Taiwan produziert Nachrichten wie Computerspiele

Fernsehen lebt von Bildern. Was tun, wenn sich Promi-Paare hinter verschlossenen Türen streiten oder ein Flugzeug abstürzt? Was zeigen, wenn es keine Bilder gibt? Dann produziert ein taiwanesisches Animationsstudio Trickfilm-Sequenzen – und exportiert sie in die ganze Welt.

Der ehemalige iranische Präsidenten Ahmadinedschad erscheint als digitales Bild auf einem Computerbildschirm.

Bildlegende: Eine digitale Version des ehemaligen iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, erstellt vom Studio Next Media Animation. Martin Aldrovandi

Die Ex-Frau von Tiger Woods schlägt mit einem Golfschläger auf die Heckscheibe von Woods Wagen ein. Mit diesem Clip wurde Next Media Animation aus Taipeh vor viereinhalb Jahren weltweit bekannt. Während andere Medien den Ehestreit nur beschreiben konnten, stellten ihn die Taiwanesen mit einem Trickfilm nach.

In Ganzkörper-Anzügen mit Sensoren führen Schauspieler die geforderten Bewegungen aus. Im so genannten Motion-Capture-Verfahren werden diese aufgezeichnet, an einen Computer weitergeleitet und schliesslich zu einem Trickfilm verarbeitet.

Bedürfnis nach Trickfilmen

«Bei einem Flugzeugunglück gibt es meistens Aufnahmen von den Folgen, doch vom eigentlichen Absturz existiert oft kein Bildmaterial», so erklärt Michael Logan das Bedürfnis nach News-Trickfilmen. Der Direktor für Content Development ist zuständig für die internationalen Nachrichten bei Next Media Animation.

Ein Taiwanese sitzt vor seinem Computer in einem Grossraumbüro.

Bildlegende: Michael Logan an seinem Arbeitsplatz, in der Redaktion für internationale News. Martin Aldrovandi

Animierte Beiträge verstärken die Emotionen bei den Zuschauern, weiss Benjamin Cheng, Kommunikationswissenschaftler an der Hong Kong Baptist University. Cheng hat in den vergangenen Jahren mehrere Studien zur Rezeption bei Hongkonger Studenten und Mittelschülern durchgeführt.

Animierte News funktionierten besonders stark bei Gewaltverbrechen, so Cheng weiter. Die befragten Zuschauer empfanden die Täter in den animierten Clips als fieser als in gewöhnlichen TV-Beiträgen. Gleichzeitig zeigten sie mehr Mitleid mit den Opfern.

Als besonders problematisch sieht Cheng dabei ausgeschmückte Details wie die Gesichtsausdrücke der Protagonisten. «Sie haben sogar Sprech- und Gedankenblasen, der Zuschauer sieht was die Protagonisten sagen und denken», so Cheng.

Emotionen auf Knopfdruck

Benjamin Cheng war selbst überrascht, dass die befragten Zuschauer die Clips trotzdem als mindestens so glaubwürdig einstuften wie herkömmliche Nachrichten. Dabei würden die Beiträge eine realistische Wiedergabe suggerieren, die es so gar nicht geben könne. Schliesslich sei der zuständige Redaktor nicht dabei gewesen, viele der dargestellten Details seien gar nicht bekannt.

Das Produktionsstudio in Taipeh forscht derweil an der Zukunft von animierten Nachrichten. So hat es eine Software entwickelt, die Gesichter von Fotos erkennt und in 3-D-Modelle umwandelt, die die Grafiker dann in die Filme einbauen. Auf einer Skala können die Emotionen der Protagonisten eingestellt werden: Je nachdem wie hoch der Regler bei «Ärger», «Freude», «Angst» geschoben wird, verändern sich die Gesichtszüge der Figuren.

Animierte Clips als News-Ersatz?

Ob ein fremdgehender französischer Präsident oder ein boxender Obama: Im Westen wird das Studio wegen seiner übertriebenen Clips oft belächelt. Was viele nicht wissen: Next Media Animation vertreibt inzwischen auch seriöse Nachbildungen über die Nachrichtenagentur Reuters in die ganze Welt.

Die animierten Busunfälle, explodierenden Raketen oder sinkenden Schiffe tauchen längst auch in deutschsprachige Medien auf.

Werden animierte Beiträge traditionelle Aufnahmen irgendwann ersetzen? Michael Logan winkt ab: «In Zeitungen gab es früher nur Texte, später kamen Zeichnungen und schliesslich Fotos dazu». Die Zeitungsseiten bestünden deswegen heute ja auch nicht nur aus Bildern.

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