanischen Männer, sie wollten keine Frau, die operiert sei», sagt Melissa Moon, Marketingverantwortliche der koreanischen Schönheitsklinik TL Plastic Surgery. Heute hätten dagegen immer mehr Männer den Wunsch, eine Frau zu finden, die eine Schönheitsoperation hinter sich hat. Plastische Chirurgie sei zu einer Art Statussymbol geworden.

Ein neues Gesicht für 12'000 Franken

Der Chirurg Han Sang June sitzt an seinem Pult.

Bildlegende: Chirurg Han Sang June: «Ich verhelfe meinen Kunden zu mehr Erfolg im Berufs- und Privatleben.» SRF / Martin Aldrovandi

Kleinere Operationen gibt es in der TL Plastic Surgery bereits für umgerechnet 1500 Franken. Dazu gehört etwa die Doppelfalte in den Augenlidern. Jene Falte, die die meisten Europäer und Amerikaner haben und den Augenlidern vieler Ostasiaten fehlt. Schwierigere Eingriffe, wie etwa das Schleifen des Kiefers und die Schmälerung des Gesichts, kosten dagegen umgerechnet 12'000 Franken.

Die fünfstöckige Klinik mit der türkisfarbenen Fensterfront befindet sich mitten im Stadtteil Gangnam. Das wohlhabende Viertel ist spätestens seit dem Youtube-Hit Gangnam-Style weit über Korea hinaus berühmt. Die Gegend ist auch als Schönheitsgürtel bekannt: Hier haben die meisten Kliniken für plastische Chirurgie in Korea ihren Sitz. So auch Han Sang Junes Praxis. Der Chirurg betreibt mit vier weiteren Ärzten die VIZ Clinic.

Den Körper von den Ahnen geerbt

Die Patienten und Patientinnen seien nicht wirklich krank, erklärt er. Sie hätten einfach zu wenig Selbstvertrauen. Von einer Operation würden sie sich mehr Erfolg im Beruf und Privatleben erhoffen. Für Dr. Han gehören solche Eingriffe zur sogenannten «Social Surgery»: Eingriffe, die nicht aus medizinischer Notwendigkeit vorgenommen wurden, sondern damit die Kunden einen höheren gesellschaftlichen Status erreichen.

Dabei waren Eingriffe in den Körper im traditionellen Korea einst verpönt. Das eigene Aussehen chirurgisch zu verändern, sei früher undenkbar gewesen, sagt Joanna Elfving-Hwang. Die Professorin für Korean Studies lehrt und forscht an der University of Western Australia in Perth. Sie befasst sich mit dem kulturellen Aspekt der Schönheitschirurgie in Südkorea.

«Es hat mit der Vorstellung zu tun, dass man den Körper von seinen Ahnen geerbt hat», sagt Joanna Elfving-Hwang. Als Geschenk der Eltern gehört der Körper nicht einem selbst, sondern den Vorfahren und den Nachkommen – eine sehr konfuzianische Vorstellung. Der Körper sei im wörtlichen Sinne die Verkörperung des Familienstammbaums, sagt Joanna Elfving-Hwang.

Körper als Konsumartikel

Werbung mit Vorher-Nachher-Bildern an einer U-Bahn-Station in Seoul.

Bildlegende: Werbung mit Vorher-Nachher-Bildern an einer U-Bahn-Station in Seoul. SRF / Martin Aldrovandi

«Noch in den 1960er-Jahren war es etwa sehr schwierig, Leichen für die Ausbildung von Medizinstudenten zu finden», sagt Joanna Elfving-Hwang. Kaum eine Familie sei bereit gewesen, einen toten Angehörigen zu spenden, da dies als grosse Schande empfunden wurde.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung veränderte sich jedoch die Vorstellung des Körpers: Er hat sich vom unveränderlichen Gut zu einem Konsumprodukt gewandelt, das nach Wunsch geformt werden kann. In Seoul soll sich bereits jede fünfte Frau zwischen 19 und 49 Jahren für ein besseres Aussehen unters Messer gelegt haben. Zu diesem Schluss kam eine Untersuchung des internationalen Marktforschungsinstituts Trend Monitor.

«Früher sagten die Patienten ihren Freunden und Bekannten, sie würden in die Ferien fahren», erinnert sich Marketingfrau Melissa Moon. Dabei hätten sie sich nach der Operation einfach zu Hause versteckt. «Heute gehen immer mehr mit ihren Verbänden und Pflastern direkt auf die Strasse, sie setzten sich damit sogar ins Café».

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 6.1.2015, 12:10 Uhr.