«Der Markt ist ein Konstrukt» Theologe entlarvt die Vergötterung des Marktes

In seinem Buch hinterfragt Peter Seele den Marktbegriff. Der Markt, sagt Seele, existiere nicht.

Kleine Stierfigur mit angebrochenem Hals vor einer Kurstabelle.

Bildlegende: «Die Leitgeschichte der freien Märkte, so wie sie erzählt wurde, trägt nicht mehr», sagt Peter Seele. Reuters

  • In «‹Der Markt› existiert nicht» kritisiert Peter Seele die Vergötterung des Wirtschaftsmarktes.
  • Nach Peter Seele und seinen Co-Autoren verhindert die Vergötterung die Freiheit des Marktes.
  • Die Autoren fordern, dass die Akteure der Wirtschaft wieder mehr Verantwortung übernehmen.

Wer entlässt die Angestellten?

In den Wirtschaftsnachrichten ist immer von den Märkten die Rede. Die Märkte bestimmen und diktieren mitunter sogar.

Der Markt «entscheidet», ob eine Firma dichtmacht und Menschen entlassen werden «müssen». So hat es Peter Seele in Wirtschaftstexten oft gelesen und entlarvt dies nun als «Marktvergötterung»: Solch ein Markt existiere nicht.

Der Philosoph und Theologe Peter Seele lehrt an der Universität Lugano Wirtschaftsethik. Zusammen mit Kollegen schrieb er das Buch: «‹Der Markt› existiert nicht». Im Untertitel: «Aufklärung gegen die Marktvergötterung».

Vergötterung verhindert Freiheit

Vergötterung? Damit meint Seele nicht direkt die Anbetung des Geldes oder der Märkte, sondern die angebliche Diktatur des Marktes von unsichtbarer Hand.

Wie ein paternalistischer oder allmächtiger Gott würde der Markt bestimmen, was und wie Menschen handeln. Aber das stimme nicht. «Wir glauben, dass durch die Marktvergötterung der freie Markt verhindert wird», schreiben Seele und seine Co-Autoren.

Den Götzen entlarven

Peter Seele ist nicht gegen, sondern für eine freie Marktwirtschaft. Die sei nur eben nicht mehr frei, sondern werde beherrscht von Marktgötzen.

Das belegt Seele vor allem an der Sprechweise von Wirtschaftstexten. Dort agiert der Markt als aktives Objekt: Der Markt fordert und entscheidet.

So redend berufen sich Wirtschaftsführer in ihren Entscheidungen gerne auf «den» Markt. Sie rufen also gleichsam den Marktgott an. Doch den möchte Peter Seele nun als Götzen entlarven, also als erfundenen Gott.

Damit ist dann auch unser menschliches Wirtschaftshandeln keine Reaktion mehr auf die göttlichen Gebote des Marktes. Im Gegenteil stellt sich heraus: Wir agieren immer selbst und bleiben selbst verantwortlich im Markt.

Verantwortung übernehmen

Peter Seele und Co-Autor Lukas Zapf geht es darum, dass Wirtschaftsakteure wieder die volle Verantwortung für ihr Markthandeln übernehmen. Freilich sei es für Aktienhändler und Wirtschaftsbosse aktuell viel bequemer, die Verantwortung auf Algorithmen zu schieben oder auf «den» Markt.

Darum kritisiert Peter Seele auch GmbHs, Gesellschaften mit beschränkter Haftung. Sie seien als juristische Personen nur deshalb erfunden worden, damit Wirtschaftsakteure weniger Verantwortung tragen müssten.

Der Markt, das mythologische Wesen

Peter Seele räumt ein, dass GmbHs viel Aufschwung gebracht hätten, weil die nur beschränkte Haftung die Risikobereitschaft erhöht. Das lockte zu mehr Investitionen und brachte Unternehmen in Gang. Aber: Dieser Effekt sei längst verflogen und ins Gegenteil verkehrt. Siehe Bankenkrise und Immobilienblase.

«Die Leitgeschichte der freien Märkte, so wie sie erzählt wurde, sie trägt nicht mehr», sagt Peter Seele. Selbst Linksintellektuelle hätten oft nicht begriffen, dass der Markt ein Konstrukt sei, das es ganz rational zu entmythologisieren gelte, argumentiert Seele: «Das Anbeten der Märkte wird auch von Marktkritikern in derselben rhetorischen Weise vollzogen.»

Aufklären, nicht dämonisieren

Auch Jean Ziegler etwa verwende das Bild vom Marktgötzen. Indem Ziegler den Marktgötzen aber ständig negativ beschwöre, bestätige er dessen Existenz geradezu.

Seele und seine Kollegen gehen da weiter. Sie möchten keine Dämonisierung, sondern eine Aufklärung der Marktwirtschaft. Darum schrieben Peter Seele, sein Kollege Lukas Zapf, der Germanist Jochen Hörisch und der Aargauer Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg ihr Aufklärungsbuch.

Im philosophischen Mittelteil ist es richtig anstrengend zu lesen. Aber Peter Seele möchte als logischer Denker ernst genommen werden. Er will nicht neu polemisieren, sondern rational argumentieren und Ideologie abbauen.

Die Verantwortung für wirtschaftliches Handeln, schreibt Seele, solle endlich dahin zurück, wo sie hingehöre, nämlich in die Hände derer, die handeln.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, 30. Juli 2017, 8.30 Uhr.

Buchhinweis

Peter Seele, Lucas Zapf: «‹Der Markt› existiert nicht!», Springer, 2017.

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