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Tabus brechen «Benenne das, wofür du dich schämst»

Katja Lewina schreibt über Lust und Sex, offen und persönlich. Sie will das gesellschaftliche Modell der willigen Frau und des triebgesteuerten Mannes ins Wanken bringen.

Eine Frau schaut in die Kamera.
Legende: «Sex gehört in die seriöse Tagespresse», sagt die Autorin Katja Lewina. Marcus Möller

Ihr kamen die Tränen, als sie die Kommentare zu ihrem ersten Artikel gelesen hatte. Vor allem Männer zogen niveaulos über sie her, sagt Katja Lewina.

Dabei hatte sie eigentlich nur über ihre offene Beziehung geschrieben, die sie seit einigen Jahren führt. Dazu entschied sich das Paar, nachdem der Mann fremdgegangen war.

Bereits im Freundeskreis irritiert die offene Beziehung, obwohl viele in ihrem Umfeld aufgeklärt und mehrheitlich akademisch gebildet seien. Aber für die meisten sei nach wie vor die monogame Beziehung das Ideal.

Um Ängste und Vorurteile abzubauen, denen sie so oft begegnet, sucht sie das Gespräch. Sie will Klartext reden, auch öffentlich.

In den Medien Normen hinterfragen

So verfasst sie 2016 ihren ersten Text «Wie die Affäre meines Freundes unsere Beziehung rettete» , Link öffnet in einem neuen Fensterund schickt ihn an die Redaktion von Vice, einem Online-Magazin für junge Erwachsene. Weil dort – so sagt sie – gerne Texte abgedruckt würden, die Normen hinterfragen.

Katja Lewina

Katja Lewina

Journalistin, Autorin

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Katja Lewina schreibt als freie Autorin für das Onlinemagazin Vice, jetzt.de, zeitonline oder Magazine wie Playboy oder Nido. Ihr Themenschwerpunkt: Sex, Lust und Klischees. Die ehemalige Kunstmanagerin wurde in konservativen Verhältnissen gross: Sie kam 1984 in Moskau zur Welt und besuchte später in Deutschland ein katholisches Gymnasium.

Homepage von Katja Lewina, Link öffnet in einem neuen Fenster

Die Redaktion nimmt ihren Text umgehend an. Es folgen weitere Aufträge von anderen Medien wie zeitonline und jetzt.de oder Magazinen wie Playboy und Nido.

Schreiben über Sex, Lust und Klischees

Ihren Job als Künstlermanagerin hängt die 33-Jährige bald an den Nagel, um sich ganz dem Schreiben widmen zu können, dem Schreiben über Sex, über Lust und über Klischees. Darüber, dass wir aufhören sollten, gut im Bett sein zu wollen, Link öffnet in einem neuen Fenster, oder wie es sich anfühlt, 469 Mal im Dezember zu masturbieren, Link öffnet in einem neuen Fenster.

«Ich teile gerne meine Erfahrungen und rede offen über meine Bedürfnisse, sonst würde ich nicht solche persönlichen Texte schreiben», sagt die Autorin.

Schamhaft aufgewachsen

Als Kind und Jugendliche hingegen wurde ihr der Mund verboten. «Ich bin total schamhaft aufgewachsen», sagt Katja Lewina, die 1984 in Moskau zur Welt kommt. Mit sechs Jahren zieht die Familie nach Deutschland. Dort besucht sie später ein katholisches Gymnasium.

Sowohl in der Schule als auch am Familientisch ist das Thema Sexualität ein Tabu. Der beste Weg ist die Flucht nach vorn, sagt sie: «Benenne das, wofür du dich schämst und die Scham wird weniger werden.»

Die Scham wurde weniger, weil Katja Lewina sie schreibend anging.

Vorurteile durchs Schreiben überwinden

Obwohl ihre Texte vor allem aus ihrer persönlichen Perspektive verfasst sind, betont sie, gehe es ihr nicht um Exhibitionismus. Vielmehr ist sie überzeugt, dass Rollenvorstellungen, Klischees und Vorurteile überwunden werden können, indem man darüber redet – und schreibt.

Damit trifft sie bei ihren Leserinnen und Lesern einen wunden Punkt. Regelrecht überflutet wird sie mit Nachrichten und Kommentaren; vor allem Männer beschimpften sie. Von «oberflächlich» und «narzisstisch» bis hin zu «bindungsunfähiger Krüppel» ist alles dabei.

Reaktionen zum Thema machen

«Anfangs war das die Hölle für mich», sagt sie. «Ich dachte, ich kann gleich wieder aufhören mit Schreiben», erinnert sie sich. Nachdem sie den Schock verdaut hatte, machte sie die heftigen Reaktionen in einem weiteren Artikel , Link öffnet in einem neuen Fenstergleich zum Thema.

«Menschen fühlen sich stark provoziert von Frauen, die sich artikulieren». Es sei nach wie vor nicht selbstverständlich, dass eine Frau offen und selbstbewusst ihre Bedürfnisse einfordert und Lust am Sex zeigt, erklärt Katja Lewina die heftigen Reaktionen. Das gesellschaftliche Modell der willigen Frau und dem triebgesteuerten Mann kommt ins Wanken.

Ansporn zum Weiterschreiben

Mittlerweile kann sie die wüsten Kommentare wegstecken. So paradox es klingt: Diese würden sie letztlich anspornen, weiterzuschreiben. «Solange sich die Menschen darüber aufregen, wenn eine Frau öffentlich über Sex spricht, gehört das Thema immer und immer wieder durchgekaut – bis kein Hahn mehr danach kräht.»

Solange, bis sexuell aktive Frauen keine Provokation mehr sind. Auch wenn bis dahin noch zwei Jahrzehnte verstreichen sollten: Katja Lewina ist geduldig.

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