Syrische Bürgerjournalisten schreiben gegen den Krieg an

In Syrien gibt es immer mehr Zeitungsprojekte, Websites und Blogs von Laienjournalisten. Sie tragen die Nachrichten vom Bürgerkrieg ins Ausland. Eines dieser Projekte ist die Wochenzeitung «Oxygen» aus der Kleinstadt Zabadani.

Rückenansicht eines Mann mit Kopftuch und Gewehr, der von einer Mauer auf den Ort Zabadani schaut.

Bildlegende: Ein Mitglied der Freien Syrischen Armee steht am Stadtrand von Zabadani Wache. Reuters

Die 40‘000-Seelen-Stadt Zabadani liegt in einer malerischen Berglandschaft zwischen Damaskus und der libanesischen Grenze. Vor dem Krieg war das Städtchen eine beliebte Ferien-Destination für Reisende aus dem Golf. Doch aus dem Postkarten-Idyll wurde eine auch medial hart umkämpfte Stadt. Die Bewohnerinnen und Bewohner erlebten, wie die Assad-Regierung ausländische Medien hinters Licht führte. Die Mittvierzigerin Fatima erinnert sich, wie zu Beginn des Aufstands zwei ausländische Journalisten ins Städtchen kamen und filmen wollten: «Man führte sie in die Nachbarstadt, wo Frieden herrschte, und stellte dort ein Strassenschild von Zabadani auf. Die Medienleute berichteten dann, bei uns sei es sicher.»

Gegen die konfessionelle Spaltung anschreiben

Fatima erlebt das anders: Zabadani steht seit Beginn des Kriegs immer wieder im Zentrum von Auseinandersetzungen zwischen Rebellen und Regierungstruppen. Der Ton zwischen der christlichen Minderheit und der sunnitischen Mehrheit hat sich verschärft. Darum gründete Fatima zusammen mit anderen Aktivisten eine gedruckte Wochenzeitung, die über die Ereignisse in Zabadani aus erster Hand berichtet. «Oxygen», Sauerstoff, nennen sie ihre Zeitung. «Wir wehren uns mit unseren Artikeln gegen die konfessionellen Spaltungen», erzählt Fatima. «Wir sind für diejenigen, die ein neues, ein demokratisches Syrien wollen.»

Die «Oxygen»-Redaktion lebt diese Vielfalt: Aischa trägt Kopftuch, Fatima nicht. Für «Oxygen» schreiben Männer mit und Männer ohne Bart, Sunniten und Christen. Was sie vereint: Sie sind alle Laien, die der Welt erzählen wollen, was in ihrem Städtchen gerade passiert. Aischa ist ausgebildete Lehrerin und unterrichtet bis heute Sprachen und Informatik an einer Schule: «Früher habe ich auf Facebook geschrieben, und kleine Artikel für ein Magazin. Dann hat sich das Projekt hier entwickelt. Ich hätte nie erwartet, an diesen Punkt zu kommen.» Ihr Engagement für «Oxygen» hat Aischa selbstbewusster gemacht.

Razzien und zerstörte Druckmaschinen

Doch der Einsatz der Bürgerjournalistinnen ist alles andere als ungefährlich. Sie setzen sich grossen Gefahren aus und müssen alles im Geheimen tun: Die Redaktionsbüros versteckt halten, die Zeitung nachts im Dunkeln verteilen. «Am Anfang hatten wir viele Schwierigkeiten, es gab jeden Tag Razzien», erzählt Nabil. «Jemand verriet dem Geheimdienst unser Redaktionslokal. Zweimal zerstörten sie unsere Druckmaschinen, sie konfiszierten Computer und Kameras. Aber wir machen weiter.» Ihre Identität halten die Redaktionsmitglieder geheim. Aischa, Fatima und Nabil heissen in Wirklichkeit anders. Auch den Ort unseres Gesprächs möchten sie nicht nennen, kritische Journalisten leben in Syrien noch gefährlicher als der Rest der Bevölkerung.

Wie kritisch können Bürgerjournalisten sein?

Die «Oxygen»-Redaktion sympathisiert mit den Aufständischen, die das Städtchen seit etwas mehr als einem Jahr kontrollieren. Dennoch bemühten sie sich, möglichst objektiv zu berichten. «Auch die Freie Syrische Armee macht Fehler, und wir möchten die Leute damit konfrontieren. Ich will nicht ihr Loblied singen», sagt Nabil. «Ich möchte Medien, die die Wahrheit sagen. Wenn das Regime fällt, wollen wir redliche Medien.» Dass diese Redlichkeit nicht leicht zu verwirklichen ist, ist logisch. Schliesslich sind die Menschen in Zabadani abhängig von den Aufständischen – alles liegt in deren Hand: vom physischen Schutz der Bevölkerung bis zum Nachschub an Lebensmitteln.

Manchmal wüssten sie nicht, woher sie die Kraft nehmen, weiterzuschreiben. Der tägliche Kampf ums Überleben beschäftigt sie genauso wie alle anderen Syrerinnen und Syrer. Dennoch machen Aischa, Fatima und Nabil weiter mit ihrer Zeitung. Denn auch wenn Syriens Zukunft momentan düster aussieht: Das Zeitungsprojekt gibt ihnen einen Vorgeschmack auf ein anderes Leben.

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