Tanz in eine fremde Kultur

Ein jugendlicher Russe zieht nach Dänemark. Mit einer Dänin will er das Tanzparkett erobern. Der DOK-Film «Tanz mit mir» zeigt, wie sich die beiden blutjungen Tänzer verzweifelt bemühen, Grenzen zu überschreiten und dabei ihre Gefühle im Zaum zu halten.

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Mie und Egor auf dem Weg zum Turnier – und zum Erwachsensein

2:38 min, vom 26.5.2003

Mie trägt üppigen Schmuck an Hals und Ohren. Ihr Haar ist streng an den Kopf gebunden, lange, künstliche Wimpern kleben an den stark geschminkten Lidern der 14-Jährigen. Egor, ihr Tanzpartner, umarmt sie angespannt von hinten. Er ist sichtlich nervös. Er spricht Mie einige letzte Worte zu, bevor der Wettbewerb beginnt. Oder sagt er das zu sich selbst? Dann stolzieren die beiden auf die Bühne: Die Jury bittet zum Jive.

Der Tänzer Egor Kondratenko ist Russe und wohnt bei Mie Lincke Funch und ihren Eltern in Dänemark. Da die Suche nach einem gleichwertigen Tanzpartner für Mie in Dänemark erfolglos war, zog der 15-Jährige zu ihr. Gemeinsam wollen sie nun lateinamerikanische Tänze trainieren und internationale Wettbewerbe bestreiten.

Tanzen um jeden Preis

Portrait des russischen Tänzers Egor Kondratenko.

Bildlegende: Der 15-jährige Igor lässt für das Tanzen alles zurück: seine Eltern, seine Heimat, sein Zuhause. SRF

«Ich wollte nicht von zu Hause weggehen, ich wollte einfach nur tanzen», sagt Egor mit flatternder, vom Stimmbruch geplagter Stimme. Für diesen Wunsch opfert er viel. Das Leben in unvertrauter Umgebung fällt ihm oft schwer, er sehnt sich nach seiner Mutter. Trotzdem trainiert er beharrlich und versucht, sich in die dänische Familie einzufügen.

Was das gemeinsame Leben und die Zusammenarbeit für Mie und ihn bedeutet, hat die dänische Filmemacherin Katrine Philp in ihrer Dokumentation von 2012 festgehalten. Sie hat die beiden Teenager über ein Jahr lang filmisch begleitet, privat und bei Wettkämpfen.

Leben und Tanzen in einer fremden Kultur

Die Dokumentation des Tanzpaares war zunächst als Kurzfilm einer Serie geplant, die junge Menschen der Sport-Elite porträtieren sollte. Als Katrine Philp jedoch erfuhr, dass Egor erst zehn Tage bei Mie in Dänemark lebte, habe ihr dies ein neues Thema eröffnet.

Das Thema geht weit über den Tanz der beiden hinaus: Wie findet sich Egor in der fremden Kultur zurecht? Wie geht er mit dem zunehmenden Erfolgsdruck um? Und wie stark muss er seine Gefühlswelt verbergen? Kann er sie beherrschen?

Die persönliche Ebene des Tanzes

Es sind intime und vielschichtige Gespräche der beiden jungen Tänzer, die den hektischen Tanzszenen des Films ein Gegenstück bieten. Am See, auf Spaziergängen oder zuhause im Zimmer zeigt sich, dass sich die gemeinsame Arbeit mit- und aneinander immer auch auf die persönliche Ebene verlagert und den beiden Heranwachsenden viel gegenseitiges Verständnis abverlangt.

Oft bleibt unklar, ob sich ihre Aussagen auf das Tanzen oder auf das Leben neben dem Parkett beziehen: «Ich will nicht wie ein Stein sein. Wenn ich glücklich bin, will ich es zeigen», sagt Mie. Und Egor entgegnet: «Es geht nur dich etwas an, wenn du deine Gefühle versteckst.» Der junge Tänzer zieht sich immer mehr zurück. «Wenn ich jemanden vermisse, behalte ich das lieber für mich», sagt er.

Hinter die Fassade schauen

Die Tänzerin Mie Lincke Funch schaut aus einem Autofenster.

Bildlegende: Die Schminke wirkt manchmal wie eine Maske: Mie Lincke Funch auf dem Weg zu einem Turnier. SRF

Das Leben um Cha-Cha-Cha, Rumba und Paso Doble zwingen Mie und Egor, immerzu selbst beherrscht zu sein. «Professionelle Tänzer pflegen eine Fassade aufzubauen, die nur schwer zu durchdringen ist», sagt Katrine Philp. Einfühlsam und still beobachtend wagt sie einen Blick hinter diese Fassade.

Auch wenn der Tanz von Mie und Egor noch nicht vollkommen ist, so arbeiten sie hart daran. Dazu gehört auch, dass sie lernen, ihre Emotionen zu kontrollieren. «Die noch nicht erreichte Perfektion», habe die Filmemacherin Katrine Philp gereizt, erzählt sie in einem Interview.

Unperfekter Tanz – perfekte Protagonisten

Egor scheint diese Gefühlskontrolle zeitweilig zu gelingen. Auf der Tanzfläche jedoch verrät sein energischer, bisweilen fast wütend anmutender Blick die Verbissenheit und die Enttäuschung nach Niederlagen. Den Tanz auch geniessen zu können, das sei sein Ziel: «Man kann nicht glücklich sein, wenn etwas nicht funktioniert.»

Für die Dokumentarfilmerin Katrine Philip waren die beiden Teenager und deren Suche nach Perfektion ein Glücksfall: «Es ist wunderbar, dass ihre Emotionen immer noch so einfach zu lesen sind. Man kann ihre Gefühle sehen und wie sie noch nicht gelernt haben, diese zu kontrollieren.»

Sendeplatz

Mittwoch um 22:55 Uhr auf SRF 1.

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